Andreas Gruber
Rachesommer
Titelfoto von Yolande de Kort/Trevillion Images
Titelgestaltung von Christina Krutz Design, Riedstadt
Thriller, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
C. Bertelsmann Verlag, München, April 2010
416 Seiten /17,99 €
In einer psychiatrischen Spezialklinik in Leipzig. Als die neunzehnjährige Natascha tot in ihrem Zimmer gefunden wird, scheint alles auf Selbstmord hinzudeuten. Doch Kommissar Walter Pulaski ist misstrauisch. Ihre letzten Tagebucheinträge lassen nicht auf Depressionen schließen. Und das Schmerzmittel, das sich Natascha angeblich gespritzt hat, kann nicht allein die Ursache ihres Todes sein. Ein Satz in dem Abschiedsbrief, den Pulaski in Nataschas Slip findet, gibt ebenfalls Rätsel auf: »Immer wieder sind es andere, die nachts zu mir kommen.« Ist sie Opfer eines Mordes geworden? Als Pulaski wenig später von ähnlichen Todesfällen in anderen Landeskrankenhäusern hört, ist er überzeugt, dass es ein raffinierter Mörder auf psychisch kranke Jugendliche abgesehen hat. Aber warum? Pulaskis Nachforschungen führen ihn zu einem dubiosen Arzt nach Bremerhaven.
In einer Kanzlei in Wien. Die junge Anwältin Evelyn Meyers hat es mit einer Reihe merkwürdiger Schadensersatzklagen zu tun, die alle eines gemeinsam haben: Männer der gehobenen Gesellschaftsschicht sind auf höchst ungewöhnliche Weise ums Leben gekommen. Handelt es sich – wie es den Anschein hat -wirklich um Unfälle? Und wer ist das mysteriöse dünne, blonde Mädchen, das an jedem Unfallort auftaucht?
Auch Evelyns Spurensuche führt an die Nordsee – zu einem zwielichtigen Reeder und dunklen Machenschaften …
Wie es schon der Titel verrät, geht es in dem Thriller von Andreas Gruber um Rache, einem Rachesommer, genaugenommen einem Sommer voller Morde – aus Rache. Dieser wird aus mehreren Perspektiven geschildert, was die Spannung und den Reiz des Romans erhöht.
Wie schreibt Andreas Gruber in seinem Vorwort: »Dieser Sommer wird blutig. In diesem Sommer wird abgerechnet ...«
Letzteres kräftig.
Und alles hat seinen Ursprung, der zehn Jahre zurückliegt und jetzt den Rachesommer heraufbeschwört.
Wien: Die junge Anwältin Evelyn Meyers blickt seit ihrer Kindheit auf eine lange Kette von Unglücksfällen zurück. Was sie wohl sensibel für bestimmte Fälle macht.
So entdeckt sie bei verschiedenen mysteriösen Unfällen, die Basis einiger Fälle der Kanzlei sind, in der sie arbeitet, eine Parallele: Ein Mädchen mit blonden Haaren und einem blauen Sommerkleid mit Spaghettiträgern taucht in dem Zusammenhang überall auf. In allen Fällen kamen Männer im gesetzten Alter zu Tode. Vermeindlich Selbstmorde oder Unfälle, doch es steckt mehr dahinter und es ist eiskalt kalkulierter und durchgeführter Mord.
Der rote Faden führt schlussendlich an die Nordsee, nach Cuxhaven/Bremerhaven.
Evelyn nimmt Kontakt zu der Tochter eines der Opfer auf, hat sofort das Gefühl, dass diese etwas verschweigt, und findet eine dunkle und abscheuliche Verbindung zu ihrem inzwischen ebenfalls zu Tode gekommenen Anwaltskollegen.
Aber Evelyn Meyers kämpft nicht nur mit den mysteriösen Todesfällen, sondern auch mit ihrer Vergangenheit, denn sie und ihre Schwester erlebten, als Evelyn zehn Jahre alt war, ein verstörendes Gewaltverbrechen.
Leipzig: Walter Pulaski (Kripo Leipzig) untersucht den Fall von Natascha Sommer (Waise, 19 Jahre alt), die in einer psychiatrischen Anstalt »Selbstmord« verübt haben soll, der sich allerdings als Mord entpuppt. Bei ihr findet man einen sonderbaren Abschiedsbrief, der sich als gefälscht herausstellt.
Natascha lebte seit zehn Jahren in der Klinik.
Dr. Sonja Wilhalm, Natschas Therapeutin, informiert Pulaski darüber, dass Natascha als Kind von 9 Jahren zigfach vergewaltigt wurde und seither an multipler Persönlichkeitsstörung litt. Natascha Sommer war auch nicht ihr richtiger Name, der konnte nicht ermittelt werden, weil Natascha bis zu ihrem Tod kein einziges Wort gesprochen hat.
Pulaski erfährt noch ein interessantes Detail: Drei Tage zuvor ist noch ein 19-jähriger Patient an »Herzversagen« gestorben – Martin Horner.
Nataschas und Martins Krankendaten ähneln sich frappierend: Beide waren im gleichen Alter, beide wurden als 9-Jährige missbraucht und vor allem von demselben Arzt behandelt.
Dann mischt sich plötzlich das LKA Dresden, Kommissar Klaus Winteregger, in den Fall ein und Martin Horners Leiche wird exhumiert ...
Natürlich hat auch Walter Pulaski hat seine Geschichte, als Witwer vermisst er seine an Krebs verstorbene Fau und kümmert sich so gut es sein Beruf zulässt um seine Tochter, doch er wirft sehr schnell mehr als ein Auge auf Dr. Wilhalm.
Interessant an dem Fall ist, dass er von drei Seiten beleuchtet wird:
- Vonseiten Evelyn Meyers
- Von Walter Pulaskis
- Die Morde aus der Sicht der Täterin.
Recht schnell wird klar, dass alles seinen Ursprung vor zehn Jahren hat: auf dem Luxuliner Friedberg, auf dem sich alle zu Tode gekommenen Männer befunden haben – und eine Handvoll Kinder.
Ab da ahnt der Leser bereits, was sich dort abgespielt haben muss.
Evelyn fährt an die Nordsee und besucht Paul Smolle, den ehemaligen Kapitän der Friedberg, der mittlerweile auf Sylt lebt. Er erzählt Evelyn die schockierende Wahrheit, was im August 1998 auf der Friedberg passiert ist ...
Doch auch Pulaski gräbt neue Fakten aus, und plötzlich ist der Fall nicht mehr so klar, wie er zu sein scheint ... und erneut stellt sich die Frage, wer die junge Frau in dem blauen Kleid wirklich ist.
Wie immer bei den Büchern des Autors lebt der Roman auch besonders durch seine Akteure, die durch ihre Charaktere dem Leser schnell vertraut werden.
Bereits nach den ersten Sätzen hängt man wieder an der »Gruber-Nadel«, denn auch »Rachesommer« ist, wie die anderen Werke des Autors, ein Pageturner. Die Geschichten der Täter, Opfer und Ermittler werden geschickt verwoben, aufgerollt, alles dreht sich um ein Thema, das leider in den letzten Jahren traurige Berühmtheit in der Gesellschaft und den Medien erreicht hat: organisierter Kindesmissbrauch.
Nun mag man denken, dass ein solcher Plot nur klischeebehaftet oder reißerisch umgesetzt werden kann, um beim Leser zu zünden. Dem ist nicht so, und »Rachesommer« ist der beste Beweis.
Ebenso wird der Leser schnell denken: ah ja, das ist die Mörderin, aber wie schon in seinen bisherigen Thrillern, vollzieht Andreas Gruber dann doch noch einen Schlenker und streut eines seiner bekannten Überraschungsmomente ein.
Der Roman ist routiniert und für ein breites Publikum geschrieben, was nicht negativ gemeint ist, denn was will man mehr, als routiniert und spannend unterhalten zu werden?
Auch die Aufmachung von »Rachesommer« weiß zu überzeugen. Schönes Hardcover, gutes Papier und Satz. Das ist eine runde Sache.
Lassen Sie sich also von Andreas Gruber leiten – in einen Sommer voller Rache und menschlichen Abgründen.
Fazit:
Kurzweiliger, spannender Roman von Andreas Gruber, von dem man mit Sicherheit noch viel mehr lesen wird!
Copyright © 2010 by Alisha Bionda |