Peter Schwindt
Schwarzfall
Thriller, Taschenbuch
Piper, München, April 2010
283 Seiten / 8,95 €
ISBN: 9783492258166
Nach einer dreimonatigen Hitzewelle über ganz Deutschland mangelt es den Kraftwerken an Kühlflüssigkeit und der Strom fällt aus. Ganz besonders betroffen sind dabei die Ballungsgebiete rund um die deutschen Großstädte. Besonders hart trifft es dabei den Großraum Frankfurt am Main.
Unterschwellig brodelnde Konflikte, sowohl zwischenmenschlich als auch sozial, kochen sich in der andauernden Hitze und der einsetzenden Lebensmittel- und Hygieneknappheit hoch und bald sorgen Müllberge, Exkremente an jeder Ecke, Benzinmangel und der Verlust jeglicher Hemmungen dafür, dass sich inmitten der Stadt die Menschen zu Gruppen zusammenrotten und Plünderungen und Gewaltakte überhandnehmen.
Der selbst in Frankfurt am Main lebende Jugendbuchautor Peter Schwindt berichtet in seinem eindrucksvollen Roman, welcher sich dieses Mal an Erwachsene richtet, vom Zusammenbruch der Ordnung in einem von sozialen Unterschieden und innerfamiliären Konflikten geprägten Großstadtklima.
Anhand von Einzelschicksalen der Ärztin Katharina Debus und ihrer Mutter Helene, den jungen Eltern Jessica und Patrick mit Sohn Marvin und dem Oberstudienrat Harald Hellmann nebst Familie, deren Wege sich mehrmals im Laufe der Geschichte kreuzen, bringt er dem Leser die gnadenlose Hilflosigkeit der Bevölkerung nahe, die entsteht, weil plötzlich kein Strom mehr verfügbar ist.
Wie sehr man sich dabei bisher auf das ständige Vorhandensein dieser Energieform verlassen hat, wird deutlich, wenn er das Ausmaß schildert, das sich dadurch ergibt: Da verderben die Lebensmittel im Supermarkt, die Zapfsäulen an Tankstellen fördern keinen Sprit mehr, die Kläranlagen stellen ihren Dienst ein und fließendes Wasser wird auch knapp.
Innerhalb weniger Tage versinkt die Mainmetropole im absoluten Chaos, denn niemand hat mit einer solchen Entwicklung gerechnet.
Während die Besserverdiener im Viertel Seckbach eine Nachbarschaftswehr unter Führung des großspurigen Lehrers Hellmann gründen, um den eigenen Komfort zu sichern und so unverhohlen ihre sozialen Vorteile ausspielen, müssen sich die jungen Eltern Jessica und Patrick aus der Hochhaussiedlung am Atzelberg nehmen, was sie kriegen können, um ihr Überleben zu sichern.
Schwindt macht dabei deutlich, dass Patrick eine weniger geachtete Gesellschaftsschicht vertritt, welche sich mit kriminellen Handlungen anstelle mit sogenannter ehrlicher Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen, weil sie nie gelernt und auch keine Lust haben, den gesellschaftlich anerkannten Weg zu gehen.
Das Umfeld der Ärztin Katharina Debus, welche privat zusätzlich mit ihrer dementen Mutter zu tun hat, zeigt dafür, welches Chaos in der Gesundheitsvorsorge ausbricht, sollte diese Utopie des Autors einmal Wirklichkeit werden. Der nach Monaten befreiende Regen, auf den alle Einwohner nämlich gewartet haben, ist schlussendlich nicht die kommende Erlösung aus der Situation, denn andere Probleme haben längst überhandgenommen.
So können kritische Patienten nicht mehr am Leben gehalten werden, weil die Klinikleitung die Wartung der Notstromgeneratoren aus Spargründen einem externen Dienstleister übertragen hat, der natürlich nicht schnell genug reagieren kann, um die Geräte am Laufen zu halten. In der Konsequenz verlieren viele Menschen ihr Leben und das Personal muss hilflos alles mit ansehen.
Auf diese Art und Weise übt Peter Schwindt neben einem sehr unterhaltsamen weil nachvollziehbaren Plot deutliche Kritik am bestehenden System, lässt jedoch auch immer wieder Platz für eingestreute Beweise der Menschlichkeit, die zweifelsohne auch aus einer solchen Situation erwachsen können.
Die Figuren vertreten zwar ein paar der üblichen Reißbrettklischees, besonders wenn es um die Darstellung der sozialen Unterschiede geht, doch bleiben stets vielschichtig und realistisch.
Ihr Verhalten erkennt man als Leser sicher wieder, wenn man sich einmal in einer Extremsituation befunden hat.
Dieses Kunststück auf 283 Seiten zu vollbringen und der Geschichte trotz all dem Chaos einen befriedigenden Schluss zu geben, muss man Peter Schwindt, sonst Autor der Jugendbuchreihe »Justin Time«, sehr zugutehalten.
Fazit:
»Schwarzfall« ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man jenseits aller Krimikost einen regional geprägten, packenden Spannungsroman konstruieren und erzählen kann, der jederzeit unterhält und auch gerade aufgrund seines übersichtlichen Umfangs einen deutlichen Nachhall im Bewusstsein des Lesers hat. Eine ganz klare Empfehlung!
©Mirko Röhm |