Claudia Kern
Der verwaiste Thron 3
Rache
Fantasy-Roman, Paperback mit Klappbroschur
Blanvalet (Verlagsgruppe Random House), München, September 2009
384 Seiten / 13,00 €
ISBN: 9783442244225
Endlich ist sie komplett, die erste Trilogie von Claudia Kern, welche den Namen »Der verwaiste Thron« trägt und mit »Sturm«, »Verrat« und »Rache« drei so einfache wie bedeutungsschwangere Titel für die einzelnen Romane wählt. Die Autorin, die sich unter anderem durch ihre Mitarbeit bei den Heftromanserien »Maddrax«, »Professor Zamorra« und »Perry Rhodan« einen Namen gemacht hat, und vor allen Dingen mit ihrer regelmäßig erscheinenden Kolumne »Kern-Spaltereien« in dem von ihr mitgegründeten Magazin »Space View« begeistert, hat ihre erste große Fantasy-Saga nun vollständig im Münchener Blanvalet-Verlag vorliegen. Nachdem ich meine Rezensentenpflicht mit der fehlenden Bewertung des zweiten Teils »Verrat« so sträflich habe schleifen lassen, darf ich nun nicht vergessen, ein paar Worte zum letzten Band der Story über insgesamt mehr als tausend Seiten zu verlieren. Und das sollte ich jetzt auch machen, denn sonst ergeht es »Rache« wie »Verrat«: Gelesen, toll gefunden, aber zulange mit einer Rezension gewartet, um noch treffend die Eindrücke zu schildern. Los geht’s!
Es sieht nicht gut aus für Westfall und den Thronsitz des neuen Fürsten Craymorus. Einst verkrüppelter Bücherwurm, ist er nun durch das Drängen seiner Nachtschattenfreundin Mellie die erzwungene Heirat mit der verwitweten Fürstin Syrah eingegangen. Seit dem Besuch seiner Familie in der Stadt der Magier, die ihn alles andere als willkommen geheißen hat, kann er die dem Boden innewohnende Zauberkraft nutzen und sich »gesund« tanzen. So wurde aus dem Nerd ein stattlicher Fürst, der doch seine neue Position nicht nutzen kann. Denn: Die Stadt wird von den Nachtschatten belagert, jenen menschenähnlichen Wesen, die sich werwolfartig in reißende Bestien verwandeln und eine enorme Kampfkraft entwickeln können. Ihr Führer Schwarzklaue will die Stadt einnehmen, immer noch wütend und verletzt durch das Verschwinden ihres einstigen Führers Korvellan.
Unterdessen hat Gerit im belagerten Somerstorm eine grausige Entdeckung gemacht: In den nahen Minen, die der Region einst ihren Reichtum bescherten, fließt unterirdisch ein Strom mit schwarzem magischem Sand. Mittendrin: Rickard, der Prinz von Westfall, mehr tot als lebendig, gierig den Sand in sich hineinstopfend, eine lebende Leiche. Gerit nimmt den Armen mit in die Festung, die er weiterhin, als Mensch unter Nachtschatten, vorgibt, im Namen Korvellans zu verwalten. Immer mehr gleicht er sich den Belagerern an, lernt sogar eine der Nachtschatten zu lieben.
Ein anderer Fürst, nämlich Cascyr, der König ohne Land, zieht mit der gefangenen Ana und der Ewigen Garde, jener Truppe rücksichtloser wie tumber Krieger, die durch das Zwangsfüttern mit dem Magiesand zu beinahe unbesiegbaren Gegnern wird, durch das Land Richtung Somerstorm, um den verwaisten Thron dort für sich in Anspruch zu nehmen. Was Ana nicht ahnt: Ihre neue Zofe Merie, ein junges Mädchen, das gerade einmal in die Pubertät kommt, ist die Tochter des Nachtschattenführers Korvellan aus einem geheimen Verhältnis mit der Fürstin von Westfall, Syrah.
Die Ereignisse überschlagen sich, als die Nachtschatten Westfall angreifen, sich die intrigante Nachtschatten-Frau und Craymorus Freundin Mellie als mächtige Magierin herausstellt, die zusammen mit den neu erstarkten Magiern aus der Magierstadt zum Angriff bläst. Westfall befindet sich in der Zange von zwei unterschiedlichen und brandgefährlichen Feinden – und kann nichts tun, außer dabei zuzusehen, wie es untergeht. Da können auch die zombieartigen Besessenen aus den Kerkern nicht helfen, gegen die Übermacht anzukämpfen ... Schließlich kreuzen sich die Wege der Protagonisten dort, wo die Geschichte einst begann: In Somerstorm, wo die Magier versuchen, an die Magiesandquelle zu gelangen. Doch sie haben die Rechnung ohne Gerit und Rickard gemacht ...
Man sieht es an der Zusammenfassung dieses Romans: Wenn man die beiden Vorgängerbände nicht kennt, ist man rettungslos im Beziehungschaos und in der Vielzahl der Handlungsfäden und Querverbindungen verloren. In »Rache« führt Claudia Kern rigoros weiter, was sie mit »Verrat« an Dichte der Erzählung gegenüber des ersten Romans der Trilogie, »Sturm«, zugelegt hat. War der erste Teil noch relativ gradlinig und einfach, auch was die Komplexität der Geschichte anging, so öffnete die Autorin im zweiten Roman die Handlungsschere ganz gewaltig, etablierte viele verschiedene Handlungsorte und eine Menge Protagonisten, die in der von ihr geschaffenen Welt ihre ganz eigenen Geschichten und Entwicklungen durchmachen, und doch durch die Ausgangssituation, den Angriff der Nachtschatten auf Somerstorm, zusammenhängen. Das ist toll gelöst, bewundernswert aufgebaut und konsequent durchgeführt. Dabei bleibt der Fantasy-Aspekt der Trilogie »Der verwaiste Thron« seltsamerweise ziemlich im Hintergrund, ist gar nicht so wichtig für das, was dort eigentlich vor sich geht. Die Magie ist hier etwas Hintergründiges, ein Werkzeug und eine Waffe, schwierig zu beherrschen und wird deswegen nur widerwillig, selten und nur von wenigen befähigten Leuten eingesetzt. Die Welt, in der die Handlung spielt, lernen die Leser nur gefiltert und distanziert durch den Kapiteln vorangesetzte Reisebericht-Zitate kennen, ansonsten bleiben die Karten der Welt auf den Klappbroschur-Innenseiten des Covers, um sich zu orientieren. Was Claudia Kern in diesem Roman erstmals anreißt (wenn auch kaum mehr als das) ist die Mythologie der Welt, die sie erschaffen hat. Da ist von einem Alten Volk die Rede, von der Magie, und wie sie einst aus der Welt verbannt wurde, wie die Nachtschatten und die Menschen entstanden. Das rundet das Gesamtbild toll ab, bleibt aber doch, wie auch das Land, in dem die unterschiedlichen Protagonisten unterwegs sind, etwas blass und verschwommen.
Und da sind wir am Knackpunkt, nicht nur dieses Romans, sondern der gesamten Trilogie. Die hier präsentierte Fantasy dient nur als Staffage für die Charakterentwicklung der verschiedenen Hauptpersonen. Kern setzt das so geschickt ein, dass man das nur unterschwellig merkt, aber im Grunde geht es um die Frage, wie sich die verschiedenen Personen durch die Umstände, in die sie geraten, entwickeln und verändern. Das ist ungewohnt, vor allem für Fantasyleser, die darauf warten, mehr über die Umwelt der Handlung zu erfahren, die vielleicht gewohnt sind, dass man auf Charaktere nicht diesen gesteigerten Wert legt. Nicht so bei Claudia Kern. Das ist ein bemerkenswertes Konzept, das meiner Meinung nach voll aufgeht, sicherlich aber nicht jedem schmeckt.
Dazu kommt der reduzierte Schreibstil der Autorin, der teils etwas zu nüchtern anmutet. Man hat das Gefühl, als würden Adjektive bewusst verschmäht, auch dort, wo sie zur Stimmung teils gut hätten beitragen können. So wirkt manche Handlung verwunderlich distanziert, manche Charaktere unnahbar (wenn auch nachvollziehbar und logisch in ihren Gedanken und Taten). Claudia Kern verzichtet in »Rache« auch bewusst auf ein episches Finale, sondern konzentriert sich mehr darauf, alles rund zum Abschluss zu bringen, indem sie die Figuren zusammenführt. Auch hier liegt der Fokus wieder nicht auf dem Geschehen an sich, sondern darauf, wie die Figuren miteinander umgehen, was die Situation im Laufe der Handlung aus ihnen und ihren Beziehungen zueinander und untereinander gemacht hat. Das ist faszinierend, wenn auch ungewohnt – und für manch einen sicher auch unbefriedigend.
Ich persönlich habe es aber nicht bereut, mich auf dieses ungewöhnliche Abenteuer einzulassen!
Zum Schluss möchte ich noch auf die Besonderheit der Covergestaltung aller drei Bände aufmerksam machen. Jeden Roman ziert dasselbe Motiv, allerdings in leichten Variationen. Immer ist eine Landschaft mit einer Festung zu sehen: Beim ersten Teil ziehen dunkle Wolken am Horizont auf, beim zweiten schimmert der Himmel feurig-rot, beim letzten Teil brennt die Festung, während der Himmel schon wieder aufgeklart ist. Diese Art der Übertragung des Inhaltes der jeweiligen Trilogie-Teile auf das Covermotiv ist so wunderbar gelungen, dass allein das schon ausreichen sollte, die jeweils 350 bis 400 Seiten starken Taschenbücher im Regal stehen zu haben.
Insgesamt ist »Der verwaiste Thron« eine ungewöhnliche Fantasy-Trilogie, deren einzelne Teile jeweils durch ihre Besonderheiten bestechen: »Sturm« durch seine reduzierte Erzählweise und Rauheit, »Verrat« durch das Öffnen einer riesigen Handlungs- und Charaktere-Schere mit der Etablierung einschneidender Veränderungen der Protagonisten, »Rache« als Abschluss, der zunächst etwas ziellos wirkt, dann aber doch die Kurve kriegt, um alles konsequent zum Abschluss zu bringen. Welcher Band davon der Beste ist, das muss jeder selber entscheiden. Für mich persönlich liegt Band 2 vorn, dicht gefolgt von Band 1 und mit leichtem Abstand der jüngst erschienene Abschluss.
Bleibt mir nur noch zu sagen: Danke an die überaus talentierte Erzählerin! Gerne mehr, auch von Ana, Gerit und allen anderen lieb gewonnenen »Der verwaiste Thron«-Charakteren.
Foto von Claudia Kern: Copyright © by Tschiponnique Skupin
© Sascha Vennemann
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