Sie sind hier: Startseite - Background - Rezensionen - Paperbacks anderer Autoren / Romanhelden Mystery - Wolfsgier


Rezension - Wolfsgier

Zwei Rezensionen verfügbar, bitte auswählen oder abwärts scrollen ...

Sascha Vennemann | Erik Schreiber

Brigitte Melzer
Wolfsgier
Titelbild von Nele Schütz
Design unter Verwendung eines Motivs von Larry Rostant

Mystery, Paperback
Ueberreuter Verlag, Wien, Januar 2009
366 Seiten / 14,95 €
ISBN: 9783800054473

Die junge Emma Gordon wird im London des Jahres 1886 von ihrer Tante Mabel in einer Nervenheilanstalt eingeliefert. Nach einer Begegnung mit einem aggressiven Hund plagen das Mädchen Träume und Visionen einer reißenden Bestie, die sie verfolgt und in der Gestalt eines riesigen Wolfes auftritt. Alle halten Emma für verrückt, doch diese vermutet die Ursache ihres Zustandes in der Vergangenheit. Sie kann aus der Anstalt fliehen und begibt sich zurück in ihr Heimatdorf Cranmoor, das in der Grafschaft Dartmoor in Südengland liegt.
Hier erhofft sie sich die Antworten, die sie so dringend sucht. Dabei stößt sie auf ein dunkles Geheimnis, dass das Dorf schon seit mehr als 25 Jahren in Atem hält, und in das auch ihr verhärmt wirkender Vater, ihre alte Freundin, die Wirtstochter, Abigail Jenkins sowie vor allem Gabriel Thorne, Emmas Jugendliebe, für die sie immer noch etwas empfindet, und sein Vater Willard, der Earl, verstrickt sind.
Von Emmas Flucht alarmiert beauftragt Tante Mabel den Privatermittler Preston Styles, ihr zu folgen. Als er nach Cranmoor kommt, gibt er sich als Emmas Verlobter, Mr Bell, aus. Doch bei seinen Ermittlungen beißt der junge Mann, dem Emma tatsächlich sehr gut gefällt, auf Granit. Irgendetwas geht in dem Dorf vor sich. Vielleicht ist Emmas Wolfsdämon ja doch keine Erfindung ...?

Auf Brigitte Melzers »Wolfsgier« wurde ich bei einer Lesung der Autorin auf der Leipziger Buchmesse (in deren Anschluss ich ein kurzes Interview mit ihr führen konnte, das man ebenfalls hier beim Geisterspiegel lesen kann) und am Ueberreuter-Stand aufmerksam. Die Thematik und die vorgetragenen Abschnitte des Romans machten mich neugierig. Hier schien man dem aktuellen Trend folgend mystische Wesen mit einem Hauch Romantik gepaart, in einen leicht historischen Kontext eingebettet als Ideengrundlage benutzt zu haben. Sicher kein schlechter Ansatz.
Der Roman beginnt stark, mit einem überaus spannenden Prolog, der die Flucht einer jungen Frau aus Cranmoor, die »auserwählt« wurde, schildert. Wir erhalten eine Idee davon, was in dem Dorf wohl regelmäßig passiert. Dann lernen wir Emma kennen, die in der Nervenheilanstalt mit ihrem Schicksal hadert. Ihre Visionen und Träume sind von eindringlicher Bedrohlichkeit, ihr betäubter Verstand und die ganze Situation sind durchzogen von Verzweiflung und dem Wunsch, ernst genommen und geheilt zu werden. Doch dieser Wunsch erfüllt sich nicht – so bleibt nur die Flucht.
Die Autorin schafft es, bis zum ersten Auftauchen der Bestie, die es wirklich gibt, eine eindringliche Spannung aufzubauen. Die Geschichte erinnert von der Stimmung her überaus an Genre-Filmperlen wie »Sleepy Hollow« oder »The Village«, man weiß, irgendetwas passiert hier, und die Dorfbewohner sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die ein grausames Geheimnis verbindet.
In der Mitte des Romans driftet die Geschichte allerdings sehr ins Romantische ab, unerfüllte Liebe, unterdrücktes Verlangen und Tragik verzögern die eigentliche Handlung, die erst im letzten Drittel wieder so richtig Fahrt aufnimmt, und dann in einem teils eher unerwarteten Finale mündet. Hier schafft es Brigitte Melzer noch einmal mit einem – allerdings der Homogenität des Romans etwas abträglichen – Wendung, eine weitere Facette mystischer Handlung einzubringen, die das phantastische Element der Story wieder in den Vordergrund rückt. Erfreulich auch der unerwartete Ausgang im Epilog.

»Wolfsgier« ist ein Roman, der eindeutig hauptsächlich junge Leserinnen anspricht, die auch mit den »Twilight«-Romanen einer Stephenie Meyer etwas anfangen können. Brigitte Melzer lässt dabei erfreulicherweise die Prüderie dieser Geschichten hinter sich, ist ihr Wolfsdämon hier doch nicht nur eine Werwolfvariante, die grausam tötet, sondern auch ein Sinnbild für die im Titel angesprochene »Gier«. Die Gier nach Macht, die sich zum Schluss als zentrale Motivation herausstellt, die Gier nach Liebe, Leidenschaft und Sex (der hier aber nur – doch immerhin! – angedeutet wird) und die Gier nach dem Verstehen-Wollen, was vor sich geht. Dabei ist der Roman nicht immer ganz ausgewogen. Während am Anfang und am Ende vor allem phantastische und mystische Elemente die Geschichte dominieren, konzentriert sich die Autorin in der breiten Mitte des Roman ein wenig zu sehr auf die auf die Zielgruppe zugeschnittene Romantik, die das ansonsten erfreulich hohe Erzähltempo teilweise stark ausbremst. Für reine Phantasieleser dürfte das etwas wenig an eigentlicher Geschichte sein, für die Romantiker, die mit dem »Frauen-Grusel«-Genre kein Problem haben, sicher eine gute Wahl.
Die Kürze des Roman (gerade einmal knapp über 350 Seiten) ist dabei auch seine Stärke. Allerdings ist die Aufmachung des Paperbacks, abgesehen vom ansprechenden Titelbild, eher gewöhnungsbedürftig. Die Seitenstärke grenzt an bedruckte Pappe, für die Schriftgröße braucht man keine Lupe und die Bindung ermöglicht es kaum, das Buch zu lesen, ohne den Buchrücken komplett zu verknicken. Diese Tatsachen sind sicher auch ein Zugeständnis an die eher jüngeren Leserinnen, die angesprochen werden sollen.

Wie soll man den Roman nun abschließend beurteilen? Der Verfasser dieser Zeilen gehört eigentlich nicht zur angesprochenen Leserschaft, die »Wolfsgier« lesen soll. Dennoch hatte auch ich meinen Spaß bei der Lektüre und würde dem Roman, trotz und wegen der angesprochenen Schwächen und der eher voraussehbaren Handlung mit vielen altbekannten Elementen, 6 von 10 Punkten geben. Würde ich diese Art von Romanen grundsätzlich verschlingen, wäre das Buch mit 8 von 10 Punkten sicher eine gute Wahl für mich. Einigen wir uns als auf 7 Punkte. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja auch noch eine Fortsetzung? (Siehe: Interview mit der Autorin)

Bewertung:



© Sascha Vennemann

nach oben

Brigitte Melzer
Wolfsgier
Titelbild von Nele Schütz
Design unter Verwendung eines Motivs von Larry Rostant

Mystery, Paperback
Ueberreuter Verlag, Wien, Januar 2009
366 Seiten / 14,95 €
ISBN: 9783800054473

Brigitte Melzer nimmt uns mit nach England in die Grafschaft Dartmoor und das kleine Dorf Cranmoor. Wahrscheinlich, weil sie der Ansicht ist, dass mit dem Begriff Dartmoor bereits ein wenig Grusel und die gedanklichen Verbindungen zu bekannter Literatur eine Erwartungshaltung aufbaut. Die gelingt jedoch nur bei älteren Lesern und enttäuscht sie damit, während jungen Lesern das vollkommen egal ist und einen spannenden Roman in die Finger bekommen. Aus diesem Grund hätte die Erzählung auch in Deutschland spielen können. Warum also nicht?
Zurück in der Grafschaft Dartmoor, wo sich Unheimliches abspielt. Ein junges Mädchen befindet sich auf der Flucht vor der Bestie und stürzt sich selbst zu Tode, weil es nicht als Opfer der Bestie enden will. Die Bestie selbst wird nie als Werwolf bezeichnet, doch schon der Titel weist darauf hin.
Zur gleichen Zeit hat eine andere junge Frau Alpträume. Sie irrt durch ein nebelverhangenes Moor, immer auf der Flucht vor etwas Unheimlichen. Kurz bevor sie durch den Schrecken hinter ihr, den unheimlichen Jäger, gefasst wird, erwacht sie. Diese Schreckensbilder und Alpträume verfolgen sie mit der Zeit auch tagsüber. Weil sich niemand mit dem Mädchen Emma Gordon, so ihr Name, und ihren Problemen auseinandersetzen will, wird sie kurzerhand in eine Klinik gesteckt und mit Hilfe von Drogen und Medikamenten ruhiggestellt. Der Versuch schlägt fehl und in einem unbewachten Moment gelingt Emma die Flucht aus der Anstalt.
Wieder zu Hause wird sie nicht überschwänglich begrüßt. Irgendetwas ist anders und die Leute aus dem Dorf sind sehr misstrauisch. Kein Wunder, kommt sie doch aus einer Nervenheilanstalt. Wer einmal da drin war, hat nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für ein geruhsames Leben.

»Wolfsgier« ist ein fesselndes Buch für junge Leser um die zwölf. Es ist ein geheimnisvolles Abenteuer, wo der Leser die Handlungsträger gern begleitet, aus der sicheren Entfernung des heimatlichen Sofas. Weil das Buch jedoch ohne einen erfreulichen Abschluss zum Ende kommt, gehe ich davon aus, dass noch ein paar Bücher folgen werden. Wahrscheinlich eine Trilogie. Darunter geht ja heute nichts mehr. Der Roman ist gut geschrieben, man liest ihn als Erwachsener in einem Rutsch durch und fühlt sich ein wenig unterhalten. Brigitte Melzer bevorzugt eine einfache Sprache, keine langen Schachtelsätze und eine geradlinige, zum Teil daher vorhersehbare Handlung. Da »Wolfsgier« ein Jugendbuch ist und ich als alter Mann nicht die Zielgruppe bin, muss ich natürlich den Ansatzpunkt zur Bewertung des Romans anders ansetzen.

© Erik Schreiber

 

© by 2009
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox