Simon Beckett
Obsession
Thriller, Taschenbuch
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, April 2009
448 Seiten / 9,95 €
ISBN: 9783499248863
Die Geschichte beginnt einen Tag nach der Beerdigung von Sarah Murray, die ihren Mann Ben und ihren autistischen Sohn Jacob zurücklässt. Ben beginnt, Sarahs Sachen wegzuräumen und entdeckt dabei eine Kassette, in der Zeitungsabschnitte die Vermutung nahelegen, dass Jacob gar nicht Sarahs leiblicher Sohn war. Alles spricht dafür, dass Sarah das Kind kurz nach seiner Geburt entführt und als eigenes aufgezogen hat. Ben stellt sich der Tatsache und mittels eines Privatdetektivs findet er Jacobs leiblichen Vater. Doch Ben geht noch einen Schritt weiter. Er versucht die Wahrheit zu ergründen, was damals wirklich geschehen ist und informiert die Behörden. Diese Entscheidung bringt jedoch den Stein ins Rollen, denn nun sind zwei Männer zwanghaft besessen von dem Wunsch, den Jungen zu besitzen. Der leibliche Vater, John Cole, will Jacob ganz für sich allein, Ben besteht auf seinem Besuchsrecht und sucht nach Beweisen, um dieses durchzusetzen. Ein Katz- und Mausspiel beginnt, dessen tödlichen Ausgang sich keiner der Beteiligten anfänglich vorstellen konnte.
Aufgrund der Ankündigung war mir klar, dass mich mit diesem Buch etwas anderes erwartet als ich es von Simon Beckett gewohnt war. Und unter diesem Aspekt habe ich es auch versucht zu lesen und bemühe mich hier auch um eine realistische Bewertung der Story, ohne Vergleiche zu den neueren Büchern des Autors.
Obsession ist ein reiner Psychothriller. Dementsprechend langsam, aber dafür tiefgründig baut sich die Handlung auf. Als Leser erlebt man die Geschichte aus der Sicht von Ben Murray und identifiziert sich zunächst einmal mit diesem Protagonisten. Doch schon bald betreten andere Personen die Handlung und plötzlich bemerkt man, dass Ben nicht so unfehlbar ist, wie es anfänglich scheint. Er ist mit der Situation völlig überfordert und braucht Hilfe, doch dann tut er Dinge, die mir nicht gefallen. Das beginnt damit, dass er Jacob scheinbar völlig emotionslos an seinen richtigen Vater abgibt (dieses Wort wähle ich bewusst, denn mir kam es beim Lesen tatsächlich so vor, als sei der Junge in diesem Zusammenhang ein Gepäckstück und kein Kind). Und damit lernt der Leser John Cole kennen. Mit der Charakterisierung dieses Mannes ist Simon Beckett in meinen Augen ein Meisterstück gelungen. Er beschreibt ihn als wahren Kotzbrocken, dem man lieber nicht im Dunkeln begegnen möchte, doch dann kommen die Szenen, in denen sich Cole um seinen Jungen kümmert. Jacob gibt seinem Vater einen ganz neuen Lebensinhalt, nämlich sich selbst. Coles Leben wird nun ausschließlich von einem Kind bestimmt, welches einfach nur da ist und kaum eine Gegenleistung für die Liebe seines Vaters erbringen kann. Doch Cole hat die ersten 6 Jahre im Leben seines Sohnes versäumt und dies lässt sein Verhalten zwar nicht entschuldigen, aber dennoch zu einem Teil verstehen.
Genauso unentschuldbar sind auch die Beobachtungsausflüge, die Ben Murray unternimmt, um Beweise zu erbringen, dass Jacob bei Cole nicht sicher ist. Kämpft er zunächst noch nur für sein Besuchsrecht, so wird ihm aber schnell bewusst, dass er seinen Stiefsohn wieder zurück haben möchte. Die Frage, warum er ihn erst freiwillig hergegeben hat, konnte mir der Autor allerdings nicht gänzlich zufriedenstellend beantworten. Sicher spielen Moral und Ethik eine Rolle bei der Entscheidung, die Ben getroffen hat, dennoch konnte ich sie in dieser Form nicht nachvollziehen.
Die Liebe Coles zu seinem Sohn und sein daraus schlussfolgerndes Handeln ist genauso obsessiv wie Bens Kampf um sein Besuchsrecht bei Jacob. Das Buch beinhaltet interessante Charakterstudien, welchen Einfluss Tod, Verlust und Schulgefühle auf Menschen haben können. Mag die beschriebene Situation auch die Ausnahme sein, die Auswirkungen sind jedoch so fatal wie im wirklichen Leben.
Fazit:
Insgesamt ist »Obsession« ein tiefgründiger Psychothriller mit ebenso tiefgründig charakterisierten Protagonisten, welches mich als Leser völlig in seinen Bann gezogen hat. Auch wenn es sich von der Handlung her völlig von den David Hunter Romanen unterscheidet, kann man doch den Autor Simon Beckett während des Lesens erkennen. Diesmal nicht an der Beschreibung von den verschiedenen Stadien der Verwesung menschlicher Leichen, sondern an seiner Art, Protagonisten eine Identität zu verleihen.
© Anke Brandt |