| Sie sind hier: Startseite - Background - Rezensionen - Hardcover anderer Autoren / Romanhelden Thriller - Abyssus - Der Abgrund | |||||||||||||||
|
|||||||||||||||
Peter MennigenAbyssus - Der Abgrund Mystery-Thriller, Hardcover Alan Osborne staunt nicht schlecht, als er durch einen Zufall (ein Kampf mit einer widerspenstigen Küchenschabe) in einer Toilette des JFK-Airport in New York nur knapp einem Mordanschlag entgeht. Das Computergenie ist auf dem Weg nach Frankreich, wo auf einer IT-Messe die Erfindung vorgestellt wird, an deren Entwicklung er hauptsächlich beteiligt war: ein überlegenes System künstlicher Intelligenz, das aber kurz vor der Präsentation verrückt zu spielen scheint. Nur Osborne kann jetzt noch das Fiasko verhindern und seinem Arbeitgeber eine millionenschwere Pleite ersparen. Wer an dieser Stelle schon aufgibt und bei der Inhaltsangabe nicht mehr mitkommt, dem sei gesagt, dass »Abyssus« sicher noch Dutzende von Handlungsfäden und Charakteren beinhaltet, ich mich aber in meiner Zusammenfassung schon auf das Wesentliche beschränkt habe. Was Peter Mennigen hier auf 670 Seiten, die so eng bedruckt sind, dass man schon fast eine Lupe braucht, zelebriert, ist im Kern ein inhaltlich und sprachlich ausufernder potentieller Weltuntergang – hätte der Autor sein Werk nicht zusätzlich durch eine Unzahl von Ideen und Handlungsträgern aufgeblasen. Peter Mennigens »Abyssus - Der Abgrund« ist nicht, wie von einigen Lesern möglicherweise so empfunden, äußert vielschichtig, sondern hoffnungslos überladen. Das gilt für den Inhalt ebenso wie für den Schreibstil des Autors. Verschwenderisch mit Adjektiven um sich werfend, inszeniert er seinen Roman inhaltlich zerpflückt und unstringent. Während er in der ersten Hälfte mit Alan Osborne eine ziemlich blasse Hauptperson etabliert, verliert er sie im zweiten Teil fast völlig aus den Augen. Dafür tritt ein Krisenstab an die Stelle des Computerexperten. Dieser tut nichts weiter, als die vom Autor recherchierten Fakten über mögliche religiöse, philosophische und physikalische Ursachen und Auswirkungen des Abgrundes zu präsentieren. Diese Passagen, die den gesamten Roman durchziehen, reichern zwar die Geschichte durch hervorragend recherchierte Tatsachen an, lesen sich aber trotz ungelenken Einbaus in Dialoge wie schlecht aufbereitete Dokumentationen. Das ist so, als würde man bei einem Actionthriller auf Video bzw. DVD die Stoptaste drücken und zum Regal oder ans Internet gehen, um nachzusehen, welche Pistole der Held da benutzt, welche Munition er dafür braucht, wer die Waffe wo und wie erfunden hat und wie die gesamte Geschichte der Waffenfirma lautet. Hat man das dann zufriedenstellend nachgelesen, drückt man wieder auf »Play«, nur um nach einer halben Minute wieder innezuhalten, um nachzusehen, ob es physikalisch überhaupt möglich ist, dass ein Auto bei Beschuss mit einer Uzi unter welchen Umständen auch immer explodieren kann. Gähn! Der Autor weiß, das hat er in Interviews zu dem Buch zur Sprache gebracht, dass man als Leser sehr viel Geduld und Wohlwollen aufbringen muss, wenn man »Abyssus« lesen will. Das ist leider kein großer Trost für denjenigen, der sich tatsächlich an den massigen Roman heranwagt. So edel auch der Wunsch gewesen sein mag, ein Buch als Hardcover unter 20 Euro kosten zu lassen, so sehr rächt sich das am Schriftbild und dem verwendeten Material. Das dünne Papier des Hardcovers lässt qualitativ manchmal zu wünschen übrig, immer wieder lösen sich kleine Papierflocken von den Seiten – was, zugegebenermaßen, auch nur bei dem mir vorliegenden Exemplar so sein könnte. Die kleine Schrift strengt beim Lesen sehr an – und wäre, wäre der Roman noch einmal vom einem Lektor rigoros um 200 – 300, in meinen Augen unnötige, Seiten bzw. Passagen gekürzt worden, nicht notwendig gewesen. Solche Passagen sind zum Beispiel die, bei denen Mennigen Nebencharaktere einführt und sie mit einem Hintergrund versieht, den andere Thrillerautoren als ausreichend für eine Hauptfigur erachten würden. Daran wäre nichts auszusetzen, wenn der Autor sie nicht nach zehn Seiten Einführung gleich wieder umbringen würde. Klar, es ist immer besser, schreckliche Ereignisse aus der persönlichen Sicht von Figuren zu schildern – hier geschieht dies aber zu sehr gewollt. Soll heißen, man erkennt, dass genau das die Absicht des Autors gewesen ist. Mich nerven diese ellenlangen Personenhintergründe mehr, als das sie mir die Figur näher bringen, und ich fühle mich nicht betroffen, wenn diese – wie tragisch auch immer - dann das Zeitliche segnen. Das bremst die an sich doch spannende Handlung der wunderbar zelebrierten Zerstörung von Paris viel zu sehr aus. Dass die Charaktere trotz üppiger Hintergründe blass und farblos bleiben, liegt vor allem auch daran, dass die eigentliche Hauptfigur des Romans die Stadt Paris ist. Sie wird als düstere Mystery-Metropole geschildert, deren Einwohner, seien es Touristen oder Einheimische, allesamt einen psychischen Knacks haben. Fälschlich des Drogenkonsums beschuldigte Teenie-Töchter, geschlagene Hausfrauen und am Hungertuch nagende Schriftsteller sind da nur die Spitze des Eisbergs an wild konstruiertem Personenreigen, den man dem Autor so einfach nicht wirklich abnimmt. Dafür treffen hier einfach zu viele negative Klischees aufeinander, es sind keine natürliche Figuren, die da agieren, sondern solche, die einfach nur die düster-bedrohliche Stimmung des Romans im Selbstzweck unterfüttern sollen. Schade. In Peter Mennigens »Abyssus – Der Abgrund« versteckt sich im Grunde ein solider Wissenschafts-Mystery-Thriller, der nur mindestens 30 –50 Prozent abspecken müsste, um wirklich gut zu sein. So verliert sich die Handlung in zu vielen Strängen und Wendungen, die für sich genommen allerdings tolle Ansätze für andere Romane abgeben würden. Insbesondere der metaphysisch-religiös-philosophische letzte Teil und der Anfang (in etwa die ersten und letzten 100 Seiten) müssten überarbeitet werden. Das allerdings würde den zerfaserten Gesamteindruck des Buches, das sich nicht für eine einzelne Gesichte im Vordergrund entscheiden kann, seine wissenschaftlichen Grundlagen und Fakten ungelenk präsentiert und kein durchgängiges, ausreichend sympathisches Personal besitzt, auch nur marginal ins Positivere verschieben. Wer immer das Experiment, sich auf den Roman einzulassen, trotzdem wagt, dem sei an dieser Stelle auf seinem Weg viel Geduld, leserisches Sitzfleisch, gute Augen und eine hohe Frustrationstoleranzschwelle gewünscht. Für mich persönlich will der Roman zu viel - und erreicht dabei zu wenig, um mich zu überzeugen.
© Sascha Vennemann |