Thomas Plischke
Die Zwerge von Amboss
Die zerrissenen Reiche 1
Fantasy, Taschenbuch
Piper, November 2008
494 Seiten / 8,95 €
ISBN: 9783492266635
Die Zwerge in Amboss, einer bedeutenden Industriestadt ihres Bundes, sind verunsichert. Gerüchten zufolge planen die Menschen – die Diener der Zwerge – eine Revolution. Aus den Nachbarländern sollen Verschwörer in das Reich eindringen. Als der Ermittler Garep Schmied zum Schauplatz eines brutalen Mordes gerufen wird, halten alle einen Menschen für den Täter. Sein Motiv: Hass auf die Zwerge. Garep jedoch ermittelt gegen alle Widerstände und Vorverurteilungen weiter. Denn nicht nur die Machenschaften von Menschen bedrohen den Bund, sondern auch unter den Zwergen herrschen Hass und Machtgier.
Ein packendes Zwerge-Abenteuer für alle Fans der bärbeißigen Draufgänger.
Soweit die Ankündigung vom Verlag. Natürlich machte mich das Thema neugierig, obwohl mich etwas störte, dass das Buch als »neue Welt für alle Zwerge-Fans« angepriesen wurde. Zwerge-Fans sind Markus Heitz Fans, und diesen Autor sollte man in Zusammenhang mit den »Zwergen von Amboss« besser nicht erwähnen.
Nun, es wurde aber auch angekündigt, dass Zwerge in diesem Buch »mehr sind als bärbeißige Axtschwinger«. Stimmt, doch dieses »mehr« war dann der ausschlaggebende Punkt, weshalb ich das Buch nicht bis zum Ende gelesen habe. Nach etwa 200 Seiten suchte ich immer noch den Ansatz, dass dieser Roman in die Fantasy gehört. Die gewählten Figuren und Namen machen noch keinen Fantasy-Roman, wenn die Handlung ein gesellschaftskritisches Werk in Form eines Krimis ist. Ich habe gewiss nichts gegen Gesellschaftskritik, doch wenn ich einen Fantasy-Roman lese, möchte ich mich unterhalten, möchte abtauchen in eine Traumwelt und mich nicht mit derart realitätsnahen politischen, rassistischen und geschichtlichen Problemen beschäftigen. Wenn ich mich damit auseinandersetzen will, dann kann ich ein gutes Sachbuch zum Thema nehmen und nachlesen, wie es wirklich war oder ist.
Man muss dem Autor allerdings zugute halten, dass er den Versuch gewagt hat, etwas Neues ausprobieren zu wollen. Ähnliches hat Markus Heitz beispielsweise auch schon getan mit dem Buch »Die Mächte des Feuers«, doch er hat es großartig verstanden, die Geschichte so weit zu verändern, dass die eigentliche Handlung im Vordergrund geblieben ist und der Leser an der Handlung teilnehmen konnte.
Bei den »Zwergen von Amboss« habe ich genau das vermisst. Zu sehr erinnerten mich die Versuche in der Heilanstalt an ein finsteres Stück deutscher Geschichte, zu sehr wurde Rassismus hervorgehoben, als dass es noch Unterhaltungswert hätte, geschweige denn zum Nachdenken anregen würde. Weniger wäre hier Mehr gewesen.
Schade drum, denn der Ansatz der Idee war wirklich gut. Und sicher findet auch dieser Roman seine Leser, die begeistert auf einen neuen Band warten werden. Ich gehöre auf alle Fälle nicht dazu.
Einen Geisterpunkt vergebe ich für den Mut, den der Autor und vor allem der Verlag bewiesen haben.
© Anke Brandt |
Thomas Plischke
Die Zwerge von Amboss
Die zerrissenen Reiche I
Fantasy, Taschenbuch
Piper, München, November 2008
492 Seiten / 8,95 €
ISBN: 9783492266635
Die zwergische Industriemetropole Amboss wird von einer Mordserie erschüttert. Der erfahrene Sucher Garep Schmied, der als ermittelnder Sucher mit der Aufklärung dieser Gewalttaten betraut ist, glaubt nicht an Zufälle und emotionsgeladene Beziehungstaten. Hingegen ist sein heißsporniger Bugeg offenbar sehr darauf fixiert, die scheinbar unabhängig voneinander ausgeführten Bluttaten schnellstmöglich aufzuklären. Zur gleichen Zeit jedoch, entrückt des Zwergischen Bundes in den von Menschen regierten zerrissenen Reichen, versucht der »Großwildjäger« Siris den eigenen Dämonen seiner Vergangenheit zu entfliehen, wird jedoch durch das scheinbare Verschwinden seiner Schwester Arisascha auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und begibt sich auf die hindernisreiche Reise in den Bund der Zwerge. Arisascha ihrerseits scheint sich auf einer geheimnisvollen Mission zu befinden, die sie unter anderem in die Arme der allgemeinen Sucherschaft des Zwergenreiches treibt.
Gleichzeitig erlebt der Leser den Leiböffner (Chirurg), Himek Steinbrecher, der gerade erst seine Stelle in einer Spezialklinik angetreten hat, in der Halblinge und Menschen scheinbar von ihren psychischen Erkrankungen geheilt werden sollen. Hierbei wird er unter die väterlichen Fittiche seines Vorgesetzten und Anstaltsleiter Kolbner geholt, den Himek anfänglich bewundert, bis er jedoch an der Ehrbarkeit von dessen Arbeit zu zweifeln beginnt.
So entführt der Autor Thomas Plischke als Auftakt zu seinem mehrbändigen Zwergenepos den Leser in eine phantastische Welt, in der allein die Entlehnung seiner Figuren aus der tolkienschen Asservatenkammer an dieses erwiesenermaßen große Werk phantastischer Literatur anknüpft und zu erinnern vermag.
Die Zwerge von Amboss sind die Herren der Welt, sie herrschen über ein hochmodernisiertes Reich, welches scheinbar allen Reichen anderer Spezies weit überlegen ist. Die Menschen, deren kleinkarierte Konflikte einen Zusammenschluss unmöglich machen, vegetieren in ständigem Kriegszustand vor sich hin, und die Halblinge (was ist nur aus den guten Hobbits geworden) sind einerseits dienstbeflissene Handlanger ihrer »großen« Brüder, den Zwergen, und andererseits auch deren Versuchskaninchen bei der Erprobung noch modernerer Innovationen des allgemeinen, wie auch kriegstechnischen Fortschritts.
Wenn man das zugegebenermaßen in seinem sprachlichen Stil gefällig geschriebene Werk anfängt zu lesen, fühlt man sich alsbald in ein Sammelsurium sciencefiktionaler und phantastischer Literaturzitate katapultiert, die einen ganz schwindelig machen können. So erkennt man nur allzu schnell in dem kolossalen Schmuggler, genannt die Qualle, den Arisascha Hilfe suchend aufsucht und mit ihrem Charme umschmeichelt, dessen altbekannten Counterpart aus Star Wars, Jaba the Hutt.
Doch erlaubt sich der Autor nicht nur diesen Griff in die literarische Trickskiste, indem er sich bei seinen Kollegen so frei bedient, dass man ab und an meinen könnte, es handele sich bei den Zwergen von Amboss nicht um einen ernsthaften Beitrag zur Phantastischen Literatur, sondern eher um eine Persiflage, im Stile von Barry Trotter u.a., sondern Plischke versteigt sich darüber hinaus auch noch dazu, historische Fakten literarisch so aufzubereiten, dass er sie nicht nur dramaturgisch verwenden kann, sondern gar eine hausbackene Sozialkritik im wärmenden Mäntelchen der Unterhaltungsliteratur auf die Menschheit loslassen kann.
So erinnern die Versuche, die der Anstaltsleiter Kolbner in seinen geheimen Labors durchführt doch sehr auffallend an jene, die vor circa 70 Jahren in einem hoch technisierten Land Mitteleuropas, welches nicht Zwergenbund heißt, von rassenfanatischen Wissenschaftlern an ihresgleichen durchgeführt worden sind. Plischke war zumindest noch schriftstellerisch geschickt genug, die Zwerge diese Versuche nicht an ihresgleichen, sondern an Halblingen und Menschen durchführen zu lassen, wobei man hier natürlich boshaft anmerken könnte, dass dies wiederum sehr an die Herrenrassentheorie und die Kategorisierung vom Untermenschendasein der Nationalsozialisten erinnern könnte. Doch mit diesem sehr fragwürdigen »Kunstgriff« in die Historie und dem damit verbundenen Öffnen einer literarischen »Büchse der Pandora« ist es leider noch nicht getan. Auch die derzeit virulenten innenpolitischen Probleme der Bundesrepublik, wie auch der Europäischen Union, finden ihren gebührenden Platz in Plischkes Werk. So steht das Zwergenreich vor massiven wirtschaftlichen Problemen, die von manchen Vertretern des Bundes in menschlicher Stammtischmanier auf die zugewanderten Menschen zurückgeführt werden, die den Zwergen ihre Arbeitsplätze wegzunehmen scheinen. Denen wiederum treten die entschiedenen Vertreter einer sozial verträglichen Integrationspolitik zwergischen Strickmusters entgegen, was ein nicht unerhebliches innenpolitisches Konfliktpotenzial in Amboss und anderen zwergischen Metropolen schürt. Die Probleme, die der Oberste Vorarbeiter des Zwergenreiches politisch zu lösen hat, sind damit jedoch bei weitem nicht erschöpft, denn der Autor kann auf einen wahrlich unerschöpflichen Fundus gegenwartshistorischer Probleme zurückgreifen, die allesamt ihren Eingang in seinen phantastischen Roman glauben finden zu müssen.
Die Literatur, wie auch viele andere Ausdrücke künstlerischen Wirkens, haben von jeher ihre zentrale Aufgabe darin gesehen, auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen und die Menschen hierfür zu sensibilisieren. Das ist auch im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung auf hohem Niveau, weit weg von den Stammtischparolen manch Ewiggestriger. Doch gibt es für eine derartig geäußerte Kritik verschiedene literarische Genres und auch entsprechend in diesen behaftete Fachleute, also Autoren, weshalb gerade die Phantastische Literatur weitgehend hiervon befreit bleiben sollte. Es mag für manchen ein literarischer Kunstgriff sein, die innenpolitischen Probleme der Bundesrepublik am Beispiel von kleinen grobschlächtig wirkenden, bärbeißigen Tunnelgräbern subtil dem Leser unter die Nase zu reiben, aber es wirkt auf mich doch eher lachhaft. Die Gesamtkonzeption von Plischkes Werk leidet für mein Dafürhalten unter seinem Anspruch, nicht allein gut geschriebene Fantasy zu produzieren, sondern darüber hinaus auch noch eine politische Botschaft damit zu tradieren. So sehe ich mit sehr gemischten Gefühlen den Folgebänden entgegen und kann nur hoffen, dass bis dahin so manche Problematik unserer Gegenwart gelöst worden ist, damit sie nicht Einzug hält in die Welt der Zwerge von Amboss.
© Florian Kayser |