Sie sind hier: Startseite - Background - Rezensionen - Hardcover anderer Autoren / Romanhelden Thriller - Abyssus - Der Abgrund


Rezension - Abyssus - Der Abgrund

Peter Mennigen
Abyssus - Der Abgrund

Mystery-Thriller, Hardcover
Schenk Verlag, Passau, Oktober 2008
671 Seiten / 19,95 Euro
ISBN: 9783939337553

Alan Osborne staunt nicht schlecht, als er durch einen Zufall (ein Kampf mit einer widerspenstigen Küchenschabe) in einer Toilette des JFK-Airport in New York nur knapp einem Mordanschlag entgeht. Das Computergenie ist auf dem Weg nach Frankreich, wo auf einer IT-Messe die Erfindung vorgestellt wird, an deren Entwicklung er hauptsächlich beteiligt war: ein überlegenes System künstlicher Intelligenz, das aber kurz vor der Präsentation verrückt zu spielen scheint. Nur Osborne kann jetzt noch das Fiasko verhindern und seinem Arbeitgeber eine millionenschwere Pleite ersparen.
Vor Ort in Paris stellt sich die Situation aber ganz anders dar: Jemand hat das Programm manipuliert, einen Virus eingespeist. Schnell geraten die französischen Kollegen ins Visier, allen voran die burschikose Francoise Fabian. Doch warum sollte die junge Frau Sabotage begehen? Alan Osborne gerät immer tiefer in etwas, von dem er keine Ahnung hatte: Seine Erfindung würde einst die Menschheit bedrohen, die Macht übernehmen und alle ins Verderben stürzen. Um dem entgegen zu wirken hat ein Zirkel von Hexen, zu dem auch Francoise Fabian gehört, sich zum Ziel gesetzt, das Computersystem und auch seinen Erfinder zu vernichten. Während Osborne durch die Stadt flüchtet begegnet ihm der mysteriöse Graf von Saint-Germain, ein Adeliger, der eigentlich schon seit Jahrhunderten tot sein müsste. Er erklärt dem Computerexperten, wie die Hexen, nun, da Alan ihnen entkommen ist, die Apokalypse verhindern wollen. Im Mittelalter brachten die Templer das magische Buch des Abyssus von Jerusalem nach Paris. In diesem Werk steht die Formel für die Beschwörung des Abyssus, des alles verschlingen Abgrunds, dessen Macht die Hexen für ihre Zwecke einsetzen wollen.
Als die Hexen tatsächlich in den Besitz des Buches gelangen und den Abyssus beschwören, bricht eine Katastrophe über Paris herein, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Ein schwarzer Strudel öffnet sich im Untergrund der Stadt und verschlingt nach und nach ganze Stadtteile, löst sie in seiner schwarzen Substanz auf. Auch ein Expertengremium, das sich im Rathaus berät, kann weder Ursache noch Lösung für das Phänomen eruieren. Die Vernichtung der Welt, ja, des Universums scheint unaufhaltbar. Schließlich kämpft sogar Alan Osborne, seiner wenigen Mitstreiter durch den Abyssus beraubt, gegen die drohende Apokalypse, die eigentlich eine andere ihrer Art hatte verhindern sollen. Seine Odyssee durch Paris führt ihn an seine Grenzen – und sogar über den Tod hinaus ...

Wer an dieser Stelle schon aufgibt und bei der Inhaltsangabe nicht mehr mitkommt, dem sei gesagt, dass »Abyssus« sicher noch Dutzende von Handlungsfäden und Charakteren beinhaltet, ich mich aber in meiner Zusammenfassung schon auf das Wesentliche beschränkt habe. Was Peter Mennigen hier auf 670 Seiten, die so eng bedruckt sind, dass man schon fast eine Lupe braucht, zelebriert, ist im Kern ein inhaltlich und sprachlich ausufernder potentieller Weltuntergang – hätte der Autor sein Werk nicht zusätzlich durch eine Unzahl von Ideen und Handlungsträgern aufgeblasen.
In der Tat enthält »Abyssus« so viel spannende Ideen und Handlungsansätze, dass sie einem anderen Autoren sicher als Geschichtenpool für ein gesamtes Lebenswerk ausgereicht hätten. Es macht den Eindruck, als wolle Peter Mennigen gefühlte fünfzig Geschichten auf einmal erzählen, könne sich aber nicht entscheiden, welche er nun in den Vordergrund stellen soll.
Da ist zum einen in der ersten Hälfte des Buches der Protagonist Alan Osborne. Unsicher, ein richtiger Computer-Nerd, zudem wenig attraktiv und nur in seine Arbeit versunken, wird er vor ein Rätsel gestellt, warum man ihm ans Leder möchte. Schon fast kafkaesk stolpert er unverschuldet von einer Gefahr in die nächste, entkommt Auftragskillern mehr als nur einmal und erfährt schließlich, was eigentlich vor sich geht. Letztendlich schlägt die in der phantastischen Literatur weit verbreitete Ansicht durch, dass zuviel Intelligenz des Computers irgendwann das Ende der Menschheit bedeuten könnte. So weit, so Klischee. Das lässt Mennigen sogar seine Hauptfigur denken. Als dann die Hexen ins Spiel kommen, rümpft man als Leser zum ersten Mal die Nase. Okay, das lässt man sich vielleicht noch gefallen, schließlich sind wir in Paris, da gibt es geheime Bünde und Logen zuhauf, das ist Teil der Stadtgeschichte. Wenn dann aber auch noch die Templer ins Spiel kommen, ein russischer Wissenschaftler, der durch Psychoexperimente einen physischen Beweis für Gott gefunden hat, Zombies, eine rätselhafte Mordserie in einem Stadtteil, eine Verfolgungsjagd durch U-Bahn-Schächte und die berühmten Katakomben, eine Handvoll Charaktere, die seitenlang eingeführt werden, nur um sie dann gleich wieder zu töten, zwei quasi Unsterbliche oder zumindest absurd Langlebige - nach all dem denkt man: STOP! Es reicht!

Peter Mennigens »Abyssus - Der Abgrund« ist nicht, wie von einigen Lesern möglicherweise so empfunden, äußert vielschichtig, sondern hoffnungslos überladen. Das gilt für den Inhalt ebenso wie für den Schreibstil des Autors. Verschwenderisch mit Adjektiven um sich werfend, inszeniert er seinen Roman inhaltlich zerpflückt und unstringent. Während er in der ersten Hälfte mit Alan Osborne eine ziemlich blasse Hauptperson etabliert, verliert er sie im zweiten Teil fast völlig aus den Augen. Dafür tritt ein Krisenstab an die Stelle des Computerexperten. Dieser tut nichts weiter, als die vom Autor recherchierten Fakten über mögliche religiöse, philosophische und physikalische Ursachen und Auswirkungen des Abgrundes zu präsentieren. Diese Passagen, die den gesamten Roman durchziehen, reichern zwar die Geschichte durch hervorragend recherchierte Tatsachen an, lesen sich aber trotz ungelenken Einbaus in Dialoge wie schlecht aufbereitete Dokumentationen. Das ist so, als würde man bei einem Actionthriller auf Video bzw. DVD die Stoptaste drücken und zum Regal oder ans Internet gehen, um nachzusehen, welche Pistole der Held da benutzt, welche Munition er dafür braucht, wer die Waffe wo und wie erfunden hat und wie die gesamte Geschichte der Waffenfirma lautet. Hat man das dann zufriedenstellend nachgelesen, drückt man wieder auf »Play«, nur um nach einer halben Minute wieder innezuhalten, um nachzusehen, ob es physikalisch überhaupt möglich ist, dass ein Auto bei Beschuss mit einer Uzi unter welchen Umständen auch immer explodieren kann. Gähn!

Der Autor weiß, das hat er in Interviews zu dem Buch zur Sprache gebracht, dass man als Leser sehr viel Geduld und Wohlwollen aufbringen muss, wenn man »Abyssus« lesen will. Das ist leider kein großer Trost für denjenigen, der sich tatsächlich an den massigen Roman heranwagt. So edel auch der Wunsch gewesen sein mag, ein Buch als Hardcover unter 20 Euro kosten zu lassen, so sehr rächt sich das am Schriftbild und dem verwendeten Material. Das dünne Papier des Hardcovers lässt qualitativ manchmal zu wünschen übrig, immer wieder lösen sich kleine Papierflocken von den Seiten – was, zugegebenermaßen, auch nur bei dem mir vorliegenden Exemplar so sein könnte. Die kleine Schrift strengt beim Lesen sehr an – und wäre, wäre der Roman noch einmal vom einem Lektor rigoros um 200 – 300, in meinen Augen unnötige, Seiten bzw. Passagen gekürzt worden, nicht notwendig gewesen.

Solche Passagen sind zum Beispiel die, bei denen Mennigen Nebencharaktere einführt und sie mit einem Hintergrund versieht, den andere Thrillerautoren als ausreichend für eine Hauptfigur erachten würden. Daran wäre nichts auszusetzen, wenn der Autor sie nicht nach zehn Seiten Einführung gleich wieder umbringen würde. Klar, es ist immer besser, schreckliche Ereignisse aus der persönlichen Sicht von Figuren zu schildern – hier geschieht dies aber zu sehr gewollt. Soll heißen, man erkennt, dass genau das die Absicht des Autors gewesen ist. Mich nerven diese ellenlangen Personenhintergründe mehr, als das sie mir die Figur näher bringen, und ich fühle mich nicht betroffen, wenn diese – wie tragisch auch immer - dann das Zeitliche segnen. Das bremst die an sich doch spannende Handlung der wunderbar zelebrierten Zerstörung von Paris viel zu sehr aus.
Überhaupt lässt sich Mennigen an vielen Stellen zu viel Zeit, seine Handlung voranzubringen, und verstrickt zudem seine Figuren in wissenschaftliche Diskurse, wo diese absolut deplaziert wirken und im Sinne einer stringenten Erzählführung nichts zu suchen haben. Insbesondere im ersten Teil des Romans kommt nirgendwo auch nur im Ansatz etwas Spannung auf, und der geneigte Leser hofft endlich auf das Erscheinen des titelgebenden Abyssus.

Dass die Charaktere trotz üppiger Hintergründe blass und farblos bleiben, liegt vor allem auch daran, dass die eigentliche Hauptfigur des Romans die Stadt Paris ist. Sie wird als düstere Mystery-Metropole geschildert, deren Einwohner, seien es Touristen oder Einheimische, allesamt einen psychischen Knacks haben. Fälschlich des Drogenkonsums beschuldigte Teenie-Töchter, geschlagene Hausfrauen und am Hungertuch nagende Schriftsteller sind da nur die Spitze des Eisbergs an wild konstruiertem Personenreigen, den man dem Autor so einfach nicht wirklich abnimmt. Dafür treffen hier einfach zu viele negative Klischees aufeinander, es sind keine natürliche Figuren, die da agieren, sondern solche, die einfach nur die düster-bedrohliche Stimmung des Romans im Selbstzweck unterfüttern sollen. Schade.

In Peter Mennigens »Abyssus – Der Abgrund« versteckt sich im Grunde ein solider Wissenschafts-Mystery-Thriller, der nur mindestens 30 –50 Prozent abspecken müsste, um wirklich gut zu sein. So verliert sich die Handlung in zu vielen Strängen und Wendungen, die für sich genommen allerdings tolle Ansätze für andere Romane abgeben würden. Insbesondere der metaphysisch-religiös-philosophische letzte Teil und der Anfang (in etwa die ersten und letzten 100 Seiten) müssten überarbeitet werden. Das allerdings würde den zerfaserten Gesamteindruck des Buches, das sich nicht für eine einzelne Gesichte im Vordergrund entscheiden kann, seine wissenschaftlichen Grundlagen und Fakten ungelenk präsentiert und kein durchgängiges, ausreichend sympathisches Personal besitzt, auch nur marginal ins Positivere verschieben. Wer immer das Experiment, sich auf den Roman einzulassen, trotzdem wagt, dem sei an dieser Stelle auf seinem Weg viel Geduld, leserisches Sitzfleisch, gute Augen und eine hohe Frustrationstoleranzschwelle gewünscht. Für mich persönlich will der Roman zu viel - und erreicht dabei zu wenig, um mich zu überzeugen.

Bewertung:



© Sascha Vennemann

 

© by 2009
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox