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Rezension - Das Hexenbuch von Salem

Katherine Howe
Das Hexenbuch von Salem


Historischer Roman mit Fantasy-Elementen, Hardcover mit Schutzumschlag
Page & Turner, München, August 2009
512 Seiten / 18,95 €
ISBN: 9783442203567

Marblehead, Massachusetts, im Jahr 1682:
Die Kräuter- und Heilkundige Deliverance Dane wird von der Bevölkerung um das Dorf Salem herum gerne in Anspruch genommen. Seien es gesundheitliche Probleme, kosmetische Fragen oder »Frauenprobleme« – die Frau weiß Rat und steht mit Tat zur Seite. Doch ihre Profession wird ihr zum Verhängnis, als plötzlich Beschuldigungen laut werden, es handele sich bei ihr und ein paar anderen Frauen der Region um Hexen, die mit dem Teufel buhlen und Tod und Krankheit über die Menschen bringen. Der Hexenprozess von Salem beginnt, und die schlimmsten Ressentiments brechen sich ihre Bahn, als die vermeidlichen Zeugen vernommen werden. Auch Deliverance Dane übersteht die Anschuldigungen nicht lebend und wird gehängt. Doch ihr Vermächtnis, ein Rezeptbuch mit Formeln, Beschwörungen, Kräuterlexikon und Arzneimittel-Zusammensetzungen, wird über die Jahrhunderte in ihrer Familie weitergegeben ...

Die Universität von Cambridge, Massachusetts, im Jahr 1991:
Als die Endzwanzigerin Connie Goodwin nach der Suche für ein geeignetes Thema ihrer Doktorarbeit ist, macht ihr ihre Mutter spontan einen Strich durch die Rechnung. Sie soll über den Sommer das alte Haus ihrer Großmutter, das in Marblehead liegt, auf Vordermann bringen, sodass der jahrlang leer stehende Kasten endlich verkauft werden kann. Connie zeigt sich wenig begeistert, doch bald lernt sie, das versteckt liegende alte Häuschen zu mögen. Auch Arlo, ihr zugelaufener Terrier scheint die Natur und den verwilderten Garten zu lieben.
Als Spezialistin für die Sitten und Gebräuche im Amerika des 17. Jahrhunderts interessiert sich Connie unter anderem sehr für die Geschichte der Hexen der damaligen Zeit. Aber das alleine reicht ja noch nicht für ein gutes Thema für die Arbeit. Während sie das Haus durchstöbert, fällt ihr ein Schlüssel in die Hände, in den sie eingerollt ein Stück Papier mit dem Namen »Deliverance Dane« findet. Ihre Recherchen zu dem Namen kosten Connie viel Mühe, doch es hat auch seine Vorteile: So lernt sie nämlich den jungen, gut aussehenden Restaurator Sam kennen, der mit seiner intelligenten, sanften, und doch kecken Art die romantische Seite von Connie weckt.
Professor Manning Chilton, Connies Doktorvater, entwickelt unterdessen eine seltsame Besessenheit: Er drängt Connie immer wieder dazu, nach dem Hexen-Rezeptbuch zu suchen, auf dessen Erwähnung sie bei ihren Recherchen zum Namen »Deliverance Dane« gestoßen ist. Warum ist der Mann so interessiert an dem Buch? Ist es wirklich nur wissenschaftliche Neugierde?
Während Connie immer weiter in die Geschichte von Deliverance Dane eintaucht, und gleichzeitig auch immer mehr über ihre eigene Familie herausfindet, lauert im Hintergrund schon die Gefahr. Denn Connie und Sam sind in der kleinen Idylle von Marblehead nicht sicher, und zwischen Himmel und Erde gibt es so mancherlei, das der Mensch nicht erfassen kann – wie Connie bald am eigenen Leib erlebt ...

Bereits vor einiger Zeit – und kurz nach der Lektüre des Romans »Das Hexenbuch von Salem« - hatte ich das Vergnügen, ein Interview mit der sympathischen Autorin Katherine Howe zu führen (welches man HIER beim Geisterspiegel nachlesen kann). Dass ihr Buch auf Anhieb in die New York-Times-Bestellerliste auf Platz 2 einstieg, kann die Autorin bis heute kaum glauben, ebenso wie den unglaublichen Erfolg, den sie mit ihrem Debütroman feiern konnte.
Doch alles Lob ist gerechtfertigt, das zeigt die Lektüre des Buches. Aufgeteilt in zwei Erzählstränge und ebenso viele inhaltlich leicht voneinander abgesetzte Akte, schildert Howe, unter deren Vorfahrinnen tatsächlich eine der Angeklagten und Gehängten der historisch verbürgten Hexenprozesse von Salem war, eine interessante, miteinander verwobene Geschichte. Der historische Teil um die Hexenprozesse ist dabei einfühlsam und äußerst lebendig geschildert, zeigt die Alltagswelt und das fehlende Unrechtsbewusstsein der damaligen Ankläger als Teil einer real empfundenen Angst vor höheren Mächten. Was immer die Beschuldigten auch sagten oder taten, es wurde zu ihren Ungunsten ausgelegt und als Beweis verwendet. Die ganze Tragik des damaligen Geschehens, das immer noch an der historischen Seele des für Freiheit und Gerechtigkeit stehenden Amerika nagt, wird hier deutlich.

Dagegen stellt Katherine Howe auf der anderen Ebene des Buches zunächst eine zeitgenössische Detektiv- und Liebesgeschichte, die sie ihre Protagonistin Connie Goodwin durchleben lässt. Das universitäre Setting und die Motivation, sich derart eingehend wissenschaftlich mit diesem – wenn auch spannenden – geschichtlichen Thema zu beschäftigen, kann vielleicht nicht jeder Leser nachvollziehen. Doch wenn Sam und Connie ins Flirten geraten, schlagen nicht nur kleine Mädchenherzen höher, wenn auch diese knospende Beziehung hier eher seicht und als Mittel zu Zweck erzählt wird.

Im inhaltlichen zweiten Teil bekommt der Roman dann nach der historischen Reichhaltigkeit einen reizvollen Twist: nämlich genau dann, wenn Connie an sich selbst magische Fähigkeiten entdeckt. Das alles läuft noch sehr bodenständig ab und hat wiederum eine historische Komponente, denn alle Magie, die hier stattfindet, orientiert sich an den Ritualen und überlieferten Sprüchen von amerikanischen »Hexen«.
Außerdem ist das »Hexenbuch« ein sehr emanzipiertes Buch, mit seinen beiden weiblichen Hauptcharakteren Connie und Deliverance Dane. Dennoch ist es kein reinrassiges »Frauenbuch«, dafür ist es viel zu detailreich und akribisch recherchiert. Kein Wunder, ist Howe doch auch studierte Historikerin und familiär mit dieser ganz persönlichen »Geschichte« vorbelastet.

So ist am Ende das »Hexenbuch von Salem« ein toller, spannender Roman, den man größtenteils als historisch bezeichnen kann, und doch auch ein wenig der Fantasy zuordnen muss. Leichte Abzüge gibt es für die vielleicht stellenweise etwas lang gezogenen Recherchekapitel und die eher seichte Liebesgeschichte, einen etwas seltsam motivierten Antagonisten in der Gegenwartshandlung (abseits der »Hexenprozesse« in der historischen Erzählschiene) und eine Hauptfigur, die durchgängig schwer von Begriff zu sein scheint. Während Conie meist noch über irgendwelchen Hinweisen brütet, erscheint dem Leser seit Kapiteln sonnenklar, wohin die Reise geht. Über diese leichten Schwächen sieht man allerdings gerne hinweg. Was bleibt, ist ein intelligentes, unterhaltsames und phantasievolles Buch.

Bewertung:



© Sascha Vennemann

 

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