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Der Atem Gottes und andere Visionen 2004
Hrsg.Helmuth W. Mommers Anthologie, broschiert Shayol, 2004 251 Seiten, 14,90 Euro ISBN: 3-926126-42-6
Ich gebe zu, ich bin mit besonderer Erwartungshaltung an diese Anthologie herangegangen. Erstens weil ich den Herausgeber persönlich kenne und weiß, wie ehrgeizig er seine Projekte verfolgt, zweitens weil ich etliche der in Band 1 und 2 aufgenommenen Autoren kenne und schätze – sie teilweise auch in meinen Anthologien oder Projekten vertreten sind – und drittens weil der Herausgeber in seinem Vorwort selbst eine sehr hohe Meßlatte anlegt. Die Namen der Autoren in Band 1 der VISIONEN lesen sich erst einmal nicht schlecht. Eine Mischung von bekannt und auf dem Weg dahin, die gute Lesekost erwarten läßt. Kommt der nächste Schritt, was erwarte ich von dieser neuen Anthologie-Reihe, die unter der Flagge VISIONEN segelt? Allen voran die GROSSARTIG erzählte Story von Karl Michael Armer, die neben DIE UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS von Rainer Erler mit Abstand die beste ist. Ich gebe zu, ich habe von Armer noch nie etwas gelesen, weil ich in der Zeit seiner ersten Schaffensphase (achtziger Jahre), eher Non-Fiction gelesen habe. Aber DIE ASCHE DES PARADIESES ist das Kleinod dieser Anthologie! Definitiv! Stilistisch, visionär und philosophisch. Eine Geschichte, die man nicht nur einmal liest. Das steht fest. Sie ist polit-kritisch, temporeich und weiß vom ersten bis zum letzten Satz zu überzeugen, hinterläßt einen tiefen Eindruck und macht nachdenklich. Doch soll das die ein oder andere ebenso vortreffliche Story nicht schmälern. Wie z.B. die von Rainer Erler. In flüssigem Stil bietet dieser die „Unbefleckte Empfängnis“ einmal anders an. Dabei so menschlich lebendig geschildert, daß man mit dem Paar lebt, liebt – und staunt. Was so alles zwischen Himmel und Erde möglich scheint. Den humorigen Part dieses Bandes übernimmt Uwe Hermann in DIE UNWIDERLEGBARE WAHRHEIT. So abgedreht kann die Jagd auf den Weihnachtsmann also sein! Köstlich! RELICON von Michael Marrak bietet den gewohnt flotten Stil des Autors, brachte mich streckenweise zum Schmunzeln und glänzt durch die teilweise unwirklichen Fragmente. Leider fällt die Schlußsequenz vorhersehbar aus, was aber bei mir dennoch keinen schalen Nachgeschmack hinterlassen hat. Andreas Gruber ein großartiger Autor des phantastischen Genres, konnte mich mit PARKERS LETZTER AUFTRAG nicht vollends überzeugen. Erstmalig was diesen Autor angeht. Wenn ich dagegen an seine düsteren Novellen in DER FÜNFTE ERZENGEL (auch bei Shayol – in COOP mit Medusenblut – erschienen) denke, wirkt seine Story in diesem Band eher weniger unter die (Leser)Haut gehend. Damit ich nicht mißverstanden werde, sie ist nicht schlecht, aber bei dieser Anthologie erwartet man nach der Ankündigung halt nur literarische Sahnehäubchen. Kommen wir zu Malte S. Sembtens JAGDAUSFLUG. Sembten weiß zu unterhalten, das bezeugen Veröffentlichungen in anderen Anthologien. Auch seine Story ist routiniert erzählt, aber leider etwas vorhersehbar und mit einem eher dünneren Plot. Bedauerlicherweise. Wenn man – wie ich – Sembtens-Texte kennt, weiß man, daß er es besser kann. Jan Gardemanns CASE MODDING ist von der Struktur ausgefallen. Die Dialoge sind frisch und unterhaltsam. Diese Story bildet einen modernen Kontrast zu den eher klassischen – wirkt aber nicht völlig ausgereift. Alle anderen Geschichten sind handwerklich gut erzählt. In einer literarischen Bandbreite, wie sie in allen Anthologien vorzufinden ist. Daher gehe ich nicht näher darauf ein. Der geneigte Leser überzeuge sich selbst! Und nun komme ich unvermeidbar zur Kehrseite der Medaille. Das Cover findet hingegen wieder meine volle Zustimmung, es spricht von der Farbgebung und dem eher ungewöhnlichen Motiv an und hebt sich von der breiten Masse ab. Papier und Druck sind sehr gut. Das Lektorat besser als bei vielen anderen Kleinverlagen, aber leider mit Stilblüten wie „Sein herrischer Tonfall ließ seinen Mundschutz beschlagen“ noch über der Kulanzgrenze. Das tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch, muß dennoch Erwähnung finden. Alles in allem kann ich diese Anthologie wärmstens empfehlen. Sie macht Appetit von dem ein oder anderen Autor, auch in diesem Genre, mehr zu lesen. Und sie macht neugierig auf Band 2, der bereits vorliegt. Wer die Reihe vollständig sein eigen nennen will, sollte rasch zugreifen! © Alisha Bionda |