DIE LEGENDE VON EDEN
VISIONEN 2
Hrsg. Helmuth W. Mommers
Anthologie, Softcover
Shayol, Oktober 2005
256 Seiten,14,90 €
ISBN 3-9261-2652-3
Phantastische Ausblicke in die Welt der Zukunft von den besten deutschen Science Fiction-Autoren der Gegenwart
Was wäre, wenn ...
Tobias Bachmann
DIE FEHLENDE STUNDE
... sich unsere Welt plötzlich in eine kafkaeske verwandelte ...
Frank Borsch
AUSGLEICHENDE GERECHTIGKEIT
... wenn es nicht Auge um Auge ginge, sondern zwei Augen für eins ...
Rainer Erler
AN E-STAR IS BORN
... wenn ein Filmdiva Zicken machte, bis den Studiobosse der Kragen platzt ...
Andreas Gruber
WEITER ODER RAUS
... wenn Reality-Shows auf die blutige Spitze getrieben würden ...
Marcus Hammerschmitt
2 HOCH 64
... wenn die Erde von ihren wahren Herrschern übernommen würde ...
Frank W. Haubold
DIE LEGENDE VON EDEN
... wenn eine fremde Macht ein interstellares Komplott aufdeckte ...
Oliver Henkel
HITLER AUF WAHLKAMPF IN AMERIKA
... wenn Carolina eine preußische Provinz wäre und Hitler auf Wahlkampfreise ginge ...
Desirée & Frank Hoese
SCHÄTZE DER ZUKUNFT
... wenn wir verlorene Schätze der Vergangenheit für die Zukunft retten wollten ...
Michael K. Iwoleit
PLANCK-ZEIT
... wenn der Urknall gerade erst stattgefunden hätte ...
Thorsten Küper
SPIEGELBILD DES TEUFELS
... wenn ein skrupelloser Geschäftemacher seine Haut um jeden Preis retten wollte ...
Thomas Thiemeyer
MATERIA PRIMA
... wenn eine fremde Spezies sich unsere Erde als Siedlungsplanet auserwählte ...
Ernst Vlcek
NEULICH IM GARTEN EDEN
... wenn die Vertreibung aus dem Paradies ganz anders verlaufen wäre ...
Andreas Winterer
COSMO POLLITE UND DER ZWISCHENFALL IM INTERSTELLAR EXPRESS
... wenn Cosmo Pollite, Held des Universums, wieder einmal zuschlagen würde ...?
Mittlerweile erschien im Oktober 2005 die zweite Ausgabe der von Helmuth W. Mommers herausgegebenen SF-Kurzgeschichtenanthologie-Reihe VISIONEN im Shayol Verlag.
Die Legende von Eden und andere Visionen wartet – wie auch schon Band 1 – erneut mit Science- und Social- Fiction vom Feinsten auf.
Dreizehn Autoren unterhalten den Leser sozialkritisch bis humoristisch. Wie schon im Vorband in einer erfreulich großen Bandbreite. Mir erscheint Band 2 sogar noch ausgereifter und bietet eben jene Steigerung, die man sich bei einer solchen Reihe erhofft, weil in Die Legende von Eden keine Story vom erzählerischen Niveau abfällt.
Und das ist in Anthologien ja meist das Manko.
Hier nicht!
Der ein oder andere Autor beeindruckt hier ein weiteres Mal durch seine Erzählkunst, aber auch neue sind hinzugekommen. Eine ausgewogene Mischung also.
Auf die für mich Interessantesten möchte ein wenig näher eingehen, aber immer darum bemüht nichts vorwegzunehmen.
Begonnen wird dieser SF-Reigen von Rainer Erler, dessen satirische Geschichte Hollywood gehörig auf die Schippe nimmt und zeigt, was im Zeitalter der Technik alles möglich ist. Da wird eine exzentrische Schauspielerin, die gerade „en voque“ aber dem Filmbossen höchst unbequem ist, durch ein Computer-Double ersetzt und vermarktet. Und bringt in uns die bange Frage auf: Sind wir alle (bald) ersetzbar?
Thorsten Küpers „Spiegelbild des Teufels“ ist eine meiner Favoritenstorys. Es geht um den Protagonist Lasar, seine Klone und die beiden Frauen, die eine enge Bindung zu ihm haben. Um die eigene Existenz rankt sich der Hauptplot und Thorsten Küpers vermag es, Charaktere zu schaffen, die den Leser fesseln, die ihn mitreißen in das Geschehen. Auf subtile Art. Und gerade aus dem Grund nachdenklich stimmen.
Oliver Henkels „Hitler auf Wahlkampf in Amerika“ hat mich am meisten angesprochen, vom Stil, Plot und der Recherche. Die unterschiedlichen Gefühle der Personen, ihre Beweggründe, Abneigungen, das Zeitgeschehen, alles wird von dem Autor so lebendig vermittelt, als wäre man selbst „mittendrin“. Das ist Social Fiction mit Sahnehäubchen! Und macht Lust darauf, mehr von dem Autor zu lesen.
Komme ich zu den humorvollen Geschichten dieses Bandes.
Andreas Winterers „Cosmo Pollite oder der Zwischenfall im InterStellar Express“ ist wirklich groovy. Anders kann man es nicht ausdrücken. Sein Roboterüberfall und „etwas anderes“ Geiseldrama ist für alle, die nicht auf der Humorleitung stehen, haargenau das richtige. Wie beruhigend auch, dass in der Zukunft Harald Schmidt ein Thema ist. Bei Andreas Winterere lachen vielleicht nicht alle Schnittstellen, aber sie schmunzeln, wenn sie ein Gespür für Komik haben.Da kann ich nur zitieren: „Freiheit für alle Roboter (Aufzüge und Toaster!)!“
Bei Ernst Vlceks „Neulich im Garten Eden“ kam ich denn aus dem Schmunzeln gar nicht mehr heraus. So perfekt und prägnant habe ich noch keine Schöpfungsgeschichte (mal aus einem anderen Blickwinkel, der Leser lasse sich überraschen!!!) zu lesen bekommen! Was einmal mehr beweist, Ernst Vlcek weiß zu schreiben und vor allem zu unterhalten! Und vor allem beweist er – mehr als andere – dass MMR recht hat, mit seiner goldenen Regeln: Zwei Worte sind gut, eins ist besser. Wie wahr, wie wahr. Es ist Schreibkunst mit wenigen Worten, so vortrefflich zu unterhalten!
Aber auch Frank Borschs „Ausgleichende Gerechtigkeit“ weiß vom Plot her zu überzeugen.
Mein Freund Harvey einmal anders! Urkomische, lebendige „Auge um Auge, Zahn um Zahn“-Story mit cineastischen Einschlägen. Spätestens beim nächsten Fahrraddiebstahl werden Sie sich zurückbesinnen.
Die für mich ungewöhnlichste Geschichte stammt von Andreas Gruber. Er schildert in „Weiter oder raus“ die Sensationslust der Medien und vor allem uns selbst. Um eine horrende Gewinnsumme zu kassieren, lassen sich die drei Kandidaten, aus den unterschiedlichsten persönlichen Gründen, ohne Anästhesie verstümmeln. Lassen sich Gliedmaßen amputieren, die dann thematisch Bestandteil von zwischengeschalteten Werbespots sind. Makabre Medienschelte at her best!
Auch Frank Haubolds Story hebt sich ab. Die Kurzgeschichten des Autors weisen ja immer eine hohe erzählerische Dichte auf. So auch diese. Stilistisch ausgereifte und zu Recht Titelgebende. Sie bringt dem Leser auf Haubold-Weise das Thema „Leben nach dem Tod“ näher. Großartig. Ich hoffe auch der Autor wird auch ein weiteres Mal in dieser Reihe Aufnahme finden.
Im hinteren Teil des Bandes wird wie in Band eins der Künstler des Covermotives vorgestellt. Darüber hinaus verfasste der Herausgeber einen Jahresrückblick in Sachen Kurzgeschichten und fügt eine Auflistung der SF-Geschichten des Jahres 2004, die er für die besten hält, an.
Ein brauchbarer Hinweis für diejenigen, die mehr aus diesem Genre lesen wollen.
Bleibt die Aufmachung des Titels:
Das Covermotiv in warmen Erdtönen – von Thomas Thiemeyer, der ja kein Unbekannter im phantastischen Genre ist – ist schön anzusehen und künstlerisch stimmungsvoll umgesetzt. Druck und Papier, Satz und Lektorat sind ebenfalls erstklassig.
Bei „Die Legende von Eden“ stimmt alles (auch wenn ich mir nach wir vor Innenillustrationen in einer solchen Reihe wünsche).
Gut, dass es Kleinverlage wie Shayol gibt, die solchen Reihen eine Chance einräumen. Daran sollten sich die Großverlage wieder eine gehörige Scheibe abschneiden. Ich zolle sowohl Herausgeber als auch Verlag meinen literarischen Respekt und hoffe, dass uns die Reihe möglichst lange erhalten bleibt. Bei mir hat sie zumindest eines schon längst bewirkt – meine Vorbehalte gegen des Genre aufzugeben und Lesefreude auch für SF zu wecken.
© Alisha Bionda |