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Maliziöse Märchen Von Marc-Alastor E.-E. Verlag Lindenstruth, Oktober 2006, limitierte Auflage Düstere Phantastik Fester Einband, 203 Seiten ISBN: 9783934273283 7 Märchen für Erwachsene, fulminant illustriert in 7 s/w Bildern und mit 7 höchst zweifelhaften Moralen versehen Limitierte Vorzugsausgabe, offenes Leinen m. Prägedruck, 4-Farb Schutzumschlag, s/w Illustrationen
Inhalt Erinnerungen, Kopfkino und verbale Melancholie - ein Buch, dessen Texte in das Innerste des Lesers dringen. Marc-Alastor E.-E. schrieb mir einmal: „Jedes Buch hat seine Zeit!“ und ich kann dem nur zustimmen. Sowohl, es zu schreiben, als auch es zu lesen! Braune Blätter und eine Zaunpassage mag auf den ersten Blick wie ein klassisches Märchen anmuten, sieht man einmal von dem Ausgang ab. Liebe - und was daraus werden kann - ist der augenscheinliche Plot dieser Kurzgeschichte. Und dennoch beinhaltet sie all das was damit zusammenhängt. Was Liebe auszuhalten vermag, was sie bewirkt, wie sie das Leben bestimmen kann, welche ungeahnten Facetten sie in uns zum Leben erweckt. Erinnerungsschub lautet der Titel des zweiten Märchens, wie er nicht passender sein könnte, denn es ist eine der sieben Fabeln, die in vielen Lesern wohl eben jenen hervorrufen kann. Es ist auch der surrealistischste Text dieses Buches - und hat vielleicht gerade aus dem Grund die Bezeichnung Erinnerungsschub am trefflichsten verdient. Weil die Gesamtheit am nachdenklichsten stimmt und somit besonders in die Tiefe geht. Es lässt einen nicht los, und man fragt sich: warum spricht mich diese Geschichte so an? Der Autor vermag es, auf präzise Weise Gefühl zu wecken, die gerade wegen ihrer Widersprüchlichkeit nicht unverfälschter sein könnten. Man leidet mit Hinrich, aber man lacht (ich sogar einige Male laut und wie befreit und frage mich, wann das ein Text das letzte Mal vermocht hat, finde darauf keine Antwort, somit muss es lange her sein) auch über ihn - man lacht nicht herabwürdigend oder schadenfroh, sondern liebevoll vertraut und menschlich erheitert (wenn Hinrich nach einer Demütigung mit seinen Hosen kämpft, die dank Nässe nicht der Erdanziehung trotzen). Kindheitserinnerungen werden wach, wenn man die kleinen, liebevollen „Nebenbilder“ wahrnimmt, wie sie sich beispielsweise in der Person des Jakob Fälbling darstellen, dem es obliegt, den Kindern zu später Stunde Sand in die Augen zu streuen, damit sie einschlafen. Und man verspürt beim Lesen Wärme in sich aufsteigen, wenn man erfährt, dass Hinrich bemerkt, dass eben jener Jakob Fälbling, „sicherlich von der Bedeutsamkeit seines Berufsstandes beflügelt, es zuweilen übertrieb. Man konnte mitunter einen Herdbesen gebrauchen, um den Sand aus den Augen zu kehren“. Das Notengespräch ist der weitere Beweis, eine literarische Besonderheit in Händen zu halten. Da ist Cathérine Montvoisin, die Pianistin aus wohlhabendem Hause, von Geburt an mit Ansehen gesegnet: Schon von Kindesbeinen an singt sie mit ihrem zarten Stimmchen, startet ihre ersten musischen Versuche an ihrem Clavichord, die ihre Eltern und deren Gäste immer mehr erfreuen. Doch ebenso eigenwillig, wie Cathérine zur jungen Frau heranreift, so kapriziös ist auch ihre Musik, als ginge das eine nicht ohne das andere. Mehr möchte ich über dieses Märchen, das einen dramatischen Verlauf nimmt, nicht verraten, aber ein Punkt muss, nicht nur wegen des Titels, Erwähnung finden. Dies sind die Szenen, in denen die Noten vor den Augen der Pianistin „lebendig“ werden, wo sie den Dialog zu ihr suchen, sich neu formieren, aufbegehren, aufdiktieren. Für mich eine der Stellen, die mir ein besonders deutliches „Bild“ schenkte. Ich sehe es vor mir: wie das es mit seinem Notenhals das vorlaute d umschlingt, höre es förmlich, wie es Einspruch erhebt, sehe wie sich das d mit wild entbranntem Notenfähnchen losreißt, höre es schnauben und lausche ihnen in der nächsten Szene, wie sie über „Vivaldi“ streiten, freue mich förmlich, als sich nun auch das a, das g und das f einmischen Was mich an diesem Märchen auch erneut beeindruckt, ist die Recherche, die den Autor in allen seinen Werken auszeichnet, und die seine Texte über das persönliche Herzblut hinaus, mit zusätzlichem Leben erfüllt. Der Wiedergänger ist einer der beiden Texte, die mich am persönlichsten ansprachen. Weniger, weil man in der „Person“ des Wiedergängers mehrere Charaktere hineininterpretieren kann und sie die Phantastischen dankenswerterweise mehrdimensional anregt, sondern Einblick in die menschliche Psyche gewährt - und darin, wie wenig sich Menschen und Gemeinschaften verändern, wenn sie kleingeistig und zögerlich sind. Das Märchen lebt weniger durch die Rückblicke in das Leben des Wiedergängers, die angesichts der Rückkehr in seine Wohnung in ihm wach werden und somit neue Bilder vor das geistige Auge des Lesers schicken, sondern mehr von der Stimmung, in der der Text geschrieben zu sein scheint, die – selbst wenn vorheriges reine Interpretation ist - er aber an den Leser weitergibt. Bedeutung erhält in der Wohnung die Tafel, an der er so manches Mal den Ärger statt ein gutes Mahl gegessen hatte - aufgrund der taktlosen und gedankenlosen Reden der Anwesenden (wer kennt das nicht?). Drum zupften seine Finger behutsam an der Vergangenheit und schufen einen kleinen, klaffenden Spalt, durch den er hinunter sehen konnte. Dort lagen die Wiese, der Gehweg und die Vorwelt. Es höhlte ihn aus, danieden den Menschen gehen zu sehen. Ein letztes Mal ... schwarzes Beinkleid, grauer Mantel, rotes Haar, die Geste, sich eine Haarsträhne mit schief gelegtem Haupt aus dem Gesicht zu streifen, ein herzloser, unbewusster Abschiedswink. Auf diese Weise nahm man alles mit und hinterließ nichts, worüber sich zu denken lohne. Dass es so enden würde, hatte er nie für angängig gehalten, und doch war es womöglich Zeit, gehen zu lassen. Womöglich ... Wenn Sie mich fragen könnten und würden: „Welches Märchen ist für Sie das beste?“, wäre ich nicht in der Lage darauf eine klare Antwort zu geben, da für mich jedes eine eigenständige Note besitzt und andersartige Bilder in mir wachrief. Ich könnte allenfalls sagen, welches der Märchen den nachhaltigsten Eindruck in mir hinterlassen hat. Die Melancholistin und ein Kobold namens Freudlos Larissas Wesen war für mich wie ein Blick in den Spiegel, ich ertappte mich dabei, wie ich mit ihr in den Garten stolzierte, um im Schatten der Ulme (da ist sie wieder die Liebe und der Wunsch zur Nähe zur Natur) der stetigen Melancholie zu frönen. Ich blicke ihr über die Schulter, wenn sie Schopenhauer und Nietzsche liest. Und fühle eine Wesensverwandtschaft mit ihr. Wie schon beim Wiedergänger möchte ich Sie für den weiteren Verlauf in die Obhut des Märchens geben, weil sie am tiefsten ergreifen und aufwühlen, wenn man sich ihnen „überlässt“ und zitiere die Melancholistin in ihrer Sicht über das Glück: Glück ist der Moment, in dem du dich in dich selbst einfindest, um aufatmen zu können. Glück ist wie ein Rhythmus, der das Erdenfell und alle Bodenständigen darauf mit ihm vibrieren lässt Glück ist ein Lachen, in das selbst Götter einstimmen würden, weil es so reich, so wahr und so unteilbar rein ist, dass die meisten ihm nur selten teilhaftig werden. Ich kenne das Glück, da ich es oft vorübergehen sah, doch besser noch als das Glück kenne ich die Leere, die danach gekommen ist, das Unverständnis über ihre Verteilung oder den Geiz ihrer Äußerung. Und indem ich dem Glück entsage, bin ich nicht mehr, allein auch nicht weniger als zufrieden. Und diese Zufriedenheit bezieht ihre Kraft aus der Melancholie ... Prediger Natürlich, das wird keinen Leser erstaunen, der bis zu diesem - dem vorletzten - Märchen vorgedrungen ist, steckt in der Geschichte über Tadeusz viel mehr. Kommen wir (leider schon) zum letzten Märchen Somit beende ich meine kleine verbale Reise durch die Maliziösen Märchen und ich hoffe, auch Sie fühlen sich angesprochen, sich oder einem besonderen Menschen, dieses außergewöhnliche Buch zuteil werden zu lassen. Ich habe zu Marc-Alastor E.-E,. nachdem mich seine Märchen wieder „aus ihrer verbalen Wortgewalt ließen“, gesagt, wie sehr ich es bedaure, nicht „mehr“ davon lesen zu können, und er antwortete sinngemäß und auf den Punkt gebracht, dass es dann des Guten zu viel gewesen wäre. Wenn ich es jedoch recht betrachte, ist „weniger“, im Falle der „Maliziösen Märchen“ selbst in der zutreffenden Aussage unpassend, denn selten haben es Texte vermocht, so viele Erinnerungen in mir wachzurufen, so viele Bilder in meinen Kopf zu schicken und mich so viel Lebendigkeit und dennoch Melancholie „atmen“ zu lassen. Und endlich vermochte ich es wieder Literatur zu lesen. Düstere Phantastik auf hohem Niveau und einem Sprachbild, das Hermann Hesse zur Ehre gereicht hätte. Man spürt darüber hinaus wieder Freude am Lesen und Dankbarkeit über die geschenkten Stunden, die einen erfüllen, noch lange nachdem man das Buch zugeklappt, versonnen dagesessen, über den wunderschönen Einband gestrichen und es wieder an einen besonderen Platz gestellt hat. Als ich mich von den „Maliziösen Märchen“ löse - bedächtig, beinahe ehrfürchtig -, fühle ich mich so wie der Wiedergänger - ich bin wieder draußen, hinausgeflogen aus dem Paradies der schönen Bilder. © Alisha Bionda |