Michel Bernanos
Terra infernalis
Originaltitel: La montagne morte de la vie, Jean-Jacques Pauvert, Paris 1967
Aus dem Französischen von Erik Hauser
Deutsche Erstausgabe
Dunkle Phantastik, Paperback
Waldgut Verlag, Frauenfeld, 2009
144 Seiten / 18,00 €
ISBN: 9783037403877
Eine endlose Flaute hält einen Frachtensegler auf dem Ozean gefangen. Die von Hunger, Sonne und Alkohol geschwächte Mannschaft verroht zusehends. Bis ein gewaltiger Sturm dem Treiben ein Ende macht, müssen der Schiffskoch und der achtzehnjährige Schiffsjunge – der Erzähler dieser Geschichte – von ihrem Versteck in der Kombüse aus unmenschliche Szenen, ja Kannibalismus beobachten. Koch und Schiffsjunge gelingt es, sich beim Untergang der Galeone auf eine Planke zu retten. Tagelang treiben sie umher, erreichen immer seltsamere Regionen voll von beängstigendem Meeresgetier und werden schließlich, halb wahnsinnig vor Durst, an einer Küste angetrieben, die noch weitaus erschreckendere Dinge beheimatet, als ihnen bis dahin begegnet sind. Die Insel scheint von ihren Bewohnern verlassen, alles wirkt fremd und bedrohlich, insbesondere die Farben und die Pflanzenwelt. Taumelnd machen sich die beiden Schiffbrüchigen daran, diesen Vorort zur Hölle, diese terra infernalis zu erkunden.
Der Autor Michel Bernanos gliedert »Terra infernalis« in zwei Teile. Im ersten Teil findet sich der Leser auf einem Frachtensegler, der unterwegs nach Peru ist. Er nimmt teil am Kampf der Mannschaft gegen Hunger und Durst, lernt die rauen Seiten der Besatzung kennen, die vor Nichts zurückschrecken. Da wird schon mal der Schiffsjunge Kiel geholt, um sich die Langeweile an Bord zu vertreiben. In dem alten Smutje Toine findet der Erzähler der Story einen Beistand, der ihn vor der rohen Gewalt der Matrosen schützt.
Nach 55-tägiger Flaute - Wasser und Proviant wurden schon vorher vorsorglich rationiert - wird der Kapitän der Galeone ermordet und von den volltrunkenen und hungrigen Matrosen aufgegessen. Schiffsjunge und Smutje beobachten diese kannibalistische Szenerie. Nicht nur dies, die Matrosen beginnen, sich untereinander zu bekämpfen und zu zerfleischen.
Hoffnung steigt in der übrig gebliebenen Mannschaft auf, als Wind aufkommt und es zu regnen anfängt. Doch wer soll das Schiff navigieren?
Sturmböen peitschen über den Ozean, zerren an den Aufbauten der Galeone, meterhohe Wellen ergießen ihre Wasserlast über den Frachtensegler. Das Schiff gerät in einen verheerenden Strudel, der Hauptmast bricht und reißt alles mit sich, was sich auf Deck befindet. Smutje und Schiffsjunge - die noch einzig Lebenden - bleibt nichts anderes übrig, als über Bord zu springen.
Und da beginnt der zweite Teil der Geschichte: Die Hauptprotagonisten befinden sich fest gebunden auf dem Hauptmast und treiben in der Dunkelheit durch das Wasser. In Phasen der Bewusstlosigkeit, von Dämmer- und Wachzustand stellen sie fest, dass sie sich nicht mehr in ihrer gewohnten Umgebung befinden. Sie nehmen eine blutrote Sonne wahr, beobachten, wie das Wasser eine rötliche Färbung annimmt und monströse Monster aus den Tiefen des Meeres auftauchen.
Wie ein Wunder kommt es ihnen vor, als der Mast vor einer unbekannten Küste auf Grund läuft und sie festen Boden unter ihren Füßen spüren. Ihr vorrangiges Ziel ist es, sich auf die Suche nach Wasser und Essbarem zu begeben.
»Terra infernalis« ist ein Roman, der aus verschiedenen Blickwinkeln interpretiert werden kann. Es ist jedem Leser selbst überlassen, aus welcher Sicht er dies tut.
Ist es ein Appell des Autors Michel Bernanos an seine Mitmenschen, die Ressourcen unseres Planeten Erde nicht zu vergeuden? Ist es eine literarische Form, die der Autor gewählt hat, den Weltuntergang zu beschreiben? Oder ist es der Zusammenschluss von Gott und Teufel, um die Menschheit zu bestrafen?
Angesichts der Tatsache, dass Michel Bernanos Sohn des katholischen Romanciers und Antifaschisten Georges Bernanos ist, liegt es nah, dass in »Terra infernalis« neben den Genre Mystik, Abenteuer und Horrorszenarien der Glaube eine tragende Rolle spielt.
Im Alten Testament, Genesis 1-26 - Die Schöpfung steht: »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.«
Berücksichtigt man diese Zeilen und nimmt sie als Verständnis beim Lesen des zweiten Teiles von »Terra infernalis«, so sehe ich diesen als eine mögliche Umkehr der Schöpfungsgeschichte, die Michel Bernanos in literarischen Bildern der Menschheit vor Augen führen möchte.
Seit der Existenz des Menschen ist dieser bestrebt, sich zu ernähren, um seine Spezies am Leben zu erhalten. Da schert es ihm wenig, was aus der restlichen Fauna und Flora wird, und sägt kontinuierlich an dem Ast, auf dem er sitzt. Und am Ende zerfällt er selbst zu Staub.
»Terra infernalis« ist aus meiner Sicht ein Appell, verantwortungsvoll mit unseren natürlichen Ressourcen umzugehen, die Artenvielfalt der Pflanzen und Tieren zu schützen, damit wir noch lange etwas von unserem blauen Planeten haben. Die ersten Zeichen sind gesetzt, doch die Natur holt sich das zurück, was ihr durch uns Menschen entrissen wurde.
Fazit:
Lang hat es gedauert, bis »Terra infernalis« übersetzt wurde. Der Waldgut Verlag bereichert mit diesem erlesenen Roman aus der Reihe »Zwielicht« den Buchmarkt im deutschsprachigen Raum.
Der Autor Michel Bernanos erklärt dem Leser nichts, er lässt seine literarischen Bilder sprechen und regt zum Nachdenken an. »Terra infernalis« sollte in jedem Bücherregal zu finden sein.
Prädikat - Besonders empfehlenswert!
© Wolfgang Brandt |