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Rezension - Flamme und Harfe

Ruth Nestvold
Flamme und Harfe
Originaltitel: Flame and Harp
Übersetzung: Marie-Luise Bezzenberger

Historischer Fantasy-Roman, Hardcover
Penhaligon (Verlagsgruppe Random House), München, Januar 2009
704 Seiten / 19,95 €
ISBN: 9783764530174

Schon an anderer Stelle, nämlich beim ausführlichen Interview mit der Autorin Ruth Nestvold (www.geisterspiegel.de/background/interviews/Ruth_Nestvold.html) haben wir die Autorin vorgestellt. Ihr Debütroman »Flamme und Harfe«, der am 26. Januar 2009 erschienen ist, handelt in der Grundlage von der alten Sage von Tristan und Isolde – geht aber in der Erzählperspektive und in dem, was noch so passiert, weit darüber hinaus, was man sonst zu dem Thema schon lesen, hören und sehen konnte. Doch zäumen wir das Pferd nicht von hinten auf, sondern widmen uns dem Roman.

Wenn man sich das Interview, das ich mit der Autorin führen durfte, noch einmal vor Augen führt, so kann man viele kleine Handlungsdetails des Buches schon erahnen. Der Roman beginnt in einer Zeit, zu der Irland und Britannien, unterteilt in viele kleine Königreiche, sich nicht gerade wohlgesonnen gegenüberstehen. Der Einfluss römischer Herrschaft hat das Christentum auf die Inseln gebracht, und auch wenn noch viele Einwohner dem alten keltischen Natur-Glauben anhängen, so breitet sich der Lehre Jesu immer weiter aus. Um in diesen unruhigen Zeiten einen kleinen Frieden zu garantieren, soll Yseult, die Schöne, junge Tochter Yseults, der Weisen, mit dem älteren König Marcus verheiratet werden. Aber da ist noch der junge Barde Tandrys, der eines Tages verletzt in Eriu auftaucht, und mit seiner einnehmenden Art und seinen wunderschönen Liedern zu verzaubern weiß. Was Yseult nicht weiß: Tandrys ist in Wirklichkeit Marcus’ Sohn – Drystan! Der hat im Kampf Yseults geliebten Onkel getötet, wurde bei dem Gefecht aber so schwer verletzt, dass nur die Mutter, Yseult, die Weise, seine Verletzungen heilen könnte. Um nicht als Drystan erkannt zu werden, von dem bekannt ist, dass er den Bruder seiner potentiellen Heilerin auf dem Gewissen hat, wählte er die Barden-Verkleidung. Als Yseult, die Schöne, allerdings einen Splitter des Schwertes ihres Onkels in Tandrys’ Körper findet, fliegt die ganze Geschichte auf – viel zu spät, denn das verhängnisvolle Schicksal der »Flamme« (Yseult) und der »Harfe« (Drystan) hat schon seinen Lauf genommen. Ein Trank, der eigentlich Yseults friedensichernde Vernunft-Ehe mit Marcus für beide erträglich machen sollte, bindet die beiden in unsterblicher Liebe aneinander. Vertrieben von seiner Geliebten, die dann auch noch ein Kind von ihm unterm Herzen trägt, stürzt sich Drystan zusammen mit dem Briten-König Arthur (ja, DER Arthur!) in die Schlacht gegen die Sachsen. Doch auch Jahre später, Yseult ist inzwischen aufopfernde Mutter und Drystan verheiratet mit einer Frau, die er nicht liebt, können die beiden nicht voneinander lassen. Yseult ist inzwischen tatsächlich mit Marcus verheiratet, doch die beiden sind oft getrennt voneinander unterwegs. Marcus denkt, das Kind sei von ihm – nicht von seinem Sohn. Die geheime Affäre wird von der Base Yseults, Brangwyn, und dem Kampfgefährten Dystans, Kurvenal, gedeckt, die unterdessen selbst eine zarte Zuneigung zueinander entwickeln. Als Marcus verdächtig oft mit einigen anderen zwielichtigen Königen Treffen abhält und einer seiner Getreuen Yseult und Drystan auf die Schliche kommt, scheint ein tragisches Unglück unvermeidlich ...

Was soll man von einem knapp 700seitigen historischen Fantasy-Epos halten, für das der Verfasser dieser Zeilen – mit großen Pausen – über ein halbes Jahr an Lesezeit benötigt hat? Böse Zungen würden behaupten, der Roman müsse dann überaus langweilig sein und nicht zum Weiterlesen animieren. Dass der Text langatmig formuliert und im Stil und Sprache nicht angenehm sein müsste. Alles logische Rückschlüsse – aber eben falsch.
»Flamme und Harfe« ist ein hochgradig reichhaltiges Epos. Und der Begriff »Epos« ist hier sicher angebracht, denn auf den 700 nicht groß bedruckten Seiten entfaltet sich eine ganze Welt, deren Wurzeln so unverkennbar historisch sind, dass man sich wundert, wie man den Roman überhaupt noch in die Fantasy einordnen kann. Schließlich findet sich auch in der obigen Zusammenfassung der Handlung nichts, was auf Magie oder Ähnliches schließen lässt. Doch dazu später.

Ruth Nestvolds Erstling ist eines der ambitioniertesten Bücher, die ich je gelesen habe. Der Detailreichtum der von ihr geschaffenen Welt, ihre Einbeziehung des historischen Kontextes, vor allem in Hinblick auf die politischen Gegebenheiten und den Kulturenkampf Christentum gegen keltischen Glauben, ist wunderbar gelungen und nur an wenigen Stellen etwas zu trocken geraten. Dennoch gibt es hier keine seitenlangen Geschichtsabhandlungen zu lesen, sondern immer in den Erzählkontext der Story eingearbeitete erklärende Absätze. Nestvolds unermüdliche Recherche der Geschichte Irlands und gute Kenntnisse der keltischen Kultur dringen aus jedem dieser Sätze.
Episch wird der Roman auch durch den abgedeckten Zeitraum mehrerer Jahre, die hier geschildert werden. Es ist nicht nur die unmittelbare Handlung, die die Geschichte vorantreibt, sondern auch das Stilmittel, längere Abschnitte in Briefen zwischen den Liebenden zu überbrücken, bis wieder etwas Relevantes vonstatten geht.
Auch wenn die Geschichte von Tristan und Isolde ein Klassiker der Liebesgeschichten ist, so wählt Ruth Nestvold an einigen Stellen andere Wege, um etwas Neues zu präsentieren. Sei es das entstandene Kind der Affäre, das zu einem anderen Ende des Ganzen führt, oder dass Marcus hier der Vater Tristans ist. Auf die Verknüpfung mit der Artus-Sage ist hier zu nennen, durch welche der Roman noch ein ums andere Mal sehr gewinnt.

Wieso braucht der Rezensent dann bitteschön geschlagene sieben Monate (Vorab-Ausgabe als Leseexemplar, Nov. 2008 bis Mai 2009), um das Buch zu lesen? An dieser Stelle kommen dann doch der Schreibstil und die Erzählweise der Geschichte ins Spiel. Ruth Nestvolds Sprache ist äußerst üppig und satt. Jedes Kapitel ist ein Festmahl an Ausdruck und sprachlicher Anmut, sehr reichhaltig in der Wortwahl und manchmal auch sehr gemächlich im Tonfall. Da ist dann für einen Leser, der sonst eher glatte Sätze, die die Handlung vorantreiben, gewohnt ist, jeder Absatz ein bisschen betäubend, jedes Kapitel wie ein reichhaltiges Essen, nachdem man einfach voll ist und erst einmal nicht mehr kann.
Ist das etwas Schlechtes? Nein, ganz im Gegenteil, denn dieser Stil passt so wunderbar zu »Tristan und Isolde«, dass man zufrieden nach ein paar Seiten das Buch zuklappen und sagen kann: Das war schön! Aber es ist halt kein Text, den man an einigen Abenden einfach so durchlesen kann, sondern einer, der sich setzen muss und auch genau so wirken will (vermute ich mal).
Dazu ist der Roman nicht immer ganz stringent erzählt. Viele Nebenhandlungen und Details lassen den Umfang anwachsen, manchmal sind einige Szenen vielleicht etwas zu breit angelegt und treten inhaltlich über einige Seiten auf der Stelle, aber niemals so lange, dass es für den Leser frustrierend wird. Auch die prägnanten Szenen der ursprünglichen Sage werden eher kurz und knapp abgehandelt – getreu dem Motto: Der Weg ist das Ziel. Dennoch hätte eine Straffung des Textes um vielleicht hundert Seiten dem Roman nicht unbedingt geschadet. Wer sich allerdings auf ein 600seitiges Buch einlässt, der wird sich auch bei 700 Seiten nicht großartig beschweren wollen. Dennoch sind 700 einigermaßen eng bedruckte Seiten überdies keine Masse an Worten, die sich – zumal wie gerade erwähnt formuliert – ohne Weiteres weglesen lassen. Daher die lange Lesezeit – und die späte Rezension.

Und wo ist die Magie, das fantastische Element, dass Penhaligon als All-Age-Fantasy-Verlag darauf brachte, den Roman - sogar als deutsche Erstveröffentlichung, da der Roman im englischen Original noch nicht verlegt wurde - zu veröffentlichen? Fein dosiert, wie auch schon im Interview angesprochen, webt Ruth Nestvold die Ideen des alten Glaubens an das »zweite Gesicht« in den Roman ein – in Form von besonderen Fähigkeiten der Frauen aus Eriu. Yseult zum Beispiel kann Menschen »rufen«, sie mental anlocken sozusagen. Brangwyn, ihre Base, verfügt über eine Fähigkeit, die anderen Menschen Illusionen schicken kann. So kann sie sich selbst als jemand anderes erscheinen lassen, oder – zusammengewirkt mit anderen magischen Kräften – dafür sorgen, dass ein sich näherndes Heer vom Feind nicht entdeckt wird. Diese Fantasy-Elemente sind allerdings im Gesamtbild des Romans verschwindend gering und erscheinen an einigen Stellen ein wenig bemüht, um die Handlung aufzulockern. Nötig wären diese Elemente eigentlich nicht gewesen. »Flamme und Harfe« hätte als reiner historischer Liebes- und Abenteuerroman nicht schlechter dagestanden.

Denn »Flamme und Harfe« tropft jetzt nicht nur vor Schmalz, wie es das einigermaßen schwülstige Titelbild vermuten lässt. Vielmehr ist die Perspektive Yseults, aus der der Roman oft erzählt wird, eine sehr feministisch-selbstbestimmte. Ihre Mutter lässt sich zum Beispiel nach traditionellem Eriu-Recht scheiden, alle Frauenfiguren sind sehr stark, teils kämpferisch und auf sich selbst besonnen dargestellt, was eine willkommene Art und Weise ist, das sonst etwas rückständige Bild der zu beschützenden Mittelalter-Frauen zu vermeiden, ja, geradezu zu korrigieren. Ruth Nestvold beschränkt sich so auch nicht auf peinlichen Blümchen-Sex, wenn es zur Sache geht, sondern weiß heißblütige Leidenschaft anschaulich in Szene zu setzen – was angesichts der Geschichte nur angebracht ist.
Aber auch der männliche Leser, der an sich vielleicht mit historischen Romanen sonst nicht so viel am Hut hat und die Abwechslung zu der auch von Drystans Seite sehr gelungen erzählten Liebe zu Yseult sucht, wird vor allem in der zweiten Hälfte des Romans durch politische Intrigen und anschauliche Schlachten mehr als entschädigt. Hier wird das Buch zum spannenden Abenteuerroman, mit Kampf Mann gegen Mann, Schwert gegen Schwert. Auch wenn die Autorin sich mit diesen Szenen beim Schreiben besonders schwer tut, wie sie im Interview verriet, sind diese auch besonders gelungen und geben dem Roman, zusammen mit der gesamten Einbettung in die Artus-Sage, einen ganz besonderen Touch.

Fazit:
Ruth Nestvolds Debüt »Flamme und Harfe« ist ein gelungenes historisches Epos, das mit den bekannten Motiven der »Tristan und Isolde«-Sage spielt und sie erweitert, eine andere, frische Perspektive wählt und darüber hinaus historisch gut recherchiert besonders reichhaltig wirkt. Das fantastische Element ist dabei zu vernachlässigen, die Einbettung in die Artus-Sage spannungs- und schlachtenfördernd, sodass eine abwechslungsreiche Mixtur aus Liebes- und Abenteuerroman entsteht. Der reichhaltige Fundus an Figuren und Spielorten wird durch ein fast zwingend erforderliches Glossar und eine Landkarte unterstützt. Dabei wird auch auf die vielen keltischen Begriffe im Text eingegangen, die Nicht-Kenner der keltischen Kultur doch, vor allem in den ersten Kapiteln, vor eine Herausforderung stellen.
»Flamme und Harfe« ist dabei ein sprachlich sehr üppiger Roman, der dem Leser einiges an Bereitschaft, sich darauf einzulassen, abfordert. Lässt man sich allerdings darauf ein, wird die Geschichte einen über einen längeren Zeitraum begleiten und in ihren Bann ziehen.
Freuen wir uns also auf die Fortsetzung, an der Ruth Nestvold zurzeit arbeitet ...

Bewertung:



© Sascha Vennemann

 

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