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Rezension - Wir sind die Nacht

Wolfgang Hohlbein
Wir sind die Nacht

Dark Fantasy, Paperback
Heyne, München, Oktober 2010
608 Seiten /12,99 €
ISBN: 9783453533653

Im Oktober 2010 erreichte der Vampirhype mit Wir sind die Nacht auch die deutsche Kinowelt. Basierend auf dem Drehbuch von Dennis Gansel und Jan Berger schrieb Wolfgang Hohlbein einen gleichnamigen Roman, der in seiner Erstveröffentlichung bereits im Juni in den Regalen der Buchläden stand. Diese Rezension bezieht sich ausschließlich auf ebendiesen Roman.

Im Zentrum der Handlung steht die Berliner Diebin Lena, aus deren Sicht der Leser die Ereignisse erlebt. Von der ebenso schönen wie kalten Louise zu einer Vampirin gemacht, lernt sie mit Louise und ihren Freundinnen Nora und Charlotte das gleichzeitig luxuriöse und entbehrungsreiche Leben in ewiger Nacht kennen.
Ihr bleibt jedoch wenig Zeit, sich an die neuen Umstände zu gewöhnen – denn ein feindlicher Vampir beginnt bald Jagd auf die vier Frauen zu machen. Eine Situation, die noch dadurch verkompliziert wird, dass Lena sich in den Polizisten Tom verliebt, der in einer Mordserie ermittelt, in welche die Vampire verstrickt sind.

So weit zur erstmal nicht allzu innovativen Story.
Es gibt vieles, was einem Kauf dieses Romans im Wege steht. Zum einen ist er zu einer Zeit in die Läden gekommen, da kitschig-erotische Vampirromanzen die Regale bevölkern und unglücklicherweise setzt der Verlag auch in der Vermarktung dieses Romans auf die eingeflochtene Liebesgeschichte. Zum andern hat Wolfgang Hohlbein diesen Roman geschrieben, der seit seinen zunächst zumindest eher mit mäßiger Begeisterung aufgenommenen Fluch der Karibik-Romanen nicht jedem als ideale Partie für Filmbücher erscheinen mag.
Aber beide Vorurteile lösen sich beim Lesen zum Glück schnell auf. Denn inhaltlich ist dies keiner der derzeitigen 0/8/15-Vampirromane. Tatsächlich hat er in seiner Grundstimmung noch mehr gemein mit den Vampirchroniken von Anne Rice, wenngleich er meilenweit davon entfernt ist, das Niveau von deren Klassikern zu erreichen. Und auch die Liebesgeschichte nimmt nur die letzten 150 von gut 600 Seiten ein und wirkt weder dominierend, noch aufgezwungen – sie passt einfach so, wie sie erzählt wird, konsequent in die Geschichte rein.
Außerdem zeigt Hohlbein hier endlich mal wieder sein schriftstellerisches Können. Seine Sprache ist einfach gehalten, doch er schafft es die Spannung den ganzen Roman über zu halten und auch der gelegentlich eingestreute Sarkasmus kommt gut an. Kleinere Unstimmigkeiten sind da leicht zu verzeihen.
Besonders gut sind dem Autor darüber hinaus die emotionaleren Szenen gelungen. Beispielsweise wird Lenas Gefühl erdrückender Einsamkeit sehr einfühlsam dargestellt, was bei vielen anderen Vampirromanen meiner Meinung nach nicht so gut gelungen ist.

Insgesamt ist das Vampirbild in diesem Roman ziemlich klassisch. Gut, die Vampire kiffen und saufen, was das Zeug hält und Knoblauch macht ihnen nichts aus, aber sie verkörpern gleichzeitig die erotische, wie auch die animalische und tragische Seite des Vampirs, wie man ihn aus zahlreichen Medien kennt. Nach all den Neuerungen, die das Vampirbild in den letzten Jahren erfahren hat, ist das eigentlich mal wieder ganz angenehm. Außerdem wird beispielsweise die Spiegelproblematik ziemlich anschaulich dargestellt. Bemerkenswert, wie häufig man im Alltag seinem Spiegelbild begegnet, dessen Fehlen die Vampire auf allerhand mal mehr, mal weniger kreative Art im Roman kaschieren müssen.
Was allerdings auf die Dauer stört, ist die Thematik mit dem Sonnenlicht. Klar, die Vampire vertragen keine UV-Strahlen. Aber irgendwie scheint ihnen das im Buch nur dann etwas auszumachen, wenn es für einen der Charaktere an der Zeit ist zu sterben. Bis dahin laufen sie dauernd durch pures Sonnenlicht, und obwohl Hohlbein Lena immer wieder betonen lässt, dass das die Hölle ist, brauchen sie meist nicht lange, um selbst schwerste Verbrennungen wieder zu heilen. So besteht dann der gesamte zweite Handlungsteil des Buches zu einem Großteil aus brennenden Vampiren, die immer wieder gerade so knapp dem Feuertod entgehen.

Ab und zu hätten die Vampire ruhig auch noch ein bisschen fieser ausfallen dürfen. Sie werden zwar schon ziemlich brutal beschrieben und einige Szenen geizen nicht mit ekligen Beschreibungen von zerfetzten Eingeweiden und ähnlichem. Dennoch wirken diese Sequenzen irgendwie passiv. Möglicherweise wäre hier gelegentlich doch ein anderer Autor angebrachter gewesen, denn ein richtiges Horrorgefühl kommt so eigentlich nicht auf. Hohlbeins Chronik der Unsterblichen lässt hier mit ihrer düsteren, aber selten wirklich gruselig-horrorhaften Atmosphäre grüßen. Während es dort aber auch eher unpassend wäre, hat es der vielmehr an klassischen Vampirgeschichten orientierten Atmosphäre von Wir sind die Nacht schon gelegentlich gefehlt.

Die Vampircharaktere selbst bieten keine großen Überraschungen und sind recht stereotyp aufgebaut. Man erfährt wenig über ihre Hintergründe, auch wenn einzelne Details zu zentralen Handlungselementen werden und dadurch auch für einige Überraschungen gesorgt wird. Es bleiben vor allem Louise und Nora sehr blass, wobei ich mir eigentlich besonders zu letzterer mehr Informationen erhofft hätte. Aber vielleicht kommt da ja auch noch mehr raus – schließlich ist das Ende ziemlich offen gehalten und eine Fortsetzung zumindest im literarischen Rahmen wäre nicht verwunderlich.

Fazit:
Ein am klassischen Vampirbild orientierter Thriller, der trotz leichter Schwächen in der Charakterzeichnung mit einem angenehmen Erzählfluss und überraschenden Wendungen überzeugen kann.

Bewertung:


Copyright © 2011 by Alessandra Ress

 

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