Thomas Wawerka
Wie das Universum und ich Freunde wurden
Vorwort: Andreas Eschbach
Illustrationen: Yvonne Dick
Redaktion: Uschi Zietsch
Lektorat: Alisha Bionda
Science Fiction, Taschenbuch
Fabylon-Verlag, Markt Rettenbach, Februar 2011
261 Seiten / 13,50 €
ISBN: 9783927071346
Thomas Wawerka, Autor und Theologe, mit Wohnsitz in Leipzig, hat im vorliegenden Buch seine bis dato in den verschiedensten Magazinen und Anthologien veröffentlichten Kurzgeschichten der Jahre 2001 - 2010 gesammelt, diese in vier Kapitel gegliedert und jeweils mit einem erläuternden Vorwort versehen.
Kapitel 1: Groteske Gestalten
In Die Mutter des Abends gelangt eine Attentäterin vom Planeten Morgen zum Planeten Abend, um die dort herrschende Matriarchin zu töten.
Eine Geschichte mit sowohl aktuellem politischen wie auch religiösen Bezug, die, indem sie sich der Metaphorik zweier verschiedener Planeten bedient, die zum einen den islamistisch geprägten Nahen Osten und zum anderen die westliche, christlich geprägte Welt repräsentieren, ein Plädoyer für mehr Verständnis und Toleranz Andersdenkenden und -gläubigen gegenüber hält. Dazu ist es notwendig, Glaubenslehren und Kulturen kritisch zu hinterfragen und nicht einseitig und vorurteilsgemäß zu urteilen.
Die Geschichte Hippokratisches Gleichnis stellt Wawerkas Version vom Klonen zur Transplantatgewinnung dar, wie sie später in Filmen wie Michael Bays Die Insel aus dem Jahre 2005 laut Wawerka ad absurdum geführt wurde. Der Autor versucht den Leser zu verwirren, doch die unterschiedlichen Wahrnehmungen/Erinnerungen lassen schon früh auf mehrere Personen schließen.
Der Name des Patienten ist mit Cameo sicherlich nicht grundlos gewählt und kann somit schon bei seiner ersten Erwähnung als »Vorlage« interpretiert werden.
Die titelgebende Erzählung Wie das Universum und ich Freunde wurden erfährt in diesem Buch ihre Erstveröffentlichung, obwohl sie die älteste der Sammlung ist.
Wawerka personifiziert hier das Universum, welches Selbstmord begehen will, dann in nächtlichen Gesprächen und durch das Kennenlernen weltlicher Genüsse seine Existenz doch für erhaltenswert ansieht.
Zu Beginn ist vom 21.12.2012 die Rede, das Datum, an welchem gemäß angeblicher Prophezeiung der Maya die Welt untergeht. Gegen Ende schreiben wir plötzlich den 21.12.2010; Absicht oder Fehler?
Begegnung auf Golgatha spiegelt sehr stark den theologischen Hintergrund des Autors wider.
Kain, der Brudermörder des Alten Testaments, ist dazu verdammt, ewig auf Erden zu wandeln. In dem Erzähler, einem Selbstmörder, trifft er auf einen weiteren »Ausgeschlossenen«, dessen Schicksal ebenfalls die ewige Wiedergeburt ist.
Kapitel 2: Das Ende von Etwas
Die Geschichte Die Göttin des Überflusses spielt vor einem dystopischen Hintergrund, würde aber inhaltlich und vom Aufbau her auch sehr gut dem vorangegangenen Kapitel zuzuordnen sein.
Der Leser erfährt von den Gegebenheiten einer zukünftigen Welt, von gewollter Euthanasie wie auch dem Ausleben der Völlerei. Eine Welt ohne Vergangenheit und Zukunft, die unterschwellig mit der katholischen Glaubenslehre kollidiert.
In Gezählte Tage berichtet Wawerka nüchtern von der Sinnlosigkeit und Verselbstständigung eines (interstellaren) Krieges, der zu reinem Selbstzweck verkommt.
Ist der »Feind«, die anderen, nicht (mehr) greifbar/existent, führt ein ehemaliger Leutnant auf einem unbedeutenden Planeten einen Privatkrieg gegen die eigenen Leute, denn Krieg führen ist das Einzige, was die gestrandeten Soldaten können. Durch die Zeitdilatation haben sie zudem alle sozialen Bindungen verloren. Ausschließlich durch die Kriegshandlungen sind sie in der Lage, sich selbst zu definieren.
Joe Haldemans Der ewige Krieg diente hier als Vorbild, in dessen Fußstapfen Wawerka zu treten versucht. Und anhand Joseph Conrads Herz der Finsternis, dem Buch, welches der namenlose Soldat bei seinem Einsatz mit sich führt, schafft Wawerka eine Verbindung zum bedeutenden Antikriegsfilm Apocalypse Now.
Advent: Ankunft ist eine »offene« Geschichte, ein Ausschnitt aus einem postapokalyptischen Szenario im Osten Deutschlands, welches Erinnerungen an die Verfolgung und Vertreibung der Juden in Deutschland wachruft.
Plakativ verdeutlicht auch durch den jüdischen Namen Ester, der Name der Schwester des Erzählers wie auch des angerufenen Mordechai, des Juden aus dem biblischen »Buch Ester«.
Der alte Mann und das Glück erzählt von der Mitarbeiterin eines Pflegedienstes, die anscheinend den Verlust ihrer Kinder erlitten hat. Sie betreut täglich einen alten Mann, der sich in Gedankenspielen um Außerirdische ergeht. Ist die Krankenschwester vielleicht selbst eine Außerirdische?
Der Leser mag den Faden weiterspinnen und sich seine eigenen Gedanken machen; der Autor bleibt die klärende Antwort jedenfalls schuldig.
Kapitel 3: Ausschau nach Alternativen
In Wir könnten Kolumbus fragen nimmt die bemannte Expedition zum dritten Jupitermond Ganymed einen gänzlich anderen Ausgang als erwartet. Eine künstliche Intelligenz hat dort das Ruder übernommen und menschliches Leben assimiliert.
Animal Farm beschreibt eine etwas andere Form des Strafvollzugs wie auch die Behandlung psychisch Kranker. Tiere übernehmen hier zur Resozialisierung wie auch zur Heilung die Partnerrolle. Doch was wird aus den Tieren nach erfolgter und erfolgreicher Therapie?
Als Inspirationsquelle für Auf der nächsten Stufe benennt Wawerka den Film Phase IV aus dem Jahre 1974, in dem die Ameisen sich verändern und das menschliche Leben bedrohen. Diesen Bezug macht er auch im Schlusssatz seiner Erzählung nochmals deutlich.
Erinnert hat mich das Szenario zuerst einmal an die Deportation der Juden ins Prager Ghetto, womit Wawerka das Sujet aus Advent: Ankunft erneut aufgreift. Weitere Einflüsse sind aber sicherlich auch der Film Soylent Green - Jahr 2022 ... die überleben wollen aus dem Jahr 1973, aber auch Max Frischs Drama Biedermann und die Brandstifter.
Routinejob: Der Überlichtsprung eines Raumtransporters schlägt fehl und das Schiff strandet etwa 140 Jahre in der Zukunft. Nach der Landung auf dem anvisierten Planeten gerät die Besatzung in Gefangenschaft, denn dort haben sich die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in den letzten Jahrzehnten entscheidend verändert. Die in sich abgeschlossene Enklave auf dem Planeten, der aufgrund seines Silberholz-Vorkommens einst einer der bedeutendsten in der Galaxie war, beherbergt einen Imperator im Exil, der nun seine Chance gekommen sieht, seine Eroberungspläne zu verwirklichen.
Eine Geschichte, die zu Beginn Verhältnisse der ehemaligen DDR zeichnet, gegen Ende aber immer mehr zu einer Abenteuerstory transformiert.
Eine Fortsetzung in Form der weiteren Abenteuer der Besatzung der »Demokratischer Aufbruch« (!), am Ende »Rückkehr von Elba« (!), wäre durchaus vorstellbar. Hierzu möge sich der Autor einmal Gedanken machen.
Kapitel 4: Auf der anderen Seite
Die umfangreichste Geschichte dieser Sammlung ist die des letzten Kapitels, welches auch nur aus der gleichnamigen, 63seitigen Erzählung Auf der anderen Seite besteht.
Unter einem Dorf vor der deutsch-tschechischen Grenze befindet sich ein labyrinthartiges System aus Gängen, durch das der Protagonist Erik Rohmer auf der Suche nach seiner Ex-Verlobten Dana wiederum durch eine Art Loch im Raum, ein Dimensionstor, in eine Parallelwelt gelangt, dort auf ein dem Feudalismus ähnliches Staatssystem stößt, an dessen Spitze ein Gottkaiser verehrt wird. Er wird mit der Wahnidee vom Herrenmenschen konfrontiert und es erwartet ihn eine ganz besondere Überraschung, die manches Rätsel seiner eigenen, persönlichen Vergangenheit aufklärt.
Was als Mystery-Story beginnt, mündet schließlich in eine Alternativwelt-Geschichte, in der Adolf Hitlers »Karriere« einen gänzlich anderen Verlauf nahm. Eine sehr politische wie auch kritische Geschichte, in der Nationalsozialismus und Katholische Kirche ein Bündnis, eine Symbiose eingehen.
Neben diesem Hauptthema, bietet Wawerka aber auch einen wissenschaftlichen Erklärungsansatz für diese Parallelwelt, in dem er sowohl das »Viele-Welten-Modell« des Physikers Hugh Everett zitiert als auch John Wheelers Konstrukt von Raumzeitblasen, dem sogenannten »Quantenschaum«.
Letztendlich ehrt er mit dem Namen der Hauptfigur auch noch den französischen Film- und Theaterregisseur Éric Rohmer, dessen Werke von der Kritik oft geschmäht wurden.
Thomas Wawerka beweist mit der vorliegenden und erstmals in Buchform veröffentlichten Sammlung seiner Geschichten, dass er ein tiefgründiger Autor ist, der die nicht immer leichte Form der Kurzprosa gewählt hat, um seinen Gedanken und Botschaften Ausdruck zu verleihen.
Geschichten, die nicht immer Science Fiction im eigentlichen Sinne sind - am häufigsten kommt dieses Genre noch im 3. Kapitel zur Anwendung - sondern oft eher phantastisch, utopische Züge aufweisen. Die Klassifizierung in das Genre der Science Fiction ist mehr ein Hilfskonstrukt für die Abstraktion der vermittelten gesellschaftskritischen wie auch theologischen Inhalte.
Wawerka ist ein guter Beobachter, bedient sich einer klaren, schnörkellosen Sprache, ist eloquent im Ausdruck und bei seinen Erzählungen nicht auf die schnelle Pointe aus.
Der Mensch steht im Mittelpunkt, Technik, wenn überhaupt, ist eher zweitrangig.
Gerne nimmt sich Wawerka cineastische oder literarische Vorbilder, die er aber nicht plagiiert, sondern mehr auf deren Ideen aufbaut und seine eigenen Gedanken dazu weiterentwickelt.
Wawerka erschafft Szenarien, die in der Realität verhaftet und es wert sind, sich mit ihnen näher auseinanderzusetzen.
Das etwas überformatige Taschenbuch ist tadellos hinsichtlich Schriftsatz und Textpräsentation. Wünschenswert wäre allerdings, neben der Bibliografie im Anhang dem Buch ein Inhaltsverzeichnis voranzustellen.
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