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Rezension - Der kalte Hauch der Angst

Pierre Lemaitre
Der kalte Hauch der Angst

Thriller, Taschenbuch
Ullstein Taschenbuch Verlag, Dezember 2009
332 Seiten / 8,95 €
ISBN: 9783548280875

Als das Kindermädchen Sophie eines Morgens in das Zimmer des 6-jährigen Léo kommt, findet sie den Jungen tot vor: Er wurde mittels eines ihrer Schnürsenkel erwürgt! Die Frau kann sich nicht an den Mord erinnern und flieht Hals über Kopf aus der Wohnung. Hin und hergerissen zwischen berechnender Kühle und panischer Paranoia gelingt es ihr, Paris zu verlassen.
Aber dieses Ereignis ist nur die Spitze des Eisbergs. Sophie hat einen langen Leidensweg hinter sich, denn seit Jahren hat sie mit mentalen Aussetzern zu kämpfen, verlegt Dinge und kann sich nicht erinnern, wann sie zu bestimmten Zeitpunkten wo war. Termine verschieben sich wie von Geisterhand, Gegenstände tauchen dann plötzlich wieder auf. Depressionen und Angstzustände sind die Folge. Als sie dann offensichtlich auch noch im Dämmerzustand das neu renovierte Haus auf dem Land verwüstet und eine Fehlgeburt erleidet, scheint der Tiefpunkt erreicht. Zusätzlich erleidet Sophies Mann Vincent bei einem Autounfall schwere Verletzungen, die ihn gelähmt zurücklassen. Das bestürzt den Mann so sehr, dass er, als er von Sophie dorthin gegeben wird, im Pflegeheim Selbstmord begeht.
Sophies monatelange Flucht wegen des Kindsmords wird zur Odyssee quer durch Frankreich. Sie hangelt sich von einem miesen Job zum nächsten, muss unter Erniedrigungen und Häme leiden, nur um unentdeckt zu bleiben. Doch dann hat sie den rettenden Einfall: Wenn sie einen neuen Mann findet und ihn unter dem Deckmantel einer gekauften falschen Identität heiraten kann, dann könnte sie wieder zur Ruhe kommen. Ein passender Kandidat ist bald gefunden, aber noch ist Sophies Leidensweg nicht zuende ...

Der französische Autor Pierre Lemaitre, der mit »Der kalte Hauch der Angst« seinen insgesamt zweiten Roman vorlegt (wovon einer in einem französischen Kleinverlag erschien und nicht übersetzt wurde), schickt seine Hauptfigur auf einen absoluten, teils sadistischen Höllentrip. Über beinahe die gesamte Länge des Buches, angemessene ca. 330 Seiten, bricht alles Schlechte dieser Welt über sie herein. Ihre Gesundheit sowie ihr Geisteszustand werden delikat und minutiös ruiniert und zerlegt. Zerfressen von Depressionen und Unsicherheit, sexuell ausgenutzt und erniedrigt, überlegt Sophie des Öfteren, ob Selbstmord nicht eine angemessene Lösung für all ihre Probleme sei. »Der kalte Hauch der Angst« ist somit kein angenehm zu lesender Thriller, sondern verlangt Nervenstärke, wie viel Leid, das sich auf eine Unschuldige konzentriert, man ertragen kann. Das ist in der Tat eine gewisse Leistung, die Lemaitre damit vollbringt. Allerdings eine, die seine Phantasie als menschlichen Abgrund darstellt, wie man sie vielleicht wirklich nur aus Marquis de Sades »Justine« kennt. Diese Häufung an unglückseligen Zuständen macht die Geschehnisse des Romans und seine Figuren leider immer wieder vollkommen unglaubwürdig.

Es überrascht niemanden, wenn etwa nach dem ersten Drittel des Buches herauskommt, dass Sophies Leiden nicht aus ihr selbst heraus entstehen, sondern von außen induziert sind. Womit wir dann auch beim Thema »Bösewicht« wären, dessen zur Verfügung stehende Mittel wirklich ins Phantastische reichen, beziehungsweise dessen Motivation für das Ausmaß seiner seelischen Zerrüttung, infolge dessen er seine Verbrechen begeht, etwas zu banal abgetan wird. Einem omnipotenten Gegner wie diesem hat eine wehrlose Frau wie Sophie nichts entgegen zu setzen. Umso schlimmer, dass sich die Hauptfigur nicht wirklich traut, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, was aber durch ihre medikamentös bedingten Angstzustände erklärbar ist.

Geschickt teilt der Autor seinen Roman nach Perspektiven aufgeschlüsselt in vier Teile ein. Dieser Kniff bringt es allerdings mit sich, dass man viele Ereignissen doppelt, nur aus verschiedenen Blickwinkeln, erlebt. Wenn diese Handlungsebenen dann zusammengeführt werden, ist das Finale auch nicht mehr fern. Von daher ist die Länge des Thrillers gut abgesteckt.
Stilistisch allerdings bewegt sich Lemaitre auf sehr dünnem Eis. Im Sinne des »Stream of Conciousness” schildert er Sophies Gedankenwelt in der Gegenwartsform. Sehr kurz, sehr wirr, sehr unzusammenhängend. Diese Verlagerung der Perspektive auf die Innensicht der Frau erzeugt eine gewisse beabsichtigte Unmittelbarkeit, strengt aber – da diese Passagen beinahe ein Drittel des Buches nehmen – sehr an und verlangt vom Leser viel Wohlwollen und Geduld, am Ball zu bleiben.

Alles in allem ist »Der kalte Hauch des Todes« ein grundsolider Thriller, der mit den Thematiken Kontrolle und Dominanz spielt, und dabei auf Tabus keinerlei Rücksicht nimmt. Die seelischen Qualen der Hauptfigur, die Übermacht des Gegenspielers und die unbefriedigende Auflösung (nebst unnötigem Epilog) trüben neben den stilistisch fragwürdigen Gewichtungen des Romans den Lesegenuss. Eine teils anstrengende, wütend machende Lektüre, die trotz guter Ausgangsidee in der Ausführung zu übertrieben auf den Schock-Effekt inszeniert ist.

Bewertung:



© Sascha Vennemann

 

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