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Rezension - Rabenstadt

Stefan Melneczuk
Rabenstadt
Band 7 der Reihe Der Besondere Regional-Krimi
Cover und Grafiken: Mark Freier

Mystery-Thriller, Hardcover mit Schutzumschlag
BLITZ-Verlag, Windek, September 2011
290 Seiten / 15,95 €
ISBN: 9783898403139

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Ich spürte Angst und Entsetzen. Das Mädchen, das vor mir auf dem, nassen Asphalt hockte, glich einer Karikatur oder einem Alien, das es hierher verschlagen hatte und das sich seiner Fremdheit bewusst wurde, weil ein Erdling es anglotzte.

Der Paketbote ist so einiges gewohnt. Gerade noch den eindeutigen Avancen einer Kundin im Wuppertaler Briller Viertel entkommen, erblickt er auf der anderen Straßenseite ein Mädchen, das mit Hundeleine und Knieschonern angetan auf allen vieren aus einem Garten kriecht. Seine Neugier bezahlt der Kurier mit einem Spatenhieb, der ihn ins Reich der Bewusstlosigkeit schickt. Dann erwacht er in einem Albtraum. Mit Klebeband gefesselt ist er in einem Keller gefangen, in dem das Mädchen offensichtlich schon lange als Sklavin gehalten wird. Schlimmer jedoch als die ausweglose Situation ist, dass sich das Mädchen offenbar mit seinem Schicksal abgefunden hat und sich ihm den Worten »Ich bin Nummer drei« vorstellt.

Das Mädchen hatte größte Mühe, der Leine schnell genug die Treppenstufen hinauf zu folgen. Ihre Handschuhe und Knieschoner schrammten über den Boden – ein verrücktes Motiv, gefilmt mit einer versteckten Kamera.

Der mit Spannung erwartete zweite Roman von Stefan Melneczuk unterscheidet sich grundlegend von seinem Erstling Marterpfahl. Entwickelte sich dort das Grauen noch leise und gemächlich, wenn auch nicht weniger eindringlich, werden wir in Rabenstadt unvermittelt aus dem Alltag eines Wuppertaler Paketboten in ein Szenario der Verwirrung, der Panik und der Verzweiflung geschleudert; Hostel im Schatten der Schwebebahn.
Entsprechend hat Stefan Melneczuk seine Erzählweise angepasst. Alles was wir lesen, sind die nachträglichen Tonbandaufzeichnungen des Paketboten, seine Erinnerungen an die Zeit im Keller und danach. Diese sind nervös, gehetzt und zynisch; Sebastian Fitzek auf Speed. So herrscht allerdings von Anfang an auch kein Zweifel, dass zumindest der Paketbote die Ereignisse im Keller des Briller Viertels überleben wird.

Im letzten Drittel zerfasert der Roman zusehends und man wartet vergeblich darauf, dass einige inhaltliche Bruchstücke, die nach dem Martyrium übrig bleiben, in einem abschließenden Kontext gefügt werden. Der Erzähler nimmt die Ereignisse teilweise selbst nur noch ais der Ferne wahr und berichtet auch mit entsprechendem Abstand. Das ist einerseits konsequent, bedenkt man, dass man hier die auf Band gesprochenen, unsortierten Gedanken des Paketboten vor sich hat, lässt aber auch ein schales Gefühl der Unvollständigkeit zurück. Ich denke, dass sich Stefan Melneczuk absichtlich für diesen ungewöhnlichen Weg entschieden hat und damit bewusst auf einen finalen Kreisschluss der Geschichte verzichtet.

Trotz der Assoziationen, die das beklemmende Szenario in der von Hostel und Josef Fritzl geprägten Fantasie des Lesers hervorruft, ergeht sich der Autor nicht in plakativen Details. Rabenstadt bleibt überraschend unblutig. So einiges wird der Fantasie des Lesers überlassen. Dennoch ist Rabenstadt keine leichte Kost und – wie schon bei Jens Lossaus Nordseeblut – sollte auf dem Buch eine Warnung angebracht sein: »Das ist kein gewöhnlicher Regional-Thriller«.
Als nette Dreingabe enthält Rabenstadt noch drei Kurzgeschichten des Autors, die Beweis für die stilistische Wandlungsfähigkeit des Verfassers sind. Wie schon die Geschichten in Melneczuks Geistergeschichten vor Halloween (Blitz-Verlag, 2009) allerdings eher gelungene Stilübungen als ausgereifte Kurzgeschichten. Des Weiteren ist noch die Schilderung einer sehr persönlichen Erfahrung des Autors zu 9/11 enthalten.

Das düstere Covermotiv, das einem Raben vor der Wuppertaler Schwebebahn zeigt, sowie das Layout wurden wieder von BLITZ-Hausgrafiker Mark Freier gestaltet. Wie alle aktuellen Neuveröffentlichungen des BLITZ-Verlags ist auch Rabenstadt als handliches und solides Hardcover mit Schutzumschlag gestaltet.

Fazit:
Stefan Melneczuks zweiter Roman hebt sich auf überraschende Weise von seinem Erstling Marterpfahl ab und schildert ein beängstigend realistisches Horrorszenario.

Vertrauen wir der Zeit. Ruhm und Schande verblassen gleichermaßen. Eines Tages sind wir nur noch ein bizarrer Kriminalfall, an den man sich erinnert, wenn es um ein paar Quadratzentimeter Gänsehaut geht.

Copyright © 2011 by Elmar Huber

 

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