Sie sind hier: Startseite - Background - Rezensionen - Taschenbücher anderer Autoren / Romanhelden Horror - Lunar Park


Rezension - Lunar Park

Bret Easton Ellis
Lunar Park
Aus dem Amerikanischen von Clara Drechsler, Harald Hellmann

Horror, Taschenbuch
Heyne Verlag, München, August 2007
464 Seiten / 9,95 €
ISBN: 9783453675216

Bret Easton Ellis hat einen der großen literarischen Skandaltexte geschrieben: »American Psycho« erzählt von dem New Yorker Investmentbanker Patrick Bateman, der Geld wie Heu scheffelt und Welt und Menschen ausschließlich unter Gesichtspunkten des Tauschwertes wahrnimmt. Über quälende hunderte Seiten erfährt der Leser, welche Nobelrestaurants und -bars der Konsumfetischist Bateman an seinen Abenden aufsucht, welche superteuren Markenklamotten er trägt und welch teure Markenkleidung die Menschen tragen, mit denen er small-talk macht. Gut aussehende Frauen bezeichnet er in seinen Gedanken als Hardbodys und Obdachlose attackiert er schon mal mit dem Messer. Nach und nach erfährt der Leser, dass Bateman, sozusagen als Ergänzung zum Mergers und Akquisition am Tage, sich die Nächte mit Vergewaltigen und Abschlachten vertreibt. Immer benennt er akribisch, von welcher Firma die neue Schlagbohrmaschine stammt, mit der er die gut aussehende Kollegin oder Edelprostituierte, die natürlich teuerste Nobelunterwäsche trägt, gerade an seinem schweineteuren Parkettboden festtackert. »American Psycho« war die Flammenschrift an der Wand: Der Roman demonstrierte die Barbarei einer Welt, in der keine anderen Werte mehr gelten als die des shareholder value und des hemmungslosen Profits.

Aber bekanntlich haben Flammenschriften noch nie viel genutzt und hat der deregulierte Kapitalismus die Welt inzwischen in eine Krise gerissen, die der der dreißiger Jahre vergleichbar ist. Bret Easton Ellis jedoch wurde durch »American Psycho« zum Auflagenmillionär. Vom weiteren Schicksal des Autors erzählt nun sein neuer Roman »Lunar Park«: Er berichtet im Schnelldurchgang von jeder Menge Drogen und Sex, von Ellis' hartherzigem Vater und seiner traumatischen Kindheit, seiner gescheiterten Liaison mit der Schauspielerin Jayne und der Geburt seines Sohnes Robby. Schließlich kroch der Autor, so erfahren wir, nachdem die Drogen ihn fast umgebracht hatten, wieder bei Jayne und ihren Kindern unter. An dieser Stelle beginnt nun aber erst die eigentliche Geschichte: Ihr Anfang ist datiert mit dem 30. Oktober, ihr Ende mit dem 10. November. Es folgt eine wüste Burleske zum Thema Haloween und Haloweenromane.

Ellis und Jayne leben in einer Vorstadt an der amerikanischen Ostküste, einem jener Orte, wo die Reichen und Schönen dieser Welt sich selbst eingemauert haben. Hinter der glänzenden Fassade verbirgt sich jedoch fast nur Neurotisches und Widerwärtiges: Die Beziehung von Bret und Jayne spielt sich weitgehend bei der Paartherapeutin ab, die Kinder sind verhaltensauffällig und werden mit Medikamenten ruhig gestellt und vor allem wirft der Ich-Erzähler und Familienvater so ziemlich jede Droge ein, die ihm in die Finger kommt. Und die Welt des pausenlos zugeballerten Erzählers ist wahrhaft beunruhigend: Irgendjemand stellt dauernd die Möbel um, das Stofftier des Töchterchens entwickelt ein aggressives Eigenleben, während des abendlichen Barbecues beim netten Spitzenverdiener nebenan sieht Ellis Gestalten in seinem Haus, die sich dann wieder in Luft auflösen. Sonderbarerweise fährt auch der alte Mercedes seines längst verstorbenen Vaters durch die Gegend. Ein Detective der Polizei taucht auf und berichtet, dass in der Nachbarschaft etliche Morde passiert sind, die haargenau denen gleichen, die in »American Psycho« beschrieben wurden. Und immer wieder ist die Rede davon, dass in der Nachbarschaft Jungs verschwinden.

Ganz sicher kann der Erzähler Phantasie und Wirklichkeit nicht auseinander halten. Zudem sind natürlich der als Icherzähler auftretende Bret Easton Ellis und der Romanautor Bret Easton Ellis (also der Mann, dessen Name auf dem Cover prangt) keineswegs identisch: Der Icherzähler Ellis ist eine literarische Fiktion des Autors Ellis. Und man kann spüren, wie der Autor sich über seinen Roman und seine Figur amüsiert. Mit seiner ewig benebelten Birne ist der Icherzähler vor allem darauf aus, die Studentin Aimee zu vögeln, ertrinkt er fast in Selbstmitleid und reagiert er völlig panisch auf die Vorspielungen seines bedröhnten Gehirns. Von seiner Arbeit als Bestsellerautor erfahren wir, dass er platterdings einfach Sexszene an Sexszene reiht. Der Autor Ellis dagegen verstrickt den Leser in ein raffiniert konstruiertes Labyrinth von Vexierspiegeln. »Lunar Park«: eine Satire auf Horrorromane ebenso wie auf die Glitzerwelt des amerikanischen Traums.

Die Geschichte geht weiter wie bei Stephen King: Der Icherzähler erhält hunderte E-Mails, in deren Anhang sich die immer gleiche Videosequenz findet: Sein Vater am Jahre zurückliegenden Tage seines Todes. Ebenfalls zu sehen ist ein junger Student, der dem Icherzähler schon früher als Patrick-Bateman-Imitator und Lover der begehrten Aimee auffiel. Der Erzähler wird überschwemmt von den Monstern seiner Vergangenheit und seiner Fantasie. Aber nun rafft er sich plötzlich auf und will die Zusammenhänge klären.

Es sei nicht verraten, was weiter geschieht. Nur so viel: Die Geschichte bewegt sich irgendwo zwischen furiosem Budenzauber und grandiosem Horrorroman. Wer Freude an tollwütig gewordenen Stofftieren hat, wird von diesem Showdown begeistert sein. Ich bin gespannt, welchen Roman Bret Easton Ellis nun, nach dem großen Börsencrash, vorlegen wird.

© Ullrich Wegerich

 

© by 2009
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox