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Rezension - Haarweg zur Hölle

Hermann Bräuer
Haarweg zur Hölle
Ein hart gerockter Heimatroman

Roman, Taschenbuch
Ullstein Taschenbuch Verlag, Dezember 2009
256 Seiten / 7,95 €
ISBN: 9783548372617

Mitte der 1980er Jahre hat auch in der bayrischen Landeshauptstadt München der Glamrock der 1970er seine Spuren hinterlassen. Gepaart mit dem Hardrock von »Kiss« und »AC/DC«, und dem aufsteigenden Stern von (Heavy)-Metal-Bands wie »Guns’n Roses« und »Iron Maiden« bildet sich eine seltsame Melange heraus, die sich »Hair-Metal« nennt. Harte Jungs in Lederklamotten mit ultra-gepflegten Haarmatten headbangen sich auf die weltweiten und lokalen Bühnen. Kollege Ich-Erzähler lässt uns seinen musikalischen Werdegang von Anfang an miterleben. Von den ersten Kontakten mit Rockmusik – vom klassischen Einstieg über »Kiss«, beeindruckt von geschminkten Superhelden-Comic-Fratzen. Und dann, die erste Gitarre. Eher konservative Eltern wollen das ihrer Meinung nach geschmacksverirrte Kind mit Sport zurück auf den Pfad der Tugend zwängen – erfolglos. Die erste E-Gitarre muss her, und sobald man auch nur ansatzweise die Töne finden kann, schließt man sich mit gleichgesinnten Instrumenten-Legasthenikern zusammen, um dem Musikgenre, das man für das einzig Wahre hält, eine weitere Facette aufzudrücken. Alsbald hat man in der Schule einen Proberaum organisiert, einen mehr oder minder kreativen Namen gefunden (»Llord Nakcor« – Rock and Roll rückwärts!) und muss sich um die ersten eigenen Stücke, Texte und Auftritte kümmern. Dabei stehen den vier jungen Männern, die sich als »Hair-Metal«-Beauftragte ihres Vorortes auf die göttliche Mission begeben, die Massen zu rocken, wie so oft Frauen, viel zu große Egos und zwielichtige Wegbegleiter in Form von obskuren »Managern« im Weg. Über ranzige Kaschemmen spielt man sich an die Front der lokalen Musik-Elite und versucht, an größere Deals heranzukommen. Unzählige Auftritte, Bandmitglieder-Wechsel und peinliche betrunkene Aktionen, bei denen es um Frauen (also Sex) geht, später, trägt das Bemühen Früchte. Nach verschicktem Demo kommt Album, nach Album kommt Tour. Und dann? Ruhm, Ehre, Drogen? Ja, in Maßen. Und zwar genau bis dann, wenn der Trend, dem man entspricht, sich selbst totgelaufen hat. Meistens genau dann, wenn man soweit ist, sich an die Spitze zu setzen. Aber auch das ist ein Gesetz der modernen Musik. Wenn andere Stile angesagt sind, dann gründet man neue Bands, und alles geht von vorne los.

Hermann Bräuers zum Teil rasend komisches Portrait einer Metal-Band von der Geburt bis zum Tode hat im Grunde alles, was man über den Lebenszyklus solcher Töne fabrizierenden Gebilde wissen muss. Beinahe macht es den Eindruck, der Autor habe seine Kapitel anhand einer Liste abgearbeitet und alle Stationen, die für eine Band wichtig sind, mit in seinen Roman eingebaut. Und dieser Werdegang dürfte beinahe universelle Gültigkeit besitzen, alle Rockbands ab den späten 1960ern bis heute mit eingeschlossen. Da kommt zuerst die eigene Liebe zur Musik, dann das Erlernen eines Instruments, Clubbesuche, Bandgründung, Stücke schreiben, später Demo aufnehmen, Gigs spielen, Manager suchen, Konzerte spielen, Plattendeal, Album, Rockolymp. Dazu immer Sex, Drugs and Rock and Roll, wobei die beiden ersteren in dem Roman zwar stilgerecht vorkommen, sich aber doch sehr in Maßen halten. Bajuwarisch bescheiden eben?
Bräuer selbst kennt die Szene als Musiker in diversen Bands in den 1980ern und aus jahrelanger Berufserfahrung als Konzertveranstalter. Das Szenario ist daher direkt seinen Erfahrungen entsprungen und tatsächlich sehr eng mit München verknüpft, weshalb auch der Untertitel des »Heimatromans« soweit passt. Das äußert sich allerdings nicht auf so abgehobene und verschrobene Art und Weise, dass ich als Norddeutscher nicht mitgekommen wäre.
Zusätzlich hat dieser Roman für Musiker wahrscheinlich noch eine andere Dimension, nämlich die, selbst gewonnene Erfahrungen humoristisch gefiltert noch einmal serviert zu bekommen. Das macht selbst dann Laune, wenn man – wie der Schreiber dieser Zeilen – eigentlich erst dann aktiv als Musiker wurde, wo dieses Buch endet – nämlich am Anfang der von Bands wie »Nirvana« und »Pearl Jam« eingeläuteten Grunge-Ära zu Beginn der 1990er Jahre. Hier sind auch die Selbsterkenntnis und die eigene Erinnerung Teil des Spaßes beim Lesen. Das schmälert die Leistung des Autoren Bräuer, der auch als Gag- und Drehbuch-Autor für u.a. die Comedians Christian Tramitz und Paul Panzer arbeitet, aber keinesfalls, sondern mehrt sie nur noch.
Vieles aus diesem Roman hat man so oder so ähnlich zwar schon des Öfteren in anderen Musiker- oder Pop-Literatur-Romanen gelesen. In vielerlei Hinsicht ähnelt der Aufbau und Inhalt des Romans – nur mit anderem musikalischen und lokalen Schwerpunkt – dem Buch »Fleisch ist mein Gemüse« von Heinz Strunk, der darin das Leben und Wirken einer norddeutschen Hochzeits-, Schützenfest- und Top 40-Truppe ähnlich komisch aufbereitet hat.
Alles in allem ist »Haarweg zur Hölle« aber schon wegen der Verballhornung des AC/DC-Titels »Highway to hell« einen Blick wert, und insbesondere für Rockmusiker, die in den 1980ern und 1990ern aktiv waren, dürfte der Roman noch einmal ein Stück sehnsüchtige Jugendsünden-Verarbeitung darstellen.

Bewertung:



© Sascha Vennemann

 

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