Jules Verne
Das Geheimnis des Wilhelm Storitz
Originaltitel: Le Secret de Wilhelm Storitz
Aus dem Französischen von Gaby Wurster
Mystik, Taschenbuch
Piper Verlag, München, Mai 2009
271 Seiten / 9,20 €
ISBN: 9783492266925
Jules Vernes letzter Roman »Das Geheimnis des Wilhelm Storitz« sollte erst nach seinem Tod in einer überarbeiteten Version veröffentlicht werden. Vernes Verleger wollte das Manuskript in seiner Originalform nicht veröffentlichen, da er einen politischen Skandal fürchtete. Später bat er Jules Vernes Sohn Michel, den Roman umzuschreiben bzw. zu entschärfen. Mitte der 80er Jahre wurde jedoch das ursprüngliche Manuskript in Frankreich veröffentlicht. Seit kurzer Zeit können auch deutsche Leser sich ein Bild dieses zwiespältigen Romans machen.
Jules Verne hegte schon immer eine gewisse Antipathie gegenüber den Deutschen. Dieser ließ er in gewissem Sinne in seinem letzten Roman freien Lauf. Ein Satz wie »Wo ein Deutscher ist, ist auch ein Hund« (S. 85) kann hierfür als Beispiel stehen. Dem gegenüber stehen zugleich unverkennbar Vernes fast schon als nationalistisch zu bezeichnenden Heimatgefühle.
Was bleibt also von dem Roman übrig, wenn man Vernes literarisch ausgelebte Feindseligkeit gegenüber Deutschland beiseiteschiebt? »Wilhelm Storitz« ist eher als eine Art Schauerroman zu lesen, als typische Verne-SF. Die Geschichte erzählt von Henry Vidal, der nach Ungarn fährt, um dort der Trauung seines Bruders Marc beizuwohnen. Doch kaum ist er dort angekommen, als er davon erfährt, dass die Hochzeit in Gefahr sein könnte. Ein gewisser Wilhelm Storitz (dessen Äußeres Verne immer wieder als »hoffmannesk« bezeichnet), der angeblich die Fähigkeit besitzt, sich unsichtbar machen zu können, hegt feindselige Gefühle gegenüber Marc und dessen zukünftige Frau Myra. Denn seine Werbung um Myra wurde von ihrem Vater abgelehnt. Zunächst scheint doch noch alles gut zu gehen. Je näher aber die Hochzeit rückt, desto häufiger kommt es zu seltsamen Zwischenfällen. Eine Kutsche rast wie von Geisterhand geführt über den Marktplatz, eine Kirchenglocke hört nicht mehr auf zu läuten, immer wieder ist eine warnende Stimme zu hören usw. Storitz’ Verhalten wird von Mal zu Mal dreister und erreicht ihren Höhepunkt in der Entführung von Myra. Während ihr Bruder sich nichts mehr anderes wünscht, als »den Preußen« umzubringen, versucht Henry Vidal einen kühlen Kopf zu bewahren. Storitz’ Haus wird niedergebrannt, doch er selbst kann fliehen. Völlig verzweifelt beginnt die Suche nach dem unsichtbaren Wilhelm Storitz, um Myra wieder zu finden.
Jules Verne schildert nicht genau, auf welche Weise es Wilhelm Storitz gelingt, sich unsichtbar zu machen. Anscheinend aber ist hier eine Tinktur im Spiel, die sein Vater Otto Storitz entdeckt hat. Verne gelingt es, trotz eines eher zähen Anfangs, eine Spannung aufzubauen, die von panischer Angst erfüllt ist. Diese Panik ergibt sich daraus, da die Protagonisten einem Feind gegenüberstehen, der nicht zu erkennen ist und daher jederzeit zuschlagen kann. Verne lässt die Gefühle überkochen und lässt den Leser an der allgemeinen Hektik intensiv teilhaben. Auf diese Weise hat man den Roman schnell durchgelesen. Von seiner Art her kann »Das Geheimnis des Wilhelm Storitz« Vernes früherem Roman »Das Karpatenschloß« gegenübergestellt werden. Auch dort stehen die phantastischen Elemente eher im Vordergrund und liefern in gewissem Sinne Prototypen des späteren Steampunk. Ähnliches gilt für »Wilhelm Storitz«. Während im »Karpatenschloß« allerdings Technik im Hintergrund der Geschehnisse steht, ist es in diesem Roman eine ungenau beschriebene chemische Erfindung.
Fazit:
Interessanter Lesestoff für Verne-Fans im Speziellen und Phantastik-Freunde im Allgemeinen.
© Max Pechmann |