Sandra Herrler
Roter See
Grafik: Sandra Herrler
Layout: Dajana Mehner
Thriller, Paperback
Dresdner Buch Verlag, Dresden, Mai 2009
236 Seiten / 17,90 €
ISBN: 9783941757004
In einem kleinen idyllischen Ort in Bayern geschieht das Unfassbare: Eine junge Mutter begeht Selbstmord. Tiefe Trauer erschüttert die Familie und niemand hat eine Erklärung dafür. Selbst ihr Ehemann kann sich an diesen tragischen Tag nicht erinnern – bis er von seltsamen Visionen heimgesucht wird, die ihm den Verstand rauben und ihn schließlich dazu bringen, seine Schwägerin, seine Kinder und am Ende sich selbst umzubringen.
Das Ende des Thrillers »Roter See« soll am Anfang dieser Rezension stehen.
»Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Niemand ist so, wie er im ersten Augenblick zu sein vorgibt. Erst der zweite Blick hinter die Kulissen, hinter die Fassaden zeigt das echte Leben und die wahren Geschichten von Opfern und Tätern …«
Die Autorin Sandra Herrler greift eine tief greifende Thematik auf, die in unserem Leben allgegenwärtig sein kann und garantiert auch ist.
Eigentlich ist Christian Pfeifer in seinem Heimatort Lengenbach ein geachteter Mann, er ist einer von ihnen, wie die Alteingesessenen es immer wieder betonen. Doch als er Anja kennen lernt und seiner Fastehefrau Annemarie Wenzel, ein Mädchen aus dem Ort, den Laufpass gab, beginnt das Schicksal für Christian. Er ist blind vor Liebe, vergöttert seine Anja, ignoriert und akzeptiert ihre vielen Seitensprünge. Dass diese Situation irgendwann ins Extreme ausufern muss, liegt auf der Hand.
»Roter See« ist nicht der klassische Thriller, wie man ihn kennt. Hier jagt die Polizei keinen Mörder. Professionell baut Sandra Herrler mit zwei Stunden Blackout, an die sich Christian Pfeifer nicht erinnern kann, einen Spannungsbogen auf, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman ziehen. Oftmals gibt es Wiederholungen, die aber durch die Autorin gewollt sind und den eigentlichen Handlungsverlauf nicht stören. Dienen sie aus meiner Sicht einzig und allein dafür, die innere Zerrüttetheit des Hauptprotagonisten zu untermauern und Christian Pfeifers Suche nach dem Tatmotiv dem Leser zu verdeutlichen.
Glaubwürdig webt die Autorin mystische Elemente - ja in gewisser Hinsicht sogar Horror - in die schicksalhafte Tragödie der Familie Pfeifer ein: Nur Christian hört und sieht seine verstorbene Frau, wie sie ihn als geisterhafte Gestalt umgarnt, sexuell befriedigt, ihn um den Verstand bringen will.
Und da ist noch eine andere Stimme, die Christian nicht loslässt und ihm »Lösungsvorschläge« gibt, um endlich seine Ruhe zu finden und sich um die Kinder kümmern zu können. Es ist sein inneres Ich, welches ihn zum Mörder macht.
Als weiteren wesentlichen Stützpfeiler baut Sandra Herrler die Rolle der Kinder Tina, Lena und Tim in ihre Story ein. Einerseits sind sie vom Tod ihrer Mutter Anja psychisch stark beansprucht, andererseits sind sie in den Phasen des Sich gehen Lassens ihres Vaters auf sich alleingestellt. Wäre da nicht die Tante Kerstin, welche versucht, ihnen ein wenig Halt und Liebe zu geben.
Fazit:
»Roter See« ist, obwohl im Klappentext das Ende der Story zu lesen ist, ein spannend geschriebener Roman, der tief bis in die hintersten Ecken der menschlichen Seele blicken lässt. Im Mittelpunkt steht nicht die Tat an sich, sondern die Psyche der Protagonisten, die ein gemeinsam erlebtes Ereignis verbindet und dennoch trennt.
© Wolfgang Brandt |