Fritz Leiber
Hexenvolk
Originaltitel: Conjure Wife
Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber
mit einem Nachwort von Christian Endres
Horror, Paperback
Edition Phantasia, Bellheim, November 2008
252 Seiten / 15,90 €
ISBN: 9783937897318
In einer kleinen Universitätsstadt in New Hampshire lebt der Universitätsdozent Norman Saylor mit seiner Frau Tansy ein beschauliches Leben. Neben den üblichen studentischen Problemen und diversen universitätspolitischen Querelen verlaufen die Tage relativ ereignislos.
Bis Norman entdeckt, dass seine Frau ihn durch kleine Talismänner, Sprüche und sogar Zauberutensilien insgeheim beschützt und fördert.
Ihn als Volkskundler, der sich mit jeglicher Art von Folklore auskennt, schockiert dies derart, dass er Tansy bittet, von nun an jegliche Art der Zauberei zu beenden und auch ihre dafür angeführten Gründe wie Sicherheit und Schutz nicht weiter zu verfolgen.
Als sie ihm schließlich gehorcht und seinem Wunsch entsprechend alle Gegenstände und Formeln verschwinden lässt, geschehen plötzlich Dinge, die in ein berufliches und privates Unheil für Tansy und Norman münden und bald darauf wird klar, dass seine nicht die einzige Ehefrau ist, welche im Hintergrund die Fäden zieht. Mit dem Unterschied, dass ihre Mittel dazu recht harmlos waren …
Fritz Leiber gilt vor modernen Autoren des Phantastischen wie Stephen King, Ramsey Campbell und Clive Barker als der Vorreiter des unheimlichen Romans.
»Hexenvolk« beweist dies auch äußerst eindringlich, denn Leiber vermag es vorzüglich, den Einbruch des Phantastischen in die gewohnte Welt nachvollziehbar und dennoch sehr schockierend darzustellen.
Das beschauliche Leben des rational und aufklärerisch geprägten Norman Saylor gerät nämlich gerade durch die Umstände ins Wanken, welche ihn als empirischen Volkskundler im Grunde nicht schockieren dürften.
Als er jedoch entdeckt, dass seine Frau eben jene folkloristischen Wege anwendet, um ihrer beider Leben vor den hexerischen Einflüssen der anderen Ehefrauen der hohen Universitätspersönlichkeiten zu schützen, bricht ihm der Boden unter den Füßen weg.
Zunächst eher humoristisch beeindruckt durch kleine Gesten wie Zettelchen in Amuletten und derart, merkt er alsbald durch immer mehr Zweifel seinerseits an der Harmlosigkeit der ausgeführten Vorgänge, dass sein streng rationales Weltbild sich nicht halten kann – und mit ihm merkt das der Leser.
Leiber verwendet dabei keinerlei dämonische Kreaturen, keine Besessenheit oder unheimliche Vorgänge sondern lässt die merkwürdigen Vorgänge, welche sich an die Bereinigung des Saylor'schen Haushaltes von dem Hexenwerk anschließen, auf leisen Sohlen herantreten.
Da wird wie zufällig die Katze getötet, der Professor bei der Beförderung übergangen oder der Standort einer steinernen Dachfirstfigur im Universitätsgebäude verändert.
Durch diese kleinen Beobachtungen misstraut alsbald nicht nur Norman Saylor seinen Sinnen sondern auch der Leser, der immer wieder einen großen dämonischen Auftritt erwartet, welcher dann jedoch nicht kommt, bis zum Ende hin all die hinterhältige magische Energie alle Fäden zusammenlaufen lässt und in ein hochgradig spannendes Finale mündet, das auch noch eine kleine Überraschung bereithält.
Unterhaltsam geschrieben und subtil erzählt erreicht uns hier die bereits 1943 erstmals veröffentlichte Geschichte, welche Fritz Leibers Ruf als Meister der subtilen Phantastik begründete, erstmals ungekürzt. Ein modernes Hexenmärchen für Erwachsene, das in seinem zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext grandios funktioniert und weder übertrieben phantastisch noch unangebracht realistisch daherkommt.
Fazit:
Fritz Leibers »Hexenvolk« ist eine grandiose Personen- und Charakterstudie, die zeigt, dass man Aberglaube und Hexerei an den ungewöhnlichsten Orten finden kann.
Außergewöhnlich subtil erzählt und dabei sehr spannend erreicht Leiber beim geneigten Leser einen kalten Schauer auf dem Rücken und zeigt auf, dass es bereits in der Zeit, als die phantastische Literatur noch nicht so präsent war wie heute, ein paar Großmeister innerhalb ihrer Grenzen gab, vor denen man auch heute noch den Hut ziehen kann!
© Mirko Röhm |