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Rezension - Nachts in der großen Stadt

Joachim Schlör
Nachts in der großen Stadt/ Paris, Berlin, London 1840-1930


Sachbuch, Hardcover
Artemis und Winkler, München, Zürich, 1991
322 Seiten
ISBN: 3760819311

Kriminalität ist seit jeher ein Problem der Menschheit. Ihre Erscheinungsform hat sich in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit verändert, wie auch die Wahrnehmung, Auseinandersetzung und Bekämpfung dieses Problems. Es gibt verschiedene Ansätze, aus diversen wissenschaftlichen Schulen, um sich mit dem Problem der Kriminalität auseinanderzusetzen, es zu beschreiben, zu analysieren und Lösungen zu finden. Joachim Schlörs Arbeit ist ein Teil dieser Bemühungen, um Licht in das Dunkel der Kriminalität zu bringen. Licht in das Dunkel zu bringen, dies ist fürwahr seine Intention, denn die Hauptthematik seiner Arbeit lässt sich zwar in den Gesamtrahmen von »Kriminalität in ihrer historischen Entwicklung« eingliedern, jedoch ist und bleibt sie die »Nacht«. Nachtforschung heißt das Teilgebiet, dessen sich der Autor annimmt. Hierbei bedient er sich der Quellen seiner wissenschaftlichen Vorgänger und trägt mit seiner Arbeit dazu bei, dass nicht nur die Kriminalitätsforschung, sondern im Besonderen die Nachtforschung reicher an Erkenntnissen geworden ist. »Vom Nachtleben soll die Rede sein, aber die Nacht der Städte hat andere Dimensionen. Es lohnt sich tiefer zu graben, Klischees und stereotype Bilder zu hinterfragen: [...]« (1) Diesen einleitenden Worten wird Joachim Schlör in seinem wohlstrukturierten Werk gerecht, da er diese zentrale »Aufgabenstellung« niemals aus der Sicht verliert, auch wenn er sich von Zeit und Zeit im schier unübersehbaren »Quellenchaos« zu verlieren scheint.

Gleich auf der ersten Seite legt Joachim Schlör die Grundstruktur seiner Arbeit detailliert dar und versäumt es auch nicht darauf hinzuweisen, welcher Quellen er sich bedienen konnte, welche Probleme bei der Bewertung dieser Quellen sich ihm stellten, unter welchen Gesichtspunkten er das Thema Nacht zu durchleuchten gedenkt und welchen zeitlichen Rahmen er sich gesteckt hat, um das Thema nicht in seiner Fülle ausufern zu lassen. Er will zunächst ein allgemeines Bild der Nachtbeschreibungen zeichnen, also wiedergeben, was die zeitgenössischen Quellen an Metaphorik mit dem Thema Nacht verbanden. Hieran anschließen sollen sich die Einzelaspekte des nächtlichen Treibens, die er detaillierter beschreibt, um deren Signifikanz auf die Ausprägung des Bildes von der Nacht und damit auf die moralische und sittliche Vorstellungswelt der Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts aufzuzeigen. Um die Arbeit in ihrer Gesamtheit abzurunden, nutzt der Autor die letzten Kapitel seiner Arbeit dazu ein Fazit zu ziehen und einen, wenn auch eingeschränkten, Blick in die Zukunft respektive unsere Gegenwart zu tätigen.

Joachim Schlör zeigt auf, dass seit Menschengedenken die Nacht vom Nimbus der Gefahr umgeben wird. Mit dem Einsetzen der Industrialisierung und damit verbundenen Urbanisierung wird das »Gefahrenbild« der Nacht für die Menschen der Zeit allgegenwärtig, da sich nach und nach besonders in den drei großen Städten Europas London, Paris, Berlin, auf die der Autor seinen Betrachtungsschwerpunkt legt, eine »neue Welt« entsteht, eine Welt der nächtlichen Vergnügungen. Die Menschen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts fliehen aus dem Schutze ihrer häuslichen Umgebung und drängen in diese neue entstandene Welt der Nachtlokale, Restaurants, Bars, Varietés usw. Dieser Drang beeinflusst nicht nur die Entwicklung der nächtlichen Vergnügungswelt, es verändert auch das Bild, welches sich die Menschen von der Nacht machten, ihre moralischen Wertevorstellungen und Umgangsformen, mit denen die Obrigkeit versucht, dem scheinbar entstehenden Problem entgegenzuwirken. So wie die Urbanisierung einer stetigen Modernisierung unterworfen ist, so ist dies auch in der Entwicklung der Vergnügung, sowie der Entwicklung ihrer Entzauberung (Ausleuchten der Dunkelheit durch die Entwicklung neuer Straßenbeleuchtung [Gaslaternen]) zu erkennen, jedoch bleiben lange Zeit das moralische Denken und die Maßnahmen der Obrigkeit unberührt von dieser Tendenz, denn beide halten weiterhin an den alten metaphorisch geprägten Klischees von der Nacht fest und bestimmen hiernach ihre Kritik und Problemlösungsansätze. Diese unterschiedlichen Entwicklungsprozesse wachsen bald zum Problem heran, entwickeln eine Eigendynamik, die zum eigentlichen Problem der Zeit wird. Nicht die Nacht und ihre Lasterhaftigkeit, welche häufig Angriffspunkt für zeitgenössische Beobachter, Sozialwissenschaftler, Nachtschwärmer und Ordnungshüter werden, sind das Problem, sondern eben jene antiquierten Vorstellungen, sowie das Versäumnis auf die Probleme der sozialen Ungleichheiten einzugehen, werden zum Problem. Erst die Modernisierung der Wertevorstellungen, damit verbunden die Problemlösungsansätze seitens der Obrigkeit und die Bereicherung der öffentlichen Diskussion um den Stellenwert der Nacht im Zusammenleben einer großstädtischen Gesellschaft, lassen das Problem der durch die Reize der Vergnügungswelt ausgelösten Kriminalität lösen. Die Nacht musste ihren gefährlichen Nimbus verlieren, es galt sie zu entzaubern und nachdem man die Nacht verstanden hatte, konnte man sich ihren Begleiterscheinungen nähern und die damit verbundenen Problemstellungen lösen.

Joachim Schlör wird seinen in den eingehenden Kapiteln beschrieben Zielsetzungen im Verlaufe seiner Arbeit gerecht, auch wenn sich Erkenntnisse, wie die soziale Frage, die ein Kernphänomen der Nachtdeutung darstellt, häufig in den weiterführenden Kapiteln, die sich auf andere Aspekte der Nacht beziehen, wiederholen. Unglücklich gewählt scheinen stellenweise die Überschriften der Kapitel zu sein, denn wenn man z. B. liest: Verbrecherwelten so erwartet man eher eine detaillierte Darstellung dessen, was man unter der Verbrecherwelt der damaligen Zeit zu verstehen hat, als eine reine Darstellung der moralisch geprägten Lebensweisheiten der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die Schlör erneut dem Leser detailliert darlegt. Da Kritik aber nicht nur negativ gemeint ist, sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass die Vielzahl an zeitgenössischen Quellen - Zitate aus dem Bereich der Belletristik, der Zeitungsreportage, der sozialwissenschaftlichen Forschungsarbeit oder eines Polizeiberichtes, vom Autor pointiert eingesetzt werden, um seine Ausführungen zu untermauern. Dem Leser werden hierdurch zum einen Belege für die Thesen des Autors geliefert, zum anderen eröffnet sich aber auch eine Welt der menschlichen Irrungen und Wirrungen ungeahnten Ausmaßes. Diese Exzerpte aus umfassenden Abhandlungen über den Sittenverfall, die Sittenlosigkeit oder einfach Beschreibungen des Nachtlebens in einer Stadt wie Berlin gereichen nicht nur zum besseren Verständnis, sondern sie lockern das Thema zusätzlich auf und regen das historisch orientierte Interesse zusätzlich an.

Da es Joachim Schlör gelungen ist, die Geschichte der Nacht, die Geschichte des sozialen Wandels, die Entwicklungsgeschichte der moralischen Wertvorstellung der Menschen einer bestimmten Zeit und die Entwicklung vom Nachtwächter, der für Ordnung zu sorgen hatte, hin zum Polizisten, der die Sicherheit der Bürger garantieren sollte, zu einem sich gegenseitig bedingenden Phänomenkonglomerat zusammenzuführen, kann dieses Buch einen Einstieg in die Thematik der Nachtforschung, der Entwicklung der Polizeiarbeit, der »qualitativen« Entwicklung der Kriminalität und der Thematik der »inneren« Urbanisierung bieten. »Nachts in der großen Stadt« richtet sich nicht nur an den wissenschaftlich orientierten Leser, denn es ist auch für den durchschnittlich geschichtlich interessierten Leser zugänglich. Joachim Schlör lässt sicherlich Fragen unbeantwortet, aber er erhebt auch nicht den Anspruch der Vollständigkeit, dennoch hat er es in diesem Buch geschafft bisher getrennte Aspekte, wie z. B. die soziale Frage, die Metaphorik usw. in eine Beziehung zu setzen, deren Gemeinsamkeit die jeweilige individuelle Auswirkung auf die Wahrnehmung der »inneren Urbanisierung« ist und somit hat er einen entscheidenden Beitrag zur Bereicherung der Erklärungsansätze für die historische Entwicklung dieses Teilphänomens der Urbanisierung geliefert. Teilweise spannend wie ein Krimi und dennoch wissenschaftlich präzise, wie eine Dissertationsschrift sein sollte, bietet dieses Buch jedem Leser das, was man sich erhoffen kann: objektive Informationen, wissenschaftlich hergeleitete Thesen oder Erkenntnisse sowie Unterhaltung für den interessierten Leser.

Fußnotenverzeichnis:
(1) Joachim Schlör, Nachts in der großen Stadt/ Paris, Berlin, London 1840-1930, München 1991 S. 1

© Florian Kayser

 

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