Sie sind hier: Startseite - Background - Rezensionen - Hardcover anderer Autoren / Romanhelden - Horror - Dracula - Die Wiederkehr


Rezensionen - Dracula - Die Wiederkehr

Dacre Stoker/ Ian Holt
Dracula - Die Wiederkehr
Originaltitel: Dracula: The Un-Dead
Ins Deutsche übertragen von Hannes Riffel

Horror, Hardcover mit Schutzumschlag
LYX (EGMONT Verlagsgesellschaften mbH), Köln, Oktober 2009

592 Seiten / 19,95 €
ISBN: 9783802582202

Genau 112 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen von Bram Stokers Klassiker unter den Vampir-Romanen »Dracula«, schaffen es zwei Autoren, eine hochoffizielle Fortsetzung unter Schirmherrschaft der Stoker-Familie erscheinen zu lassen, welche nun endgültig klären soll, was mit dem berühmten Transylvanier geschehen ist. Kein einfaches Unterfangen, handelt es sich immerhin nicht um die erste Fortführung der Handlung um den literarischen Vater der Vampire. Doch beteiligt daran ist niemand geringerer als der Autorendebütant und Urgroßneffe des irischen Dracula-Schöpfers Dacre Stoker.

Fünfundzwanzig Jahre nach den schrecklichen Geschehnissen in London, Whitby und Transsylvanien befindet sich der beruflich und privat gescheiterte Dr. Seward auf der Spur eines gewissenlosen Mörders. Seine Mitstreiter um die Seele Wilhelmina Harkers und das Ende von Graf Dracula haben jedweden Kontakt zu ihm verloren oder meiden ihn absichtlich. Schließlich kommt der Verdacht auf, dass die Vernichtung des Vampirs nicht gründlich genug begangen wurde und in London mehren sich geheimnisvolle Ereignisse, die auf die Rückkehr Draculas hindeuten: Prostituierte werden ermordet, geheimnisvolle Dokumente tauchen auf und schon bald befinden sich besonders der inzwischen dem Alkohol verfallene Jonathan Harker und seine Frau Mina in größter Gefahr.
Währenddessen studiert ihr gemeinsamer Sohn Quincey an der Pariser Sorbonne Rechtswissenschaften. Jedoch gefällt sich der Spross eher in der Rolle des Schauspielers und zerstreitet sich deshalb mit seinem Vater. Quincey möchte lieber mit dem großen rumänischen Schauspieler Basarab zusammenarbeiten und begibt sich zu diesem Zweck ebenfalls wieder in die Heimat, um am Theater Lyceum, welches unter der Leitung Bram Stokers steht, dessen neues Stück zu betreuen.
Als schließlich auch noch der herzkranke Dr. Van Helsing aus Amsterdam eintrifft und nicht nur Mina erkennt, dass der Gegner dieses Mal wesentlich stärker ist, überschlagen sich die Ereignisse ...

Zunächst sei gesagt, dass » Dracula – Die Wiederkehr« - natürlich – seinem klassischen Original nicht auch nur im entferntesten das Wasser reichen kann. Allerdings hat das sicherlich auch niemand erwartet. Auf die von Stoker so grandios funktionierende Erzählform von Tagebucheintragungen und Briefen wird in der Wiederkehr zugunsten einer direkten Erzählweise verzichtet. Dies ist auch nicht der einzige Bruch mit Traditionen aus dem Original, welche Dacre Stoker und der meist als Drehbuchautor arbeitende Ian Holt vornehmen.
So wird zwar über circa 450 Seiten eine sehr stetig steigende Spannung aufgebaut, welche jedoch erst ab Seite 100 richtig mitfiebern lässt. Danach staunt man nicht schlecht, wie gewandt die beiden mit tatsächlichen historischen Ereignissen umgehen. Genau hier liegt auch einer der größten Schwachpunkte des Buches: Neben dem Auftauchen großer Namen wie der berüchtigten Gräfin Barthory, der Verflechtung inklusive Auflösung mit dem historischen Kriminalfall von Jack the Ripper und schließlich sogar einer Fahrt auf der Titanic wäre doch weniger mehr gewesen.
Tatsächlich wird sogar der Autor von Dracula selbst, Bram Stoker, in die immer verwirrender und von unrealistischen Zufällen geprägte Handlung gezwängt.
Spätestens hier sind Stoker und Holt dann endgültig über das Ziel hinausgeschossen und lassen ihren wirklich sehr spannenden und an die neuzeitlichen literarischen Ansprüche angepassten Roman dann doch im Durchschnitt versanden. Da werden Verwandtschaftsverhältnisse in Star Wars-Manier enthüllt, die Zeitlinie verändert und eine sehr unsubtile, dem Thema kaum angepasste und direkte sexuelle Note hinzugefügt, die dem Original einfach nicht gerecht werden kann.

Zu guter Letzt hat man die gesamte Originalgeschichte und die prägenden Eigenschaften der damaligen und auch heutigen Hauptfiguren entmystifiziert und durch den Fleischwolf der Geschichte gedreht, sodass beinahe nichts mehr der Phantasie des Lesers überlassen bleibt. Die Helden des » Dracula« von 1897 bekommen ihren Charme genommen und zugunsten einer zeitgenössischen Menschlichkeit allerlei Probleme angedichtet wie Alkoholismus, Ehebruch, Rachsucht, die Angst vor dem Tod und Gedankenübertragung durch Blut(!).
Das ist zwar ein in Ansätzen guter Zug der beiden Autoren aber verändert die Persönlichkeiten derart, dass man sie kaum wiedererkennt, liest man anschließend noch einmal den Originalroman.

Nach dem Roman haben Dacre Stoker und Ian Holt noch eine Erklärung angehängt, welche ihre Gründe für eine Fortsetzung darlegt. Diese liest sich eher wie eine Entschuldigung. Nämlich dafür, dass sie Jahreszahlen des Originals an ihre Fortsetzung angepasst haben, dass viele Autoren und Filmproduzenten sich über Jahre hinweg an der Originalgeschichte vergangen haben, weil Stokers Witwe und damit all seine Erben wegen eines juristischen Faux-pas keine Erträge über die Grenzen des Vereinigten Königreiches hinaus erhalten konnten.
So drängt sich der Verdacht auf, die Familie Stoker habe sich den Dracula-Fan Holt ins Boot geholt, um das weltweite Copyright für Figuren und Handlung des Originals zurück in den engsten Kreis zu holen. Dies als Grund für eine » offizielle« Fortsetzung rechtfertigt das vorliegende Ergebnis vielleicht.
Was man aber stattdessen erreichen kann, zeigt Freda Warringtons » Dracula – The Undead« von 1997 (1998 auch auf Deutsch als » Dracula kehrt zurück« erschienen).
Hier spinnt die Autorin nämlich nicht nur den Originalroman wesentlich plausibler weiter sondern nutzt zudem auch die gleiche Art der Erzählweise wie Bram Stoker.
Und das zeigt das Fingerspitzengefühl, welches man im Umgang mit solch lieb gewonnenen Klassikern wie Bram Stokers » Dracula« haben sollte.
» Dracula – Die Wiederkehr« dagegen wirkt wie ein Werk aus der Feder von Dan Brown, zeigt es doch all dessen Attribute: Äußerst spannend geschrieben, jede Menge Verweise und Verflechtungen auf und mit diversen historisch belegbaren Geschehnissen aber auch ebenso banal, unglaubwürdig und lau.

Fazit:
Als actionreicher Vampirroman im Zuge der von Stephenie Meyer losgetretenen Lawine durchaus lesbar, aber als offizielle Fortsetzung eines literarischen Schauerklassikers inakzeptabel!

Bewertung:



© Mirko Röhm

 

© by 2009
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox