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Rezension - Geheime Melodie

John le Carré
Geheime Melodie
Originaltitel: The Mission Song
Übersetzung: Aus dem Englischen von Sabine Roth, Regina Rawlinson

Thriller, Taschenbuch
List Verlag, Berlin, Oktober 2007
416 Seiten / 9,95 €
ISBN: 9783548607566

Die Region Kivu im Osten des Kongos soll zu den schönsten Landstrichen Afrikas zählen. Die dortigen politischen Zustände jedoch sind haarsträubend. Bei Wikipedia kann man über den Kongo nachlesen: »Durch Misswirtschaft, Bürgerkrieg und Korruption ist die Verwaltung und Infrastruktur des Landes fast völlig zerfallen, die territoriale Souveränität der Regierung ist insbesondere im Osten des Landes nicht mehr gegeben, zahlreiche Rohstoffe der entsprechenden Provinzen werden von den Nachbarländern Uganda, Ruanda und Burundi ausgebeutet. Aufgrund ihrer Instabilität wird die ›Demokratische Republik Kongo‹ auch als zerfallener Staat bezeichnet.« Gerade in Kivu, wo diverse Warlords mit Armeen von Kindersoldaten gegeneinander kämpfen, gehören Massenmord und Massenvergewaltigung zur Tagesordnung und ist das Elend der Zivilbevölkerung unermesslich.

Mit Kivu beschäftigt sich John le Carrés Thriller »Geheime Melodie«. Hauptperson ist das Sprachgenie Bruno Salvador, kurz Salvo genannt. Der Sohn eines irischen Missionars und eines kongolesischen Dorfmädchens lebt in London, arbeitet als Dolmetscher und integriert sich scheinbar bestens in die britische Gesellschaft. Beruflich sehr erfolgreich ist er mit der aus der Upper Class stammenden Erfolgsjournalistin Penelope verheiratet. Beinahe britischer als die Briten selbst arbeitet er sogar für den Geheimdienst. Tatsächlich aber ist Salvos Ehe längst am Ende und hat er eine leiden-schaftliche Affäre mit der kongolesischen Krankenschwester Hannah.

Eines Tages übernimmt Salvo einen weiteren Dolmetscherjob für den Geheimdienst. Gemeinsam mit einigen Söldnertypen wird er per Flugzeug auf eine abgelegene Nordseeinsel gebracht, wo eine hochgeheime Konferenz stattfindet: Vertreter eines Syndikats aus britischen Finanziers verhandeln mit zwei Warlords und dem Sohn eines Großunternehmers aus Kivu über einen gewaltsamen, von Söldnern ins Werk zu setzenden Putsch im Ostkongo. Der Mwangaza, ein legendärer Freiheitskämpfer, der der Bewegung »Pfad der Mitte« vorsteht, soll als Machthaber eingesetzt werden. Das britische Syndikat wird den Putsch finanzieren, dafür darf man ein Jahr lang sämtliche Bodenschätze der Region - für allem das für die Produktion von Handys notwendige Coltan - kostenlos schürfen. In den folgenden Jahren soll dann aber ein Teil des Gewinns für die Entwicklung der Region verwendet werden. Salvo ist begeistert, denn mit dieser Regelung wird endlich etwas für die Menschen von Kivu getan. Dafür bürgt nicht nur der gute Name des Mwangaza. Dem britischen Syndikat steht der berühmte Politiker Lord Jack Brinkley vor, ein ehemaliger Minister Tony Blairs, ein langjähriger Gutmensch und Förderer Afrikas. Während Hannah all ihre Hoffnungen auf den Mwangaza setzt, schwärmt die linksliberale Penelope unsterblich für Brinkley.

Nur sind die näheren Umstände der Konferenz etwas komisch: Ein Vertrag soll abgeschlossen werden, in dem weder die Mitglieder des Syndikats noch ihre afrikanischen Partner namentlich genannt werden, und in dem zwar von landwirtschaftlichen Geräten die Rede ist, es in Wahrheit jedoch ausschließlich um Waffen und Schürfrechte geht. Außerdem ist die ganze Insel verwanzt und Salvo dolmetscht nicht nur während der Konferenz, sondern übersetzt auch, was die afrikanischen Partner in den Verhandlungspausen scheinbar unbeobachtet miteinander zu reden haben. So kommt heraus, dass der Unternehmer aus Kivu noch mit anderen internationalen Interessenten über die begehrten Bodenschätze verhandelt.

Als Salvo während einer weiteren Verhandlungspause kurz die Mikros im Keller aktiviert, stellt er fest, das Hay, der angereiste Sohn des Unternehmers, dort gerade von den Söldnern gefoltert wird. Anscheinend hat man ihn an den Händen aufgehängt, ihm die Hosen herunter gezogen und traktiert man ihn nun mit Elektroschocks. Hay gesteht, dass auch US-Investoren im Umkreis der amerikanischen Neokonservativen (also der Bushadministration) am wertvollen Coltan interessiert sind. Die Solidarität seines Vaters mit dem britischen Syndikat kann aber mit einigen weiteren Millionen problemlos erkauft werden. So wird Lord Brinkley in London angerufen. Er gibt seine Zustimmung zu den Millionen und die Verhandlungen werden fortgesetzt.

Aber es ist alles noch viel schlimmer. Denn der angebliche Putsch ist längst mit den Machthabern in Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo, abgekartet. Kinshasa wird das Syndikat gewähren lassen, dafür jedoch wird alles Geld, das eigentlich in die Entwicklung von Kivu fließen soll, als Bestechung nach Kinshasa gehen. Für die Bevölkerung bleibt gar nichts. Der Mwangaza, ein typischer Vertreter der heutigen afrikanischen »Elite«, ist längst korrupt geworden und hat seine Anhänger und sein Volk verraten und verkauft.

Salvo weiß: Im Pulverfass des Ostkongo genügt ein einziger Funke, um einen neuen Flächenbrand von Bürgerkrieg und Massenmord auszulösen. Also beschließt er zu handeln: Es gelingt ihm, einen Teil der Tonbanddokumente an sich zu nehmen und nach London zu schmuggeln. Gemeinsam mit Hannah taucht er unter und will er die sich anbahnende Katastrophe verhindern. In unvergleichbarer Naivität glaubt er, er müsse nur Lord Brinkley über die wahren Sachverhalte informieren, um den geplanten Putsch zu stoppen. Doch nun wird Salvo zum Gejagten …

John le Carré ist der absolute Großmeister des Agententhrillers und er beherrscht sein Handwerk wie kaum ein Anderer. Zudem gilt er als ein Autor, der von seinen Themen tatsächlich etwas versteht. Wer sich also über die Hintergründe der afrikanischen Tragödie und über die dreckige Kehrseite der internationalen Politik informieren will, lese »Geheime Melodie«: John le Carré weiß mehr als zehn Fernsehsendungen zusammen. Nach einer Reise in den Kongo stellte er allerdings fest: »Die Wirklichkeit ist so überwältigend, dass alle Fiktion dagegen verblasst.« (www.stuttgarter-nachrichten.de/stn/page/detail.php/1250478)

© Ullrich Wegerich

 

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