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Rezension - Die Schattenuhr

Nina Horvath (Hrsg.)
Die bizarre Welt des Edgar Allan Poe
Die Schattenuhr
Grafiker: Mark Freier

Phantastische Erzählungen, Hardcover mit Schutzumschlag
Blitz-Verlag, Windeck, September 2011
232 Seiten / 15,95 €
ISBN: 9783898403245

www.blitz-verlag.de
www.ninahorvath.at
www.freierstein.de

Was den gesunden Menschenverstand angeht, so wird das Wort wohl so gebraucht, als hätten alle Menschen den gleichen. Ich aber denke, jeder kann seinen eigenen haben, und wie man sehen wird, hat der Verstand durchaus seine Grenzen. (Olaf Kemmler: Zu Gast bei Meister Pforr)

Andreas Gruber: Rue de la Tonnellerie
Auf der Flucht vor seinen Gläubigern erreichen Richard Wagner und Minna Planer – einer Einladung Heinrich Heine folgend - 1839 Paris. Inspiriert von Heines Geisterschiff möchte Wagner hier sein Opus vom Fliegenden Holländer komponieren, doch in quält eine Schreibblockade. Frustriert überwirft er sich mit Minna und spricht immer mehr dem Alkohol zu, bis ihn Heine zu einer Zeremonie in die Hinterzimmer des Cafes Juliette einlädt. Eine Zeremonie, der auch der schweigsame Amerikaner bereits beigewohnt hat, der im Cafe Juliette unermüdlich an seinen Manuskripten arbeitet.

Matthias Falke: Die steinerne Bibliothek
Gerade als der Erzähler die legathenische Smera kennen und lieben lernt, muss er mit einer Expedition in die Mongolei aufbrechen. Unterhalb eines Felsenklosters entdecken die Forscher begraben in Sand eine gigantische Ansammlung riesiger Steine, auf denen nicht nur das komplette Wissen der Menschheit festgehalten ist, sondern auch eine Prophezeiung.

Markus K. Korb: Jenseits des Hauses Usher
Nicht viele wissen, dass auch Edgar Allan Poes Bruder Roderick ein – wenn auch ungleich mehr selbstverliebter – Autor und Hobbykartograph war. Als der Erzähler in einem von Roderick Poes Büchern einen Hinweis auf ein tatsächlich existierendes Haus Usher entdeckt, ist seine Neugierde geweckt. Heute befindet sich an der bezeichneten Stelle ein See, doch tatsächlich entdeckt der Forschende bei einem Tauchgang die Überreste eines Hauses, das immer mehr Ähnlichkeiten mit dem Haus Usher aus Edgar Allan Poes Erzählung offenbart.

Olaf Kemmler: Zu Gast bei Meister Pforr

Nachdem Carl Friedrich Cotta bei seiner Zeitung in Ungnade gefallen ist, muss der Reporter über Geistererscheinungen und Ähnliches berichten, dass er bisher stets als Trick entlarven konnte. Auf dem Weg nach Heidelberg, wo ein Apotheker im Ruf steht, Gold machen zu können, hört er in der Kutsche die Geschichte eines Hexenmeisters, der in einem kleinen Dorf im Odenwald residieren soll. Der Hexenmeister – so sagt man – baue menschliche Herzen in Maschinen ein, um diese zu beleben. Während einer Rast beschließt Cotta, sich sogleich auf die Suche nach diesem Hexenmeister zu machen.

Michael Knoke: Die Schattenuhr
Nach langen Jahren ohne Kontakt erhält Robert Thompson unvermittelt eine Einladung seines Bruders George und dessen Frau Claudine, die beiden auf ihrem Anwesen zu besuchen. Das seltsame Haus übt eine bedrückende Stimmung auf Robert aus, das Innere liegt in scheinbar immerwährendem Halbdunkel, Ecken und Winkel scheinen durch Bodenabsenkungen verschoben. Auch George und Claudine wirken zeitweise seltsam abwesend, obwohl die Atmosphäre des Hauses ihre musischen Talente fördert. Während seiner Streifzüge auf dem Anwesen findet Robert bizarre Hinweise auf die Geschichte und die früheren Bewohner des Hauses.

Im Bett lauschte ich dem kalten Wind, wie er seine Melodie der Hoffnungslosigkeit und Verlorenheit um die spitzen Giebel des Hauses ertönen ließ. Dann fiel ich in einen unruhigen Schlaf, angefüllt mit unverarbeiteten Eindrücken und verborgenen Ängsten, die mir verworrene Albträume bescherten, während der Wind lauter und immer lauter heulte. (Michael Knoke: Die Schattenuhr)

Mit Die Schattenuhr legt Herausgeberin Nina Horvath den ersten Band der geplanten Reihe Die bizarre Welt des Edgar Allan Poe vor. Fünf Geschichten sollen den Leser in eben jenes absonderliche Reich entführen, das eher in einem Zustand des Geistes gesehen werden darf, denn in einem geographisch festgelegten Ort.
Und tatsächlich gelingt es den fünf Autoren, fiebrige Fantasien zu erschaffen, die in Motiven und Stimmungen den Geschichten Poes ähneln. Bisweilen tritt der dieser sogar - in Andreas Grubers Geschichte, die Fakt und Fiktion um Richard Wagners Zeit in Paris vermischt - in persona auf.
Am ehesten an eine Geschichte Poes angelehnt, ist Markus K. Korbs Jenseits des Hauses Usher (trotz der Namensgleichheit nicht in Markus K. Korbs Anthologie enthalten), in der ein Bewunderer von Poes Werk entdeckt, dass mehr Wahrheit in Der Untergang des Hauses Usher steckt, als angenommen. Obwohl das Ende überhastet wirkt, überzeugt die Story mit der Atmosphäre des versunkenen Hauses Usher. Auch die ersten Seiten von Michaels Knokes Die Schattenuhr wiederholen anfänglich die Ankunft von Poes namenlosen Protagonisten auf Haus Usher, bevor die Geschichte eine andere, eigene Richtung einschlägt. Im weiteren Verlauf lässt die Geschichte zwar weitere Assoziationen zu Poe-Geschichten zu (z.B. Die Maske des Roten Todes), steht aber grundlegend auf eigenen Beinen.

Doch nicht nur Edgar Allan Poes Werk stand Pate für die Geschichten in Die Schattenuhr. Es finden sich ebenso Motive von H. P. Lovecraft (Die steinerne Bibliothek, Die Schattenuhr) und E. T. A. Hoffmann (Zu Gast bei Meister Pforr). Eine Abwechslung, die der Sammlung eher gut tut als schadet. Atmosphäre und Stimmung triumphieren hier weitestgehend über die Logik.
Abgerundet wird der Inhalt von den Biografien der Autoren und der Herausgeberin.

Blitz-Hausgrafiker Mark Freier hat für den Hardcoverband ein Motiv des polnischen Künstlers Zdzisław Beksiński - auf dem sich zwei abgemagerte Gestalten (Leichname?) in inniger Umarmung befinden - in ein stimmiges Titellayout gebettet. Eingefasst ist Motiv und Titelschrift von einem fein ziselierten Rahmen, der dem Cover das Aussehen eines fleckigen, altertümlichen Folianten verleiht.

Teil 2 ist bereits in Planung.

Fazit:
Ein edel gestalteter Band mit Geschichten, die ganz im Geiste Poes stehen, ohne sich an bekannte Plots anzubiedern.

Copyright © 2011 by Elmar Huber

 

© by 2011
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