Dan Simmons
Sommer der Nacht
Originaltitel: Summer of Night
Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber
Horror, Taschenbuch
Heyne, München, Juli 2006
800 Seiten / 9,95 €
ISBN: 9783453565050
Mit »Sommer der Nacht« erschuf Dan Simmons einen vielschichtigen Roman über den Verlust der Kindheit, verpackt im Gewande eines Horrorthrillers.
Im Sommer 1960 wird in der Kleinstadt Elm Haven das alte Schulgebäude geschlossen. Die Freunde Dale, Mike, Duane, Harlan, Kevin und Dales Bruder Lawrence, allesamt seit Jahren Schüler in dem alten, herrenhausartigen Gebäude mit den weitverzweigten Kellerräumen, freuen sich auf einen tollen Sommer.
Doch bald darauf häufen sich mysteriöse Vorkommnisse im Ort, welche anscheinend nur die Kinder wahrnehmen: Bereits am letzten Schultag verschwindet ein Junge in der Schultoilette durch ein Loch in der Wand, ein merkwürdiger Mann, gewandet wie ein Soldat aus dem Ersten Weltkrieg schleicht des Nachts in der Stadt herum, der Laster der Abdeckerei fährt scheinbar Jagd machend durch die Gegend und eine tote Lehrerin kehrt zurück.
Zunächst versuchen die Jungs unabhängig voneinander die Dinge zu erforschen doch als Harlan einen Unfall hat und Duane beinahe vom Abdeckereilaster und dessen Fahrer, dem Hausmeister der alten Schule, getötet wird, arbeiten sie zusammen.
Schon bald finden sie heraus, dass alle Vorfälle eine Verbindung zur Schule aufweisen und ein grausames Geheimnis von den älteren Bürgern Elm Havens gehütet wird.
Als des Nachts immer mehr tödliche Hinterhalte durch seltsame Kreaturen gestellt werden, spitzt sich die Lage zu und die Freunde nehmen den Kampf mit einer bösen Macht auf ...
Der Verlauf der Geschichte klingt fast ein bisschen nach Stephen Kings »Es« und unübersehbar orientiert sich Dan Simmons mit seinem 1991 erschienenen Roman auch an der älteren Monsterjagd vom Auflagenkönig. Da wären die zunächst nicht greifbare dunkle Macht und natürlich die Freunde zwischen 10 und 14, welche sich zusammentun müssen, um eine Chance zu haben – zudem scheinen die mysteriösen Geschehnisse auch hier nur den Kindern der Stadt aufzufallen. Sogar die Eigenschaften der Jungen sind teilweise direkt aus »Es« entliehen.
Doch mitnichten erschafft Simmons hier ein einfaches Plagiat sondern erzählt eine ganz andere Geschichte, welche ihren Ursprung in der okkulten altägyptischen Magie hat.
Beginnt der Roman noch voller Sonnenschein und Freude auf den Beginn der Sommerferien, wird zum Ende hin nicht nur die Stimmung sondern auch das Wetter düsterer. Ein Unwetter zieht auf, während die Erzählung unbeirrbar auf ihr Ende zusteuert.
Die Versatzstücke der Handlung folgen gekonnt einem roten Faden, zwischendrin bietet sich auch immer wieder genügend Raum für die Charakterisierung der Hauptfiguren. Hierfür nimmt sich Dan Simmons dann auch sehr viel Zeit.
Man bekommt Tagesabläufe detailgenau erklärt, auf die Freizeitbeschäftigungen, welche nichts mit dem Kampf gegen das Böse zu tun haben, wird ebenfalls oft genug eingegangen. Zumindest bis etwa zur Hälfte. Auf diese Art und Weise erschafft der Roman eine wunderschöne Atmosphäre einer trägen Kleinstadt im heißen Sommer des nordamerikanischen Maisgürtels.
Dass es Ernst wird, wird spätestens dann klar, als die ersten Todesopfer auftauchen – hier geht der Handlungsverlauf nicht gerade zimperlich mit den Figuren um. Und die Spannung steigt, denn auch die Jungs sind von nun an gefährdet.
Es werden Haken geschlagen und ein paar falsche Fährten gestreut – doch erstaunlicherweise wird die finale Auflösung nicht als erlösende Rettung präsentiert und der Täter überführt, wie es im klassischen Krimi der Fall ist und auch die Tatsache, dass hier übernatürliche Mächte am Werk sind, wird nicht mit profanen magischen Mitteln für ein simples Happy End genutzt.
Vielmehr werden im Laufe der Recherchen der Jungen immer mehr Details über Herkunft und Absicht des waltenden Bösen dem Leser offenbart, sodass der eigentliche Gegner auch nach dem Ende nicht greifbar und personifiziert ist.
Ein guter Schachzug von Dan Simmons, denn so zerstört er die mühsam aufgebaute Atmosphäre der Bedrohung nicht durch ein simples »Gut-Gegen-Böse-Finale«, auch wenn er sich in einigen Ekeleffekten ergeht und das organische Wesen des Bösen als Kollektiv unheimlicher Kreaturen darstellt.
Vorwerfen kann man ihm lediglich, dass das Ende ein wenig holperig die bis dahin großartige Erzählung beschließt, aber davor ist selbst ein Stephen King ja manchmal nicht gefeit!
Unterm Strich bleibt eine wunderbar altmodisch erzählte, mit jeder Menge Atmosphäre angereicherte und gut erdachten Charakteren versehene Gruselgeschichte über die Unfassbarkeit des Grauens, den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, eine Geschichte über Verluste jeglicher Art, spannend erzählt und von gutem Umfang.
Dass Dan Simmons diese Geschichte noch länger beschäftigte, zeigt sein Roman »Im Auge des Winters«, in dem er 2002 zu den Ereignissen in Elm Haven zurückkehrt.
© Mirko Röhm |