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Rezension - Drachentotem

Aner Cui
Drachentotem

Fantasy, Hardcover
Ueberreuter, Wien, September 2009
432 Seiten / 16,95 €
ISBN: 9783800055036

Einst schuf der große Pangu das Universum, und in ihm den Planeten Xiaer. Doch Chiyou, der Urvater des Bösen und Gegenspieler Pangus, versuchte dessen Schöpfung zu zerstören und versammelte Hunderttausende von Kämpfern um sich. Pangu und sein Heer konnten die böse Macht zurückdrängen, und Chiyou fiel nach der finalen Schlacht in einen tiefen Schlaf, aus dem er nicht mehr erwachte. Bis heute ...

Die Geschichte von Pangu und Chiyou ist fast nur noch Legende, als Shaodian geboren wird. Der Junge stellt sich als etwas Besonderes heraus, und nachdem ihn ein Weiser unbekannter Herkunft auf einem Phönix aus seiner Heimatstadt Ruiwen mitgenommen hatte und ihn erst als 17-jährigen Jugendlichen wieder zurückbringt, ist den Menschen der Pangu-Sippe klar: Shaodian, der ab nun die Drachenperle als Zeichen eines Weisen seiner Sippe trägt, muss von königlichem Geschlecht sein. Das kommt König Dayu gerade recht, denn der Herrscher des Dayu-Reiches hat mit Schrecken vernommen, dass der dunkle Gott Chiyou wieder im Begriff ist, aufzuwachen! Schon finden die ersten Kämpfe statt, ein Krieg zwischen den guten und den bösen Mächten entbrennt, bei denen Zehntausende in den ersten Schlachten den Tod finden. Doch es gibt Hoffnung. Pangu, der nach seinem Tod zum Neun-Länder-Drachen, dem großen Drachen des Ostens wurde, soll mit den Vorfahren der Pangu-Menschen einst in ein anderes Land gezogen sein. Nicht nur geographisch, sondern auch in einer anderen Zeit gelegen sei die neue Heimat der Nachfahren des Drachen.
Shaodian schart neue Gefährten um sich: den 10.000 Jahre alten Weisen Bors, den ehrenvollen Zauberer-Dieb Het, den jungen Krieger Babuduo sowie das Geschwisterpaar Anta und Maihan, die beiden Kinder von König Dayu. Anta und Shaodian verlieben sich untersterblich ineinander, aber auch das hilft ihnen bei der beschwerlichen Reise und der Suche nach dem Großen Drachen des Ostens nicht.
Mit einem großen Heer brechen die Gefährten auf – und werden bereits am Übergangspunkt zur anderen Zeitepoche, der Pagode der Erdgeister, angegriffen. Mit Mühe und Not entkommen die Freunde, nur um sich in Xiaers erster Epoche, der anderen Zeitlinie, wiederzufinden. Über das endlose Jingwei-Meer mit seinen gefährlichen Inseln voller Fallen, und über das Land der mit Chiyou verbündeten Sippe der Gonggongs, gelangen sie an das Ende des Goldenen Kontinents, wo sie die anderen Pangu-Menschen und den Großen Drachen vermuten. Hilfe bekommen sie dabei unter anderem von den Wichten von der Pfirsichquelle und einem Menschen aus dem Schneeland, die Shaodian vor allem an der Drachenperle als Auserwählten erkennen und ihn als Führer akzeptieren. Wird es dem jungen Mann gelingen, die Bedrohung für alle Völker des Guten abzuwenden und mithilfe der Drachen Chiyou und die Gonggongs zu besiegen ...?

Die Inhaltsangabe macht es schon klar: Was dem Leser hier geboten wird, ist alles andere als einfache Kost. Aner Cui, 1985 in Guangdong, China, geboren, hat den 2009 erstmals vergebenen Wolfgang-Hohlbein-Preis China mit seinem Debütroman „Drachentotem“ gewonnen. Fernöstliche Fantasy – kann das auf dem deutschsprachigen Markt funktionieren?
Man muss es offen sagen: Das ist ein wirklich schwieriges Unterfangen, wenn „Drachentotem“ ein typisches – und gelungenes – Beispiel dafür sein soll.
Zwar orientiert sich die Handlung – so kompliziert und angereichert sie in der Inhaltsangabe klingen mag – sehr an asiatischen Motiven: Da ist vor allem die Zersplitterung in verschiedene Reiche und die Verehrung der Drachen zu nennen. Dennoch erleben Shaodian und seine Gefährten nichts anderes als eine klassische Quest, wie sie der Fantasy-Leser in jedem zweiten Roman dieses Genres aufgetischt bekommt. Aner Cui „würzt“ diese Grundgeschichte mit für westliches Empfinden ordentlich seltsamen Gestalten und Figuren, und scheut sich auch nicht davor, mit verschiedenen Zeitebenen und größenwahnsinnigen Zahlen um sich zu werfen. Da können Charaktere schon mal 10.000 Jahre alt sein, ein Heer bis zu einer Million Soldaten umfassen, ein Krieg und eine Umsiedlung mehrere Milliarden Jahre her sein. Doch die Struktur dieser bekannten Handlung von Fantasy-Romanen bleibt erhalten – was dem Leser sehr entgegen kommt, kann er sich so doch im Wust exotischer Bezeichnungen und Namen von Figuren und Ländern einigermaßen orientieren. Gerade die Variationen dieser Grundidee, in ihrer Mixtur mit fernöstlichen Motiven, die riesigen Größen- und Mengenverhältnisse, machen es dem Leser nicht einfach, aufmerksam und interessiert zu bleiben. Wenn ein millionenstarkes Heer in die Schlacht zieht, bei dem 81 mehrere Hundert Meter große Riesengeneräle – alles Brüder eines erneut erwachten dunklen Gottes – durch die Ländereien stapfen und alles dem Erdboden gleichmachen, denkt man schnell an „Godzilla“ und Konsorten – und spricht dem Text seine Ernsthaftigkeit ab.

Problematisch ist auch der Erzählstil von „Drachentotem“. Die Übersetzung aus dem Chinesischen stelle ich mir an sich schon äußerst kompliziert vor, noch dazu, wenn sich die Logik und die dahinterstehende Philosophie des Romans für einen westlichen Menschen in der Übersetzung nicht hundertprozentig erschließen lassen. Aner Cuis Sprache klingt hölzern, Dialoge und deren Inhalte wiederholen sich ständig, und wenn es nach zwei Dritteln des Buches immer noch heißt: „Der böse Gott erwacht bald!“, wird dadurch die Bedrohung nicht greifbarer. Möglicherweise ist es dem typischen chinesischen Erzählstil geschuldet, dass alles in etwa so klingt, als würde ein Großvater, mit verteilten Rollen in verschiedenen Tonlagen gesprochen, seinen Enkeln ein Märchen oder eine Sage erzählen. Vielleicht ist auch das eine Stärke des Romans, die ihn von anderen Fantasy-Romanen wohltuend abhebt. Sie verlangt dem Leser allerdings einiges an Bereitschaft ab, sich auf einen Text wie diesen einzulassen, konzentriert mitzudenken, aktiv zu versuchen zu verstehen, was vor sich geht. Entspannend ist die Lektüre von „Drachentotem“ nicht, sondern teilweise ein hartes – wenn auch überaus interessantes – Stück Arbeit.

Der Gesamteindruck von „Drachentotem“ bleibt zwiespältig. Da ist einerseits die Faszination, in die herrlich exotische Welt von Aner Cui einzutauchen und sich von den ungewohnten Bildern und Ideen bezaubern zu lassen. Andererseits stehen die Investition von Geduld beim Verstehen und die Anpassung des Lesens an den gewöhnungsbedürftigen Schreibstil in keinem Verhältnis zum Inhalt. Viele Leser werden daher das Buch enttäuscht nach wenigen Seiten oder Kapiteln zur Seite legen. Daran kann auch die Adelung durch den „Wolfgang-Hohlbein-Preis China“ nicht viel ändern.

Kurios im Übrigen: Das Cover auf der Internetseite des Ueberreuter-Verlags hat die beiden Namensteile des Autors andersherum angeordnet. Welche Schreibweise die richtige ist (in Asien steht oft der Familienname anstatt des Vornamens an erster Stelle), bleibt offen. Außerdem ist das Buch nur 432 Seiten lang – anstatt der offiziell angegebenen 512 Seiten.

Bewertung:



© Sascha Vennemann

 

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