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Fred VargasDer vierzehnte Stein Originaltitel: Sous les vents de Neptune Übersetzt von Julia Schoch Krimi, Taschenbuch Es gibt Krimis, die so gut geschrieben sind, dass ihre Lektüre ein Glücksgefühl vermitteln kann. Dieses ziemlich seltene Erlebnis bescherte mir kürzlich Fred Vargas Roman »Der vierzehnte Stein«. Hinter dem Pseudonym Vargas verbirgt sich übrigens die französische Historikerin und Archäologin Frédérique Audoin-Rouzeau, die Tochter von Philippe Audoin, der seinerzeit ein Mitglied der Pariser Surreallisten war. Den Namen Vargas entnahm sie dem Film »Die barfüßige Gräfin« mit Ava Gardener und Humphrey Bogart. Vargas hat den etwas sonderbaren Kommissar Adamsberg erfunden, einen beinahe autistisch wirkenden Mann, einen vor sich hin träumenden Einzelgänger, der seine Fälle nicht wie andere Kommissare mit Entschlussfreudigkeit, Rationalität und Logik, sondern mittels seiner passiven und intuitiven Kräfte löst. Auch im »Vierzehnten Stein« geht es zunächst um Adamsbergs Befindlichkeiten: Er spürt ein körperliche Unwohlsein, eine tiefe Irritation seines Daseins. Nach und nach findet er heraus, was ihn so aus dem Gleis gebracht hat: Es ist beispielsweise ein Bild eines aus den Meeresfluten auftauchenden und mit einem Dreizack bewaffneten Neptuns. Allerlei merkwürdige Zeichen verweisen auf einen Kriminalfall, der ebenso monströs wie konstruiert ist. In dem Dorf in den Pyrenäen, in dem Adamsberg aufwuchs, lebte der düstere Richter Fulgence, ein Furcht erregender, böser Mann, den immer seine zwei großen, an Höllenhunde erinnernde Doggen begleiteten. Eines Tages nun war Adamsbergs Bruder Raphael mit seiner Freundin Lise im Wald unterwegs. Raphael fiel irgendwie in Ohnmacht, und als er erwachte, lag Lise tot neben ihm: Erstochen mit einem Dreizack, mit einer gewaltigen Mistgabel, wie sie in Fulgences Schuppen stand. Raphael aber hatte keinerlei Erinnerung an die vergangenen Stunden. Doch alle Indizien deuteten darauf hin, dass er selbst seine Freundin in einem Anfall von Gewalttätigkeit umgebracht hatte. Er glaubt es beinahe selbst. Nur Adamsberg hatte den Richter mit seinem Dreizack fliehen sehen. Er verhilft seinem Bruder zur Flucht nach Amerika, denn er erkennt: Fulgence ist ein Monster, dem man so bald nichts wird nachweisen können. Der Kommissar findet heraus, dass im Lauf der Jahre in den verschiedenen Regionen Frankreichs Dutzende Morde nach dem identischen Strickmuster geschehen sind: Immer wird das Opfer mit einem Dreizack getötet, immer wird der scheinbare Täter bewusstlos neben der Leiche gefunden und kann sich an nichts erinnern, immer war der Richter Fulgence nicht weit. Doch Adamsberg konnte dem Richter niemals etwas beweisen. Dann starb Fulgence an Altersschwäche und lange Jahre geschah nichts Böses. Doch nun, scheinbar aus dem Grab heraus, hat der Killer wieder zugeschlagen. Adamsberg hatte in der Zeitung von einem Fall gelesen, der ins Schema passte und beginnt zu ermitteln: Im Elsass wurde ein junges Mädchen mit einem Dreizack getötet und ein junger Landstreicher mit alkohol¬bedingtem Filmriss lag daneben. Doch zunächst reist Adamsberg mit seinen Kollegen nach Kanada, wo sie von der dortigen Polizei in den allerrationalsten Ermittlungstechniken geschult werden. Es geht um Ermittlungen mittels der DNA-Analyse. Aber auch hier hat der Kommissar sonderbare Erlebnisse: Bei einem Ausflug kommt er an einen See, in dessen Tiefen ein Fisch aus der Urzeit lebt - ein Hinweis auf ein lange verdrängtes Trauma. Bei einem Vivaldikonzert gibt es wieder Hinweise auf den Dreizack. Und er lernte die junge Noella kennen, die immer am Flussufer an einem bereits von dem Entdecker Samuel Champlain genutzten Pfad sitzt. Eines Abends nun betrinkt Adamsberg sich aus Liebeskummer sinnlos. Auf dem Heimweg am Fluss stößt er mit dem Kopf gegen einen Ast und verliert das Bewusstsein. Erst Stunden später kommt er blutbeschmiert wieder zu sich. Zurück in Frankreich wendet Adamsberg sich dem Mord im Elsass zu. Aber die Kollegen in Kanada bitten ihm um eine Aussage und er fliegt noch einmal nach Ottawa. Dort erfährt er: Noella wurde in der gleichen Nacht, in der er den Filmriss hatte, mit einem Dreizack ermordet. Ihre Leiche lag unter dem Eis und man fand sie erst jetzt. Alle Indizien deuten darauf hin, dass der Kommissar selbst der Mörder ist ... Wie gesagt: Diese Geschichte ist nicht nur extrem spannend, so dass man kaum mit dem Lesen aufhören kann, sondern auch absolut bizarr und völlig konstruiert. Aber das macht nichts. Man denke einfach an John Lennons berühmten Satz: Nothing is real, der nicht nur eine Wegmarke der Popkultur bezeichnet. Tatsächlich waren Freuds Psychoanalyse und seine damit einhergehende Entdeckung des Unbewussten eine der bedeutendsten Erkenntnisse des 20.Jahrhunderts. Hatte man bislang den Menschen primär als rational denkendes Wesen (»Ich denke, also bin ich« aufgefasst, so begriff Freud, dass das bewusste Ich umgeben ist von einem Ozean von Irrationalität, heiße es nun Über-Ich, Es, oder wie auch immer. Auch auf die moderne Kunst hatten Freuds Entdeckungen gewaltige Auswirkungen. Vor allem der Surrealismus ist ohne ihn überhaupt nicht vorstellbar. Man denke nur an Dalis berühmte Gemälde. Fred Vargas beherrscht die »Mechanik« des Krimis, von dem sie in einem an das Buch angefügten Interview spricht, ganz ausgezeichnet Aber bei ihr führt diese Mechanik nicht zu einem Uhrwerk des Rationalen (wie in seiner extremsten Form etwa bei Sherlock Holmes), sondern in eine an Dalis Uhren erinnernde Welt des Surrealen. »Der vierzehnte Stein« ist ein traumhaft gut geschriebener Roman, in dem Kommissar Adamsberg, ein »Träumer, der ins Schwarze trifft« (S.308), mit der Hellsichtigkeit und der Blindheit eines Schlafwandlers durch einen wahren Albtraum von Gewalt und Hilflosigkeit schreitet. Und Vargas' Plots erinnern an Bilder von Rene Margritte: Eine Frau, die sich in einen Marmortorso verwandelt, ein Schloss, das sich in einem nächtlichen See spiegelt, ein Reiterin im Wald, die nicht zwischen, sondern in den Baumstämmen zu sehen ist. Fred Vargas hat dem Krimigenre eine ganz neue Wendung gegeben. Unbedingt empfehlenswert! © Ullrich Wegerich |