
Rezension - Das Cusanus-Spiel

Wolfgang Jeschke
Das Cusanus-Spiel
703 Seiten
Droemer Verlag
ISBN 3-426-19700-6
1. Platz beim Kurd-Laßwitz-Preis 2006
1. Platz beim Deutschen Science Fiction Preis 2006
Kurzinfo:
Nikolaus von Kues, latinisiert auch Nicolaus Cusanus genannt, (* 1401 in Kues an der Mosel (heute Bernkastel-Kues); † 11. August 1464 in Todi, Umbrien) war ein Kirchenmann, Kardinal und Universalgelehrter, gilt als der bedeutendste Philosoph und einer der bedeutendsten Mathematiker des 15. Jahrhunderts. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Cusanus)
Das Cusanus-Spiel
Durch einen Störfall im französischen Atomreaktor Cattenom im Jahr 2028 sind weite Landstriche, insbesondere in Deutschland, radioaktiv verseucht. Gleichzeitig führt der fortschreitende Klimawandel zu einem verstärkten Vordringen von Flüchtlingen aus den afrikanischen Nordgebieten nach Europa. Im Süden Italiens herrscht Anarchie und der Papst ist bereits vorsorglich nach Salzburg umgesiedelt. Die Unruhen beginnen, auch Rom zu erfassen, wo im Jahr 2052 die junge Botanik-Studentin Domenica Ligrina kurz vor ihrem Abschluss steht. Sie bewirbt sich bei einem kirchlichen Institut, dessen Ziel eine Wiedergeburt der göttlichen Schöpfung ist. Mit einigen Kommilitonen wird sie nach Venedig eingeladen, wo sie erfährt, was sich hinter diesem Projekt verbirgt: Auf Reisen in die Vergangenheit sollen Samen von Pflanzen beschafft werden, die durch Klimawandel und atomare Verseuchung ausgestorben sind.
Ein Gütezeichen einer SF-Erzählung ist für mich immer, wie überzeugend der Autor die Technologie der Zukunft beschreibt und mit welchen Requisiten er das Alltagsleben seiner Charaktere ausstattet. Im Cusanus-Spiel trägt jeder Bürger ein mit künstlicher Intelligenz ausgestattetes „IKom“ bei sich, das gleichzeitig als Mobiltelefon und elektronischer Personalausweis dient und seinem Träger weitere Funktionen wie den Zugang zu Datennetzen erlaubt. Zudem sind die Menschen mit anderen elektronischen Gimmicks wie Laptops, Palmtops und Wristtops ausgestattet, die alles in allem ein schlüssiges Bild der Informationstechnologie der nahen Zukunft bieten. Etwas klischeehaft wirkt dagegen die (unvermeidliche?) Laserpistole und ziemlich bizarr der mit menschlichen Genen modifizierte sprechende Killerhund.
Neben „Nanos“ und „Smartdust“ dürfte auch die geschilderte Holographie-Technik eine sehr optimistische Einschätzung des technologischen Fortschrittes darstellen - da gerade die Holographie aber für die Realisierung der Zeitreise unerlässlich ist, kann der Leser auch damit recht gut leben. Und wer weiß - vielleicht ist das geschilderte Universum nicht das, welches wir kennen, sondern es ist einer anderen Zeitlinie gefolgt ...
Das Cusanus-Spiel, so erfährt es der Leser, besteht aus einer unsymmetrischen Spielkugel, die über ein Spielbrett gerollt wird, um den Mittelpunkt eines Zielkreises zu treffen. Da die Spielkugel nicht geradlinig rollt, muss man am Mittelpunkt vorbeizielen, um ihn schließlich doch zu treffen.
Dieses Prinzip hatte Wolfgang Jeschke offenbar verinnerlicht, als er das Cusanus-Spiel schrieb - denn auch die Geschichte scheint für den Leser lange Zeit am Ziel vorbeizugehen.
Domenicas Anwerbung in Rom und ihre Ausbildung in Venedig nehmen bereits die erste Hälfte der Erzählung ein. Der Einstieg in den Roman wird dabei durch einige zu frühe Rückblenden in Domenicas Leben erschwert. Doch obwohl Jeschke die Geschichte nur sehr langsam entwickelt und auch auf Antagonisten weitgehend verzichtet, kommt eigentlich nie Langeweile auf.
Alle Schauplätze - besonders die umkämpfte Stadt Rom und das versinkende Venedig - sind detailliert und liebevoll ausgestaltet und die Atmosphäre des Zerfalls wird mit faszinierenden Wortbildern wiedergegeben.
Domenicas Zeitreise, die der Leser eigentlich als zentrales Motiv des Romans erwarten würde, beginnt erst auf Seite 570 des Buches und ist dann auch recht schnell wieder zu Ende.
Das Ende der Erzählung ist ein wenig verwirrend - ein Charakteristikum, das bei Zeitreise-Romanen für meinen Geschmack leider etwas zu häufig vorkommt.
Trotz dieses unerwarteten Verlaufs ist es Wolfgang Jeschke gelungen, ein eindringliches Werk zu schaffen, das auf beklemmende Weise eine gar nicht weit entfernte Zukunft schildert. Insgesamt also ein durchaus lesenswertes Buch, auch wenn es für mich die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllt.
© B. Weißbecker
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