| Sie sind hier: Startseite - Background - Rezensionen - Taschenbücher anderer Autoren / Romanhelden Thriller - Die Bankerin | |||||||||||||||
|
|||||||||||||||
Die Bankerin Eins kann man Andreas Franz auf jeden Fall nicht vorwerfen: mangelnde Vielseitigkeit. Nachdem er mit „Jung, blond, tot“ zwar einen detailgenau recherchierten, psychologisch dichten und nicht zuletzt unheimlich spannenden Serienmörder-Roman geschrieben hat, dreht sich „Die Bankerin“ um ein völlig anderes Thema. Eigentlich ist das Buch auch kein reiner Kriminalroman, der ausschließlich aus für dieses Genre typischen Zutaten besteht; ich würde eher dazu tendieren, ihn als Roman mit Krimi-Elementen zu bezeichnen – was allerdings ganz und gar nicht Spannung raubend ist, im Gegenteil. Vielleicht macht gerade die Tatsache, dass es sich hierbei um ein gänzlich anderes Thema als bei herkömmlichen Krimis und Thrillern handelt (z. B. Serienmörder, Terroristen, Geiselnahmen, wilde Verfolgungsjagden und Schießereien), den Charme des Buches aus. Denn obwohl das Motiv einer Person wiederum schon eher Krimi-typisch ist, steht vielmehr die Geschichte um David von Marquardt im Vordergrund. „Manche Menschen werden geboren, um zu leiden.“ Diesen Satz, in leicht veränderter Form im Buch auf Seite 377 zu finden, kann man durchaus als prägend für den gesamten Roman bezeichnen. Wie ein roter Faden zieht sich nämlich durch das ganze Buch der Pessimismus, der allerdings weder aufgesetzt noch erzwungen, sondern erschreckend natürlich wirkt. Bis zum Ende fiebert man mit David von Marquardt mit – und kriegt im wahrsten Sinne des Wortes auf der letzten Seite einen herben Schlag versetzt. Andreas Franz zeichnet den ganzen Roman durch ein überaus düsteres, jedoch nicht minder realistisches Weltbild – ein anderes Ende hätte wohl auch nicht zum bisherigen Gesamteindruck gepasst, auch wenn man sich durchaus im ersten Moment wünschen mag, der Autor hätte sich die letzte Seite gespart. Dieser Roman ist das genaue Gegenteil einer schwarz-weißen Roman-Welt. Die erschreckende Darstellung des Viertels, in das es David von Marquardt und seine Frau Johanna gezwungenermaßen verschlagen hat, ist übrigens nicht der wilden Phantasie des Autors entsprungen: Andreas Franz hat (Quelle: www.andreas-franz.org, seine Homepage) sechs Jahre mit seiner Familie in besagtem Viertel gewohnt. Leider hat man (meines Erachtens) das Buch deutlich unter Wert verkauft – „Die Bankerin“, das klingt nach einem nüchtern-sachlichen Wirtschaftsfachbuch für aufstrebende Neueinsteiger in der freien Marktwirtschaft. Auch die Vorschau auf der Buchrückseite hätte man meiner Meinung nach deutlich spannender gestalten können – es ist natürlich gegenüber den Lesern, die das Buch sowieso gekauft und gelesen hätten, ein feiner Zug von Knaur, dass man so gut wie gar keine wesentlichen inhaltlichen Ereignisse spoilert (wie z. B. beim Blanvalet-Verlag; wer dort die Buchvorschau im Innenteil liest, brauchte so manches Mal in der Vergangenheit gar nicht mehr das Buch selbst zu lesen, da darin bereits die meisten wesentlichen Informationen enthalten waren) – und man sich während des Lesens durchaus fragen kann, was zwischen Seite 97 und 416 noch alles passieren mag –, allerdings halte ich diese Vorschau auch nicht für sonderlich verkaufsfördernd. Sagen wir’s mal so: Hätte ich nicht durch meine Erfahrung mit „Jung, blond, tot“ und einen sehr positiven Kommentar zu diesem Buch gewusst, wie gut Andreas Franz schreibt, hätte ich „Die Bankerin“ wohl weitgehend unbeachtet gelassen. Alles in allem ein empfehlenswerter Kriminalroman, der auf jeden Fall zum Nachdenken anregt, deswegen aber nicht weniger unterhaltsam ist – Freunde rührseliger Happy Ends werden daran wohl weniger ihre Freude haben.
© Martin Palm |