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Rezension - Dunkler Dämon

Jeff Lindsay
Dunkler Dämon

Psychothriller, Taschenbuch
Knaur, München, Juni 2006
379 Seiten/ 7,95 €
ISBN: 9783426628089

Spätestens seit Thomas Hobbes‘ Leviathan wissen wir, dass der römische Komödiendichter Plautus mit seinem Ausspruch »Homo homini lupus est« (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) den zivilisatorischen Nagel auf den Kopf getroffen hat. Demnach scheint es dem Menschen stets eine innere Lust zu sein, wenn er seinem Artgenossen ein Übel zukommen lassen kann. Zumindest drängt sich dieser Verdacht bei der vorliegenden Story von Jeff Lindsay auf, der in seinem zweiten Roman »Dunkler Dämon«, in dem es sich um seinen Protagonisten Dexter Morgan dreht, doch sehr schonungslos die Abgründe der menschlichen Psyche offenbart.
Dexter Morgan trat erstmals 2004 in Jeff Lindsays Debüt »Des Todes dunkler Bruder« in Erscheinung und feiert hier nun sein blutiges Comeback. Dexter ist ein Spezialist für forensische Tatortanalysen bei der Polizei von Miami. Nach außen wirkt er eher farblos und durchschnittlich, hat eine Bekannte, Rita, und deren beiden Kindern aus einer vorangegangenen Beziehung, zu denen er regelmäßig nach Feierabend auf ein Bierchen und das Pflegen sozialen Miteinanders hereinschneit. Ansonsten pflegt er einen recht reservierten Umgang zu seiner Stiefschwester Deborah, die durch ihre bärbeißige Art wunderbar das Gesamtbild des klischeebehafteten Miamicops abrundet, was es nun einmal ist. Alles in allem keine besonders auffällige Erscheinung, dieser Dexter Morgan, wenn da nicht sein Hobby wäre. Dexter tötet Killer.
Dexter wurde schon in seiner frühen Jugend von seinem Ziehvater Harry, seines Zeichens ebenfalls ein Cop, dazu erzogen, seine mitleidlosen, von tiefer unmenschlicher Gefühlskälte geleiteten, Neigungen dahingehend zu kontrollieren, dass er seine Mordgelüste nur an Menschen auslebt, die es verdient haben. Mit anderen Worten: Harry erzieht Dexter dazu, Serienmörder aufzuspüren, ihre Verbrechen haarklein in einer minutiösen Beweiskette aufzuzeigen und sie dann - wenn kein Zweifel mehr an ihrer Schuld besteht - nach seinen Vorstellungen zu bestrafen. Wobei Harry auch so umsichtig war, den guten Dexter dahingehend zu schulen, dass er seine Morde in einer Weise begeht, dass man sie ihm nicht nachweisen kann, wenn möglich, dass es nicht einmal ein Opfer zu beklagen gibt.
Dexter hält sich daran und lebt somit unbehelligt als durchschnittlich interessanter Forensiker der Miami Police. Doch sein innerer dunkler Dämon wird auf eine Probe gestellt. Denn mit einem Male taucht ein Serienmörder in Miami auf, der seine Opfer auf unvorstellbar grausame Weise »ermordet«. Er amputiert seinen Opfern bei vollem Bewusstsein, sämtliche Gliedmaßen und sorgt durch Entfernung ihrer Augenlider dafür, dass sie ihn dabei beobachten. Sein Vorgehen ist chirurgisch präzise und ebenso kaltblütig. Was der Miami Polizei Rätsel aufgibt, weckte Dexters Neugierde. Er will dahinter kommen, welchem Muster der Täter folgt, nach welchen Kriterien er seine Opfer auswählt und wie man ihm auf die Schliche kommen kann, damit auch er seiner »gerechten Strafe« - Dexters Strafe - zugeführt werden kann.

Die Grundidee von Jeff Lindsay, einen Mörder auf Mörderjagd zu schicken, ist wahrlich faszinierend, zumal Lindsay es geschickt versteht, den Leser für den Protagonisten einzunehmen. Durch die direkte Anteilnahme an dessen Gedanken - das gesamte Buch ist in der ersten Person geschrieben - wird der Leser in jede Wirrung und Irrung seines Geistes einbezogen und muss schon bald feststellen, dass Dexter, gemessen an seinem eigenen Wertekonsens, vollkommen normal zu denken und zu handeln scheint. Mehr als einmal fragt man sich, ob seine Wertevorstellung wirklich so anomal ist oder ob nicht die Gesellschaft einem Wertevorstellungsirrglauben aufgesessen ist. Insoweit muss man dem Autor den nötigen Respekt für seine literarische Leistung zollen.
Was die vorliegende Story an sich betrifft, so ist sie vom chronologischen und dramaturgischen Gesamtkonzept stimmig aufgebaut. Keine besonderen Zeitsprünge oder unangekündigte und damit verwirrende Ortswechsel. Die Personenkonstellation, die nebeneinander herlaufenden und doch einander bedingenden Storylines, sowie die Motivation des Täters sind nachvollziehbar und wohldosiert aufeinander abgestimmt. Dennoch vermag der Autor nicht recht den Spannungsbogen dahingehend aufzubauen, dass man einfach nicht anders kann, als weiterzulesen. Es gibt einige Längen, die den Leser durchaus auf eine harte Probe stellen können. Oftmals überlegt man sich: Ist das Motiv des Täters und die Frage, ob und wie er überführt werden kann, wirklich so interessant, dass es sich lohnen würde, für die offenbarende Lektüre Zeit zu opfern? Letztlich versteht es Lindsay dann doch den Spannungsbogen nicht allzu sehr abflauen zu lassen, sondern gestaltet die Darstellung der Opfer sowie die innere Auseinandersetzung des triebhaften Protagonisten mit der »Kunstfertigkeit« seines Gegenspielers in einer verwirrenden und doch von der eigenen inneren dämonischen Triebhaftigkeit getriebenen Faszination, dass man als Leser doch »bei der Stange« bleibt. Allein die Vorstellung der Opfer, denen sämtliche Formen menschlicher Erscheinung, Arme, Beine, Ohren, Nase, Zunge, Augenlider, Haare und Augenbrauen genommen worden sind und sie in ihrem eigenen Torso gefangen gehalten werden - also im Grunde lebende Tote sind - stellt einen wesentlichen Faszinationskristallisierungspunkt in diesem Roman dar.
Jeff Lindsays Sprache ist offen, schnörkellos und damit einfach zu lesen. Somit kann man dann doch über die besagten Längen hinwegsehen. »Dunkler Dämon« ist sicherlich ein Buch, dass man getrost lesen kann, wenn es darum geht, eine gewisse Form der Ablenkung haben zu wollen, jedoch wird es wohl für viele Leser nicht die Faszinationskraft entwickeln können, deren es bedürfte, um den Leser dazu zu animieren, das Buch nicht mehr aus der Hand legen zu können. Es ist eine klassische Lektüre für morgendliche Busfahrten, beim Warten auf dem Bahnsteig oder im Wartezimmer des Durchgangsarztes.
Auch wenn die Ruchlosigkeit sowohl des Täters als auch des Protagonisten, gemessen an unseren gesellschaftlichen Standards, weit über die Grenzen der Belastbarkeit hinausschießt, erliegt man als Leser keinem andauernden »Kalten-Schauer-über-den-Rücken-Effekt«, dazu ist Dexter zu rational-distanziert, und ähnlich distanziert geht man als Leser mit den Ungeheuerlichkeiten menschlicher Grausamkeit, die sich hier offenbaren, um. Hierin jedoch, also in der Tatsache, dass man nicht nur Sympathien für den Täter Dexter entwickelt, sondern auch ähnlich abgestumpft zu werden scheint, wie er es ist, liegt dann doch wiederum eine fesselnde Faszination, weshalb dem Buch dann doch eine bessere Bewertung zuteilgeworden ist, als seine Langatmigkeit ihm eigentlich hätte nur einbringen dürfen.

Bewertung:



© Florian Kaiser

 

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