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Rezension - Der weite Weg des Nataiyu

Kathe Recheis
Der weite Weg des Nataiyu

Kinder- und Jugendbuch, Hardcover
Herder Verlag, Freiburg, Januar 2008
208 Seiten / 14,90 €
ISBN: 978-3451708381

Über die Autorin:
Kathe Recheis wurde 1928 in Österreich geboren und ist eine bis heute sehr erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin.
1945: Noch während sie das Gymnasium in Linz besuchte half sie ihrem Vater bei der Betreuung von befreiten Juden; im selben Jahr stirbt ihr Vater am Fleckfieber. Nach ihrem Schulabschluss arbeitete sie einige Zeit als Redaktionsassistentin und leitete später von 1956 bis 1960 das österreichische Büro der »International Catholic Migration Commission«. 1954 erfolgte ihre erste Veröffentlichung, eine Kurzgeschichte, wofür sie den Jugendliteraturpreis einer Zeitschrift bekam. Seit 1961 ist sie freiberufliche Schriftstellerin, im selben Jahr erschien ihr erstes Kinderbuch. In den folgenden Jahrzehnten reiste sie mehrmals in die USA und engagiert sich bis heute stark für die Belange der Ureinwohner. Insgesamt hat sie über 60 eigene Bücher verfasst, dazu diverse Beiträge in deutschen und österreichischen Lesebüchern. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen für ihre Werke, unter anderem den Katholischen Kinderbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz und den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur.

Über die Hintergründe der Geschichte, die Indianerpolitik:
Die Indianerpolitik in den USA des 19. Jahrhunderts ist eines der schwärzesten Kapitel in der amerikanischen Geschichte.
Die noch junge Nation brauchte zum einen Raum zum Expandieren, zum anderen fühlten sich die meisten Weißen den Indianern kulturell betrachtet weit überlegen.
Schloss man anfangs noch Verträge mit den einzelnen Stämmen, so ging man bald darauf über, die so genannten »Wilden« aus ihren Gebieten unter teils unmenschlichen Bedingungen zu vertreiben und in Reservate zu stecken, wo sie zu anständigen, produktiven und religiösen Weißen umerzogen werden sollten. Aufstände schlug man blutig nieder und machte dabei keinen Unterschied zwischen Mann, Frau oder Kind.
Doch auch das Leben innerhalb der Reservate kam fast einer Ausrottung gleich. Die Gebiete waren unfruchtbar und die gelieferten Lebensmittel waren oft ungenießbar oder unzureichend, sofern sie überhaupt ankamen und nicht von Regierungsbeamten vorher auf dem Schwarzmarkt verkauft worden waren. Und die unter den zusammengesperrten Stämmen herrschenden Feindlichkeiten forderten ebenfalls ihren Blutzoll.
Da man die erwachsenen Indianer irgendwann für unbelehrbar hielt, beschloss man, ihnen die Kinder wegzunehmen. Man gab sie in die Obhut fremder Familien, verbot ihnen in ihrer Muttersprache zu reden, ihre Gebräuche beizubehalten und hoffte so, zumindest aus ihnen anständige Bürger der Vereinigten Staaten machen zu können.
Erst 1924 erhielten die Indianer allgemeine Bürgerrechte, die genaue Zahl der von den Weißen getöteten Indianer ist bis heute unbekannt.

Kurzinhalt:
Es ist das Jahr 1884. Nataiyu, ein Pikuni-Junge, wird durch die Soldaten der Reservation von seiner Familie getrennt, obwohl er der einzige Versorger seiner Familie ist. Mit dem Versprechen, ihn im Herbst wieder zurückzuschicken, treiben ihn die Soldaten zu den Wagen, die ihn zusammen mit 19 anderen Jungen in den Westen in eine Schule bringen. Die Jungen kennen weder Züge noch Stühle oder Uhren.
In der Schule angekommen, nimmt man ihnen ihre Kleidung weg und gibt ihnen die der Weißen, kratzige, unbequeme Hosen und Hemden und Stiefel, in denen sie weder schleichen noch rennen können. Man zwingt sie ihren indianischen Namen abzulegen und ersetzt ihn durch einen, der keine Bedeutung hat. Nataiyu versucht sich allem zu widersetzen, aber bald erkennt er, dass ein Jäger seine Beute kennen muss, um sie zu erlegen. Und so beginnt er eifrig, das Lesen und Schreiben zu lernen. Doch als der Herbst kommt, und die Weißen ihn nicht wie versprochen in die Reservation zurückschicken, versucht er zu fliehen.

Im Reservat werden die Zustände immer schlimmer und auch Harriet, die älteste Tochter des Indianeragenten Major Young ist daran nicht unbeteiligt. Wie viele hält sie die Indianer für Wilde. Toby Crackit, ein alter Trapper, versucht alles in seiner Macht stehende zu tun, um Nataiyus Familie zu helfen. Doch als ihm und auch Youngs zweiter Tochter Lizzy bewusst wird, dass Nataiyu und die anderen nicht zurückkehren und dadurch viele Familien verhungern werden beschließen sie heimlich zur Schule zu fahren und den Jungen zurückzuholen. Natürlich ist die Schulleiterin nicht bereit, den Jungen herauszugeben. Doch in der folgenden Nacht gelingt Nataiyu die Flucht und gemeinsam treten die drei die Rückreise an. Als sie irgendwann auf eine Hütte stoßen, werden sie überfallen und Toby wird erschossen. Nun sind die beiden auf sich allein gestellt.

Kritik:
Sehr eindringlich schildert die Autorin die vielen, teilweise beängstigenden und verwirrenden Eindrücke des Jungen in der ihm fremden Welt der Weißen. Es ist Nataiyu unbegreiflich, weshalb ein tickendes Ding bestimmen soll, wann er zu essen, zu spielen und zu schlafen habe.
In einfachen Worten zeichnet Recheis ein Bild längst vergangener Gräuel gegenüber den Indianern, ohne lediglich bei Schwarz und Weiß zu bleiben. Für Jugendliche ein eindringliches Buch über ein Kapitel der Geschichte, das sonst so sicher nicht an sie herangetragen würde.
Lediglich einige Stellen des Buches veranlassen mich zur Kritik. So erfährt man nicht, was Nataiyu nach dem Tod von Crackit fühlt und ob er Lizzy dankbar für ihren Befreiungsversuch ist, ist ebenfalls unklar. Schade auch, dass aus der Sicht von Major Young wenig zu lesen ist.

Copyright © 2010 by Melanie Brosowski

 

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