Stephen King
Zwischen Nacht und Dunkel
Originaltitel: Full Dark, No Stars
Originalverlag: Scribner, New York
Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner
Horror, Hardcover mit Schutzumschlag
Heyne Verlag, München, November 2010
528 Seiten / 19,99 €
ISBN: 9783453266995
Stephen King gilt als größter Geschichtenerzähler unserer Zeit. Nun legt er vier große Novellen vor, die alle ein Thema haben: Vergeltung! Ob als Täter oder Opfer, unschuldig oder schuldig, durch Schicksal oder Absicht – wir kommen in Situationen, die uns eine Entscheidung abverlangen: Wie weit muss ich gehen, bis mir Gerechtigkeit widerfährt? Manchmal muss man sehr weit gehen ...
»1922«: Ein Vater überredet seinen Sohn auf perfide Weise, gemeinsam mit ihm die Ehefrau/Mutter umzubringen – und der Horror für den Rest des Lebens der beiden nimmt seinen Anfang.
»Big Driver«: Die Schriftstellerin Tess wird nach einer Lesung brutal vergewaltigt. Sie will auf eigene Faust Vergeltung üben ...
»Faire Verlängerung«: Der schwer krebskranke Streeter geht einen teuflischen Pakt ein. Seine Genesung und sein Glück scheinen fortan Unglück und Untergang für andere zu sein. Kann er dem Einhalt gebieten? Will er das überhaupt?
»Eine gute Ehe«: Zufällig entdeckt Darcy, dass der Mann, mit dem sie 27 Jahre lang glücklich verheiratet ist, ein Doppelleben als wahres Ungeheuer führt. Bis dass der Tod euch scheidet ... ist das der einzige Ausweg?
Stephen King hat mal wieder zugeschlagen. Diesmal handelt es sich um einen Band mit vier Novellen. Einen ähnlichen Band veröffentlichte King bereits in den 80er Jahren. Damals unter dem Titel »Frühling, Sommer, Herbst und Tod«. Wie King in dem damaligen Nachwort bemerkte, bereiten Novellen Autoren nichts als Schwierigkeiten, da es für sie heutzutage keinen Markt mehr gibt. Um seine Texte dennoch zu verkaufen, wiederholte King dieselbe Strategie wie damals: Ein paar Novellen in ein Buch zwängen und fertig sind die nächsten 500 Seiten. Übersieht man einmal die ironische Bemerkung in dem Nachwort des aktuellen Buches, in dem King betont, dass Schreiben, um damit Geld zu verdienen, Schwachsinn sei, haben wir hier einmal mehr den gewohnten Stephen King vor uns. Alle vier Texte handeln um Rache. Die Qualität der Storys ist dabei unterschiedlich.
Die erste Novelle »1922« handelt von einem Farmer, der seinen Sohn dazu bringt, gemeinsam mit ihm seine Mutter umzubringen, da sie unbedingt ihr geerbtes Land einer Schlachterei verkaufen möchte. Der Plan scheint zunächst aufzugehen, doch schon bald ereignen sich unheimliche Zwischenfälle, die allesamt mit Ratten zu tun haben. In dieser Geschichte beweist King auf ein Neues seine oft kritisierte Geschwätzigkeit. Denn im Grunde genommen hätte dieselbe Story in einen Umfang von 20 Seiten gepasst. King aber macht daraus gleich knappe 200. Die Folge davon ist, dass ein von fast Anfang an deutlich vorhersehbares Ende hinausgezögert wird. Schade, denn da er sich an den Motiven klassischer Gespenstergeschichten orientiert, wäre sie durchaus gut geworden. So aber kreiert King eher Langeweile.
Die zweite Geschichte »Big Driver« ist hier eindeutig besser. Hier stimmen Länge und Handlung überein. Es geht um eine Schriftstellerin von seichten Krimis, die nach einer Vorlesung brutal vergewaltigt wird. Statt zur Polizei zu gehen, sinnt sie nach Rache und macht Jagd auf den Täter. Im Stile des 70er Jahre Horrors gelingt King hier eine sehr spannende Story, die man in einem Rutsch durchliest. Denn hier lässt King seine oben erwähnte Geschwätzigkeit beiseite und treibt die Handlung mit einer großen Dichte voran.
Die dritte Novelle ist mit ihren etwa 50 Seiten am kürzesten. »Faire Verlängerung« schildert die Geschichte eines krebskranken Bankangestellten, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, um wieder gesund zu werden. Dabei ruft er natürlich negative Konsequenzen bei anderen Menschen hervor. Die Geschichte ist mit einer gelungenen Prise schwarzen Humors und bitterböser Ironie geschrieben. Man kommt daher nicht umhin, der Handlung mit einem ständigen Schmunzeln zu folgen.
Die letzte Novelle trägt den Titel »Eine gute Ehe«. Im Grunde genommen geht es darin um die Frage, was eine Frau machen soll, wenn sie herausfindet, dass ihr Mann ein Serienmörder ist. Dieser Frage und der dazugehörenden Antwort geht King hier mit Fingerspitzengefühl nach. In gewisser Weise erinnert die Geschichte daher an Patricia Highsmith. Auch in dieser Story stimmen Länge und Handlung. Die Spannung entsteht natürlich durch das Dilemma, in dem sich die Frau auf einmal befindet. Insgesamt eine durchaus gute Geschichte.
Fazit:
Stephen Kings neuer Novellenband überzeugt nicht ganz. Schuld daran ist die erste Novelle, die mit der Dampfwalze breitgetreten wurde. Die drei übrigen Geschichten präsentieren uns den gewohnten Stephen King. Es ist also nichts wirklich Überragendes, aber immerhin unterhaltsam und spannend.
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Stephen King
Zwischen Nacht und Dunkel
Just After Sunset, USA, 2008
Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner
Titelillustration von Hauptmann & Kompanie, Werbeagentur
Horror, Hardcover mit Schutzumschlag
528 Seiten / 19,99 €
Heyne, München, November 2008
ISBN: 9783453266995
1922
Wilfried Leland James ist Farmer, den Umständen entsprechend glücklich verheiratet und Vater eines Sohnes im Teenager-Alter. Die gutbürgerliche Fassade bekommt Risse, als Arlette das Angebot einer Fleischfabrik annehmen und die Farm verkaufen möchte. Wilfried will um keinen Preis das Anwesen seiner Vorväter verkaufen und zieht den gemeinsamen Sohn Henry auf seine Seite. Zusammen schmieden sie einen Plan, wie sie Arlette aus dem Weg räumen können. Doch die Ermordung der Ehefrau und Mutter zieht eine Kette von unheilvollen Ereignissen nach sich, die in einer Katastrophe enden ...
Big Driver
Um ihren Rentenfond aufzubessern, akzeptiert die Autorin Tess das Angebot eines Verlags in Chicopee, nahe Stoke Village, einen Vortrag zu halten. Für den Rückweg nimmt Tess eine Abkürzung, die ihr Ramona Norville, die Verlagsvorsitzende, empfohlen hat. Doch Tess bleibt mit einer Reifenpanne liegen und der Einzige, der ihr zu Hilfe kommt, ist ein Triebtäter, der sie vergewaltigt. Tess überlebt den Übergriff, zutiefst verstört und verletzt. Aus Scham und Angst traut sie sich nicht, eine Anzeige bei der Polizei zu machen. Doch die Aussicht, dass der Vergewaltiger weitere Frauen schändet und tötet, nagt an ihr, bis Tess fest entschlossen ist, ihren Peiniger nicht ungestraft davonkommen zu lassen. Minutiös plant sie ihre ultimative Rache ...
Faire Verlängerung
Dave Streeter hat mit dem Leben abgeschlossen. Nach seinem Todesurteil in Form der Krebsdiagnose und der zermürbenden Chemotherapie gibt es für ihn keine Hoffnung mehr. Für die letzten sechs Monate wurden ihm von seinem Arzt heftiges Erbrechen und starke Schmerzen prophezeit. Doch dann macht Dave die Bekanntschaft mit dem Straßenhändler George Elvid, der ihm ein verlockendes Angebot macht. Dave bekommt eine 15jährige Lebensverlängerung, wenn er jemanden, den er hasst, ins Unglück stürzt. Ein verhängnisvoller Preis, den Dave nur allzu leichtfertig zu zahlen bereit ist ...
Eine gute Ehe
Siebenundzwanzig Jahre sind Darcy und Bob Anderson glücklich verheiratet. Bis Darcy eines Tages in der Garage eine verhängnisvolle Entdeckung macht. Ist ihr Ehemann tatsächlich ein mehrfacher Mörder? Und falls ja, wird man ihr glauben, dass sie in all den Jahren nichts von seiner gefährlichen Obsession gemerkt hat? Darcy sieht nur noch einen Ausweg ...
Gerade in seinen Kurzgeschichten und Novellen zeigt sich immer wieder das großartige Talent des Schriftstellers Stephen King, und er beweist dadurch, dass es nicht immer Tausend-Seiten-Schinken sein müssen, um das Publikum zufriedenzustellen. In Zwischen Nacht und Dunkel vereint der Autor vier brandneue Kurzromane, die alle ein zentrales Thema behandeln, das so alt wie die Menschheit selber ist: Rache!
So unterschiedlich die Motivationen der Protagonisten in den einzelnen Storys auch sein mögen, eines haben sie alle gemeinsam. Sie sind absolut verständlich und nachvollziehbar. King überzeugt einmal mehr durch glaubhafte Plots und allzu menschliche Charaktere, deren Handlungen nie an den Haaren herbeigezogen sind.
1922 ist die längste Geschichte und beschreibt auf erschreckend authentische Art und Weise, wie Wilfried Leland James die Geister seiner ruchlosen Tat nicht mehr loswird. Die Situation entgleitet ihm immer mehr, und obwohl seine Frau Arlette tot ist, wird alles nur noch schlimmer. Die Geschichte lebt von ihrer plastischen Schreibweise, die den Leser sofort mitreißt.
Big Driver ist die wohl verstörendste Erzählung dieses Buches und Tess' Rache wird auch für den Leser zu einer regelrechten Erlösung. Einfühlsam und nachvollziehbar beschreibt King, warum sich Tess gegen eine Anzeige und für Selbstjustiz entscheidet. Wer diese Story gelesen hat, lernt zu verstehen, weshalb viele Frauen solche Taten nicht melden.
Faire Verlängerung ist die einzige Erzählung, in der phantastische Elemente vorkommen. Und trotz ihrer Kürze ist sie äußerst nterhaltsam. Auch hier muss der Leser feststellen, dass er kaum anders handeln würde, als Dave Streeter es in seiner Situation getan hat. Doch im Gegensatz zu diesem kann der Leser seine Lektüre unterbrechen, wenn die Folgen gedankenlosen Handelns unerträglich werden.
Nicht minder eindrucksvoll ist Eine gute Ehe. Die Geschichte zeigt, dass es selbst zwischen langjährig Verheirateten noch Geheimnisse gibt, und es keineswegs ratsam ist, alles über den Partner zu wissen. Eine sehr düstere und durch ihren realen Bezug sehr beklemmende Erzählung, die den Leser noch lange nach der Lektüre beschäftigt.
Die Qualität der einzelnen Novellen ist durch die Bank weg sehr hoch, und der Spagat zwischen Unterhaltung und Anspruch gelingt auch dieses Mal meisterhaft. Zwischen Nacht und Dunkel ist ein Buch, das nicht nur King-Fans gefallen wird.
Die edle Gestaltung des Hardcovers wird den Storys nur gerecht. Die Geschichten wurden auf sehr hochwertigem Papier, im angenehm zu lesenden Satzspiegel gedruckt. Der angeraute Schutzumschlag ist nicht nur hübsch anzusehen, sondern auch entsprechend zu befühlen.
Fazit:
Anspruchsvoll und mörderisch spannend. Stephen King ist ein herausragender Schriftsteller, dessen Figuren so lebendig sind, wie echte Menschen. Den erhobenen Zeigefinger vermeidend, erzählt er in vier fesselnden Geschichten von Vergeltung, Selbstjustiz und Gerechtigkeit. Erschütternd, verstörend und zutiefst menschlich.
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