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Rezension - Die Hure von Tirol

C. H. Guenter
Die Hure von Tirol

Polit-Thriller, Paperback
Oerindur Verlag, Steyr, März 2002
212 Seiten / 16,00 €
ISBN: 9783950058093

In diesem Roman, der zu den Spätwerken des inzwischen anerkannten Autors zählt - und das er nach eigenen Angaben zu »seinem wichtigsten Roman« erklärte, wichtiger als alle seine Kommissar-X- und Mister-Dynamit-Romane - geht es vordergründig um die Liebesgeschichte einer besonderen Frau, der Contessa Julia von Terlan, die aber so perfekt in das Geschehen um den Freiheitskampf der Südtiroler Extremisten eingewebt wird, dass einem dies beinahe über das gesamte Buch hinweg nicht auffällt. Diese wunderschöne Frau kreuzt über die Jahre hinweg immer wieder die Wege des Mannes, der sie 1957 vor dem Erfrierungstod in den Bergen rettete, ohne sich ihr zu erkennen zu geben. Bei einem gerichtlichen Vergleich betreffend der Wasserrechte derer von Terlan und der Brauerei der Saturners erwacht das Interesse in Julias Seele für diesen starken, vor Kraft strotzenden Mann. Und obwohl ihr Lebensweg anders vorgesehen war, wird das Schicksal sie immer wieder mit Andreas »Andy« Saturner, den genialen Kopf der Südtiroler Freiheitskämpfer, zusammenführen. Ja, sie tut alles, um ihn zu finden, als er sie aus seinem Leben heraushalten will, um sie vor Schaden zu bewahren. Obwohl sie von dem einflussreichen Banker Dottore Salvatore Rossalone, dem Spross der einflussreichsten Mafia-Familie auf Sizilien und in Italien, heftigst umgarnt wird, den sie aber gerade wegen seiner Mafiaangehörigkeit verachtet, und auch von Colonello Federico Di Santis, der seitens der italienischen Regierung auf der Jagd nach den Freiheitskämpfern ist, umworben wird, gilt ihre Liebe ausschließlich Andy. Und so bleibt es ihr überlassen, ihn nach einem missglückten Anschlag, bei dem er gefangen genommen wird, aus dem Gefängnis zu Mantua befreien zu lassen mithilfe der Mafia, indem sie zusagt, Rossalone anschließend zu ehelichen, wohl wissend, dass sie so zur Hure nwerden wird. Rossalone wiederum versucht, Saturner aus dem Weg räumen zu lassen, um den verhassten Nebenbuhler ein für alle Mal loszuwerden. Doch das geht schief, und Andy und Julia gelingt die Flucht, obwohl die Polizei eine gut angelegte Falle aufstellte. So sind sie nun heimatlos, kämpfen aber unermüdlich auf internationalem Parkett weiter für die Autonomie von Südtirol, immer verfolgt von der Justiz, aber vor allem vom unversöhnlichen Hass des Dons vom Rossalone-Clan, der erst ruhen will, wenn die beiden tot sind. Und so setzt er schließlich sogar einen russischen Top-Killer auf das Liebespaar an - und nach Jahren hat dieser Mann sie vor der Mündung seiner Kalaschnikow ...

Ehrlich gesagt, anfangs tat ich mir schwer mit der Art, wie der Text aufbereitet worden war von C. H. Guenter. Dieses Abfassen jedes einzelnen Kapitels als »Jahrbucheintragung« ist schon ziemlich gewöhnungsbedürftig. Aber es bewahrheitet sich wieder einmal: C. H. Guenter war ein großer Autor, der lange Zeit allzu leicht in die Trivialliteraturszene verbannt worden war, dem erst jetzt - posthum wieder einmal! - höchste Ehren gezollt werden.
Vielleicht trägt dieses »schlechte Gewissen« der sogenannten »hochgebildeten Leser« dazu bei, auch diese Gattung der Literatur und deren Autoren würdiger und wohlwollender zu bewerten; ein entsprechender Trend ist ja schon erkennbar. Es ist aber alsbald so, dass man von der Kraft von Guenters Worten gepackt wird, wenn man weiterliest. Man muss einfach das Wissen ablegen, dass dieser Mann Hunderte von Mister-Dynamit-Romanen schrieb, dann wird es erheblich leichter. Dennoch merkt man bei jeder Zeile, bei jedem Teilkapitel, bei jedem Kapitel, bei jedem Kapiteltitel die unverkennbare Handschrift von ihm. Der Aufbau ist so Mister-Dynamit-mäßig, dass man es kaum glauben kann, dass dieser Held nicht einmal in diesem Roman auftaucht.
Doch halt: Das stimmt ja nicht. Er taucht ja auf, zum Schluss hin, als der Autor lakonisch erwähnt, dass Kommissar X in Pension ist, dass Bob Urban nur noch einen Fall pro Jahr löst, Mike Hammer tot ist und nur noch Jerry Cotton in New York nach dem Rechten sieht - eine grandios beschriebene »Götterdämmerung« von ihm selbst. Auch der Hinweis im nächsten Kapitel auf die Verwechslungsmöglichkeit von Australia und Austria, von Carnton und Kärnten - super! Und überhaupt sein augenzwinkernder Einwurf in die österreichische Politik mit Julias Erbschaft im »Beerental« - grandios!
Schade, dass es wahrscheinlich viele Leser einfach überlesen haben dürften, denn diese Anspielung auf den »Bärental«-Politiker ist wirklich vom Feinsten.

Zurück zum Roman: Ab den 70er-Jahren nimmt die Geschichte dann doch erheblich an Rasanz zu (positiv sicher auch, dass mehrere Kapitel im selben Jahr spielen), dass die Verwicklungen immer monströser werden (Mafia), und dass man manchmal den Eindruck hat, man liest eine Dokumentargeschichte der Ereignisse in Südtirol. Man merkt aber auch, dass C. H. Guenter ein Italien-Fan war (italienische Wörter, Essensbeschreibungen etc.), was natürlich keine Schande ist, gelingt es ihm doch - bei aller Dramatik des Geschehens - die Italiener nicht pauschal zu verurteilen und schuldig zu erklären an den Geschehnissen in Südtirol. Und dass der Kommissar aus Italien schließlich - nicht einmal ungern, denn Julia liebt er, Andy schätzt er wegen seiner Intelligenz und seinem Bemühen, alle Anschläge ohne Blutvergießen durchzuführen! - zweimal der große Lebensretter der beiden Hauptfiguren wird, das ist überaus versöhnlich geschrieben. Hier legt er dem »Verlierer« - auch in Bezug auf seine Liebe zu Julia - eine menschliche Größe in dessen Charakter, der vielen Protagonisten von sogenannter »großer Literatur« ganz gut anstünde. So merkt man diesem Roman natürlich auch an, dass es ein über 70-Jähriger war, der ihn verfasste, dass es ein Autor war, der mit den »kleinen Feindseligkeiten« in unserem täglichen Zusammenleben nicht mehr viel am Hut hatte. Ein Autor, der sich wohl auch wünschte, dass die Menschen anhand seines Romans ein besseres Verständnis für die Freiheitsliebe eines Volkes auf der einen Seite, aber auch ein besseres Verständnis für den Umgang selbst mit Kontrahenten untereinander an den Tag legen würden.

Es mag auch sein, dass das Thema FREIHEIT FÜR SÜDTIROL einfach zu wenigen Menschen interessant genug erscheint, um darüber lesen zu wollen. Es mag auch sein, dass C. H. Guenter zu sehr in der Schublade des Agententhrillers steckt, dass er zu sehr mit Mister Dynamit apostrophiert wird. Dennoch ist dieser Roman überaus lesenswert - und in gewisser Weise entspricht Andreas »Andy« Saturner absolut Bob Urban, sodass es relativ leicht wäre, sich den Hauptprotagonisten als Mister Dynamit vorzustellen. Es mag auch sein, dass die Wahl des Titels (oder dass die Projizierung des Hauptaugenmerks auf Julia von Terlan fiel), bei der Fangemeinde nicht so gut ankam bzw. ankommt. Aber das wiederum sollte echten Fans des großen Autors nicht viel ausmachen, und jenen anderen Noch-nicht-Fans als Lesern eigentlich egal sein. Ich denke aber, dass viele nach den ersten Kapiteln das Buch beiseitelegten, da die Jahressprünge zu groß waren, die Länge der einzelnen Kapitel wohl doch etwas zu kurz waren, um die Leser bei der Stange zu halten.

Der wesentlichste Unterschied zu Mister-Dynamit-Romanen ist aber der, dass es sich hier auch um einen Roman über die Liebe handelt, über bedingungslose Liebe über alle Konventionen hinweg, wie sie wahrscheinlich nur von Frauen geschenkt werden kann. Es geht hier auch um den Verzicht eines angenehmen Lebens gegenüber aller Unbill, die sich Julia mit Andy einhandelt - und dennoch will sie nur ihn! Wenn man sich die Widmung des Buches anschaut, dann scheint es mir eine Liebeserklärung von C. H. Guenter an seine eigene Frau zu sein, der er mit diesem Buch möglicherweise Danke sagen wollte für alles, was sie an seiner Seite durchlebt hat, und vielleicht auch für das, auf was sie verzichten hat müssen an der Seite eines - wie er sich selbst bezeichnet hatte - Lustschreibers.

Fazit:
Ich finde, es handelt sich hier um einen Roman, der viel mehr Beachtung verdient. Man muss eben die Geduld aufbringen, das Buch zu Ende zu lesen, dann erschließt sich einem doch die dichterische Kraft des Autors, selbst ein uninteressant erscheinendes Kapitel der vielen Freiheitskämpfe von Völkern auf unserer Erde ernst zu nehmen. Es muss sich nicht immer alles nur um Völker in Übersee oder auf anderen Kontinenten drehen. Und es scheint so, als wollte er auch das Bild der Frau an sich gerade rücken, das speziell in den so erfolgreichen Mister-Dynamit-Romanen ein doch sehr oberflächliches und oftmals auch falsch gezeichnetes ist. Und als Letztes: Hier wird eindrucksvoll bewiesen, dass C. H. Guenter ein Schriftsteller war, der mühelos auch »höhere Literatur« zu schreiben imstande war. Wer weiß, was uns alles vorenthalten blieb, weil ihn der Tod viel zu früh aus unserer Mitte riss ...

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