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Rezension - Mängelexemplar

Sarah Kuttner
Mängelexemplar

Taschenbuch, Belletristik
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, März 2009
272 Seiten / 14,95 €
ISBN: 9783100422057

Wenn halbwegs berühmte deutsche Popmoderatorinnen meinen, einen Roman zu Papier bringen zu müssen, ist das für sie seit Charlotte Roches »Feuchtgebiete« so etwas wie eine sichere Kapitalanlage. Kaum ein Verlag wird nach dem Erfolg eines solchen Buches lange überlegen, ob man das Schriftstück, egal welchen Inhalts, auf den Markt werfen soll.
So ist es vermutlich zu erklären, warum wir neuerdings Sarah Kuttners semi-humoristische Abhandlung über psychische Depressionskrank-heiten in Form ihres Debüts »Mängelexemplar« lesen dürfen.

Karo Hermann, urbane Endzwanzigerin, findet nach Jobverlust (Medienbranche bzw. Eventmanagement) und »Fester Freund« -Ver-lust heraus, dass ihre beständige Traurig- und Unsicherheit möglicherweise eine psychische Ursache hat. Eine Therapie soll Abhilfe schaffen. Unter medikamentöser Behandlung, einer Zeit zurück zuhause bei Mama, und ein bis zwei Beziehungen später, meint sie sich auf dem richtigen Weg zurück ins normale Leben zu wissen. Aber warum ist dann immer noch nicht wieder alles gut?

Wer meint, nach einer solchen Zusammenfassung des Inhalts kommt sicher noch ein spannendes Finale oder ein Happy End, der sieht sich im ersten Fall getäuscht und im zweiten Falle mit einer Andeutung abgespeist. Tatsächlich gelingt es Sarah Kuttner auf etwa 260 Seiten, sich inhaltlich im Kreis zu drehen und dem Anspruch ihres Buches gegenüber bemerkenswert unkonsequent zu bleiben. Wie löblich es auch sein mag, die Erscheinungen und Ursachen von Depressionen und Panikattacken in einen Roman mit einer durchaus charmanten Hauptperson einzusortieren, so unkompakt ist leider die Umsetzung. Wenn sich die Autorin in Form ihres Hauptcharakters darüber lustig macht, dass »Frauenbücher« ja eigentlich platt und doof sind, so sehr folgt sie selbst mit den Themen Identitätsfindung, Mutter-Tochter-Beziehung, bester Freund vs. Fester Freund, Liebe im Allgemeinen, und ins eigene Leben finden genau eben jenen Alltagsphänomenen, die ja so gerade inhaltlich abgelehnt werden. Ist das gewollte Ironie? Ich fürchte nicht. Im Laufe des Romans verliert sich zunehmend auch der humoristische Tonfall der Gedanken und Gefühle von Karo, die Kuttner zuerst noch in überaus pointierte Vergleiche zu fassen weiß. Später scheint es, als würde sie sich mehr und mehr der Ernsthaftigkeit ihres eigenen Plots bewusst und verliert diese stilistisch interessante Spielart mehr oder weniger aus den Augen. Schade, denn gerade diese sprachlichen Spielereien sind wir von Sarah Kuttner gewohnt und schätzen sie deswegen. Dass Kuttners Figuren - zumindest auf Karos Ebene - beinahe samt und sonders aus der Medienbranche stammen, ist ebenso ein Pop-Literatur-Klischee, wie der jobmäßigen Herkunft der Autorin geschuldet.

Der gute Ansatz, leicht lustig-aufklärerisch an das Thema psychische Krankheiten heranzuführen, scheitert hier gänzlich an der Umsetzung. Zwar sind die Anzeichen und Symptome der angesprochenen Krankheiten anschaulich und treffend geschildert, dennoch tut sich inhaltlich zu wenig und das bewegt sich auch noch in so ausgetretenen Pfaden, dass einem als Leser schnell langweilig wird. »Mängelexemplar« wird somit zum sprachlich mehr als durchschnittlichen Frauen-»Balkon-und-Badewanne«-Roman, der zu wenig eigen-ständig, stilistisch raffiniert oder provokant ist, um den geneigten Leser hintern Ofen hervorzulocken. Schade, denn wenn Kuttner Kolumnen schreibt, dann ist das weitaus unterhaltsamer.

Bewertung:



© Sascha Vennemann

 

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