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Rezension - Die Schwarze Kirche

Daniel Stenmans / Michael Hübbeker
Die Schwarze Kirche

Interaktiver Fantasy-Horror-Roman, Hardcover
Ueberreuter, Wien, Juli 2009
160 Seiten / 9,95 €
ISBN: 978-3-8000-5367-4

Interaktives Fantasy-Horror-Hörbuch (3 CDs)
Gesprochen von Manfred Lehmann (deutsche Stimme von Bruce Willis)
Ueberreuter, Wien, Juli 2009
Ca. 230 Minuten Spielzeit / 14,95 Euro
ISBN: 978-3-8000-8035-9

Vergleich zwischen den beiden Versionen:
»Interaktiver Roman« und »Interaktives Hörspiel«

Im Januar 2009 legten die beiden Autoren Daniel Stenmans und Michael Hübbeker mit »Die Femeiche« ihren ersten interaktiven Roman und das dazugehörige Hörbuch vor. Eine Rezension zu den beiden Veröffentlichungen, die beim österreichischen Ueberreuter-Verlag erschienen sind, gibt es ebenfalls hier beim Geisterspiegel zu lesen:
http://www.geisterspiegel.de/background/rezis/sonstige_fantasy_HC/die_femeiche.html
Die Geschichte um einen jungen Mann, der im Münsterland auf ein düsteres Geheimnis stößt, lief so erfolgreich, dass der Roman nun schon in der zweiten Auflage erscheint. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis das Schreiber-Duo einen Nachfolger für »Die Femeiche« in Angriff nahm. Ihre erneuten Bemühungen, die Leser auf eine wahnwitzige und stets gefährliche Reise mitzunehmen, bei der sie selber bestimmen können, wie die Geschichte ausgeht, ist nun erhältlich: »Die Schwarze Kirche« folgt demselben Prinzip der Entscheidungsfindung, wie man sie aus so genannten »Soloabenteuern« oder »Abenteuer-Spielbüchern« kennt: An bestimmten Punkten der Handlung kann man entscheiden, wie es weitergehen soll. Je nach Wunsch wird dann die Handlung bei einem anderen Kapitel oder einem anderen Absatz weitergeführt. So bastelt man sich aus vielen kleinen Versatzstücken seinen eigenen Roman mit selbstbestimmter Handlung zusammen.

Auch hier gibt es – wie schon bei der »Femeiche« – die Entsprechung als interaktives Hörbuch bzw. inszenierte Lesung. Wieder gibt es drei größere Unterkapitel im Roman, die jeweils einer CD von dreien insgesamt entspricht. Hier hat man am Ende der jeweiligen Tracks die Möglichkeit, mit dem Auswählen eines Folgekapitels die Handlung zu beeinflussen.

Formal gilt ausnahmslos, was auch schon für »Die Femeiche« galt. Das Buch hat ca. 150 Seiten, die Hörspielfassung hat mit 230 Minuten Länge diesmal etwa eine halbe Stunde mehr Audio-Material als der Vorgänger. Je nach Handlungsverlauf ergeben sich so, für jeweils einen Durchlauf einer Variante der Geschichte, ca. 90 – 100 Minuten Spielzeit und etwa 80 – 100 Seiten zu lesen. Inhaltlich sind die drei großen Kapitel so aufgebaut, dass sie immer gleich beginnen und immer gleich enden (nimmt man die Stellen, an denen der Hauptcharakter sterben kann, einmal aus), dazwischen gibt es verschiedenartige Varianten, wie die Geschichte verläuft.

Teil 1: Der Vater

Dein Name ist Sebastian Regnier, und du bist Priester. Nach dem Tod deiner Schwester ist für dich eine Welt zusammengebrochen. Wie kann Gott dir das nur antun? Das fragst du auch in harten Worten deine Gemeinde, und das hat dir die Strafversetzung in das 100-Seelen-Dorf Rennes-le-Château eingebracht. Hier sollst du zu dir selbst und zu deinem Glauben zurückfinden. Ein Einheimischer hat dir eine Karte gemalt, wie du über sandige Bergstraßen zu deinem neuen Zuhause in den französischen Pyrenäen kommst. Doch plötzlich gabelt sich der Weg, die Nebenstraße ist aber nicht in der behelfsmäßigen Karte eingezeichnet. Was willst du jetzt tun? Gehst du nach links oder nach rechts? Und wenn sich dir seltsame Gestalten in den Weg stellen, trittst du ihnen entgegen – oder kehrst du um, um einen anderen Weg einzuschlagen?

Anders als bei »Die Femeiche« macht das erste Kapitel dem Leser und Hörer gleich ordentlich Druck: Nur eine falsche Entscheidung – und das Abenteuer ist gleich schon wieder vorbei. Dabei zieht dieses Kapitel – das auch gleich das gelungenste der insgesamt drei Unterabschnitte der Geschichte ist, und sogar eine gewisse Pointe mit sprachlichem Reiz hat – seine Faszination hauptsächlich aus den surrealen Begegnungen, die dem jungen Priester auf seinem Weg zur »schwarzen Kirche« bevorstehen. Anders als im Vorgänger ist es nicht Nacht, sondern die Sonne brennt heiß vom Himmel. Außer der wüsten Landschaft, die ja an sich noch nicht bedrohlich ist, bleibt den Autoren aber auch nicht viel anderes übrig, um Spannung zu erzeugen. Dennoch sind die hier zu wählenden Varianten, gerade dadurch, das man hier oft sterben kann, einigermaßen ansprechend variabel. Sehr schön ist auch die spätere Sequenz, bei der man sich schon im Dorf befindet. Die beiden verschiedenartigen Erlebnisse, die man sich erholend im Bett liegend, erleben kann, und die Situation, die einen in diese Lage führt, sind die Highlights des ganzen Romans und dieses Kapitels insbesondere.

Teil 2: Der Sohn

Du bist mit Mühe und Not im Dorf angekommen. Du hast jetzt mehrere Möglichkeiten: Entweder du ruhst dich weiter aus und läufst damit Gefahr, dich in grässlichen Albträumen zu verlieren. Oder du stehst auf und stellst dich den Gefahren und den Versuchungen, die dieses kleine Dorf für dich bereithält. Wie immer du dich auch entscheidest, schlussendlich wirst du deine neue Gemeinde erkunden. Und was du da erlebst, entweder im Restaurant, in der Bibliothek, der Metzgerei oder im Buchladen, das wird dir den Atem rauben und dich an deinem Verstand zweifeln lassen ...

Der zweite Teil des Romans, »Der Sohn«, baut inhaltlich nach dem noch gelungenen ersten Kapitel deutlich ab. Nicht nur, dass man wieder einmal vor die Wahl gestellt wird, liegen zu bleiben und zu schlafen, oder aufzustehen, was schon in Kapitel 1 behandelt worden ist. Nein, auch im späteren Verlauf der Geschichte sind in der Handlung nur die Spielorte und die Personen ausgetauscht – was passiert, ist immer gleich! Hier werden vier verschiedene Möglichkeiten, die Geschichte zu erleben, suggeriert. Diese Wahlmöglichkeiten sind aber beinahe deckungsgleich. Zu gleich, um die angepriesene »Interaktivität« befriedigend auszunutzen. Kapitel 2 krankt an jeder Menge verschenktem Potenzial.

Teil 3: Der Heilige Geist

Ziehst du weiter durch das Dorf, das langsam in Gewalt und Chaos versinkt? Schaust du dir weitere Abgründe der menschlichen Seele an, bevor du schlussendlich in die Kirche gehst, um dich deinen eigenen Dämonen – oder ist es doch etwas anderes, etwas Greifbareres, das hier sein Unwesen treibt – zu stellen? Welchen Weg durch die Untiefen deiner Unentschlossenheit wirst du wählen? Gehst du in deinen Zweifeln unter, oder rettet dich dein Glauben?

Teil 3 »Der Heilige Geist« beginnt mit einer Weiterführung der inhaltlichen Richtung von Teil 2, bevor er sich - auch in der erzählten Geschichte - mit dem Finale in der schwarzen Kirche absetzen kann. Die Autoren legen an Blut und Gewalt gegenüber dem Vorgängerkapitel noch mal ordentlich nach – unnötigerweise. Das psychedelische Finale kann mit verschiedenen Wahlmöglichkeiten wieder etwas mehr überzeugen, doch auch hier verläuft die Story wieder zu gleichförmig, zu unausgegoren variiert, um mehrere eigenständige Lösungen zu bieten. Das Ende ist in sich geschlossener als bei der »Femeiche«, aber auch hier bleibt der Protagonist von den Ereignissen fürs Leben gezeichnet als menschliches Wrack zurück. Stenmans und Hübbeker mögen anscheinend keine – noch so kleinen – Happy Ends.

Mit ihrem Erstling »Die Femeiche« haben die beiden Autoren Daniel Stensmans und Michael Hübbeker vieles richtig gemacht: Sie haben ein faszinierendes Szenario entworfen und eine düstere bedrohliche Geschichte mit einem jungen Protagonisten daraus gemacht, der sich in ein uraltes, in sich verzweigtes Geheimnis verstrickt sieht. Das Konzept der Interaktivität ging oftmals sehr gut auf, wirkte aber noch erweiterungs- und ausbaufähig.
»Die Schwarze Kirche« ist dabei ein Schritt in genau die falsche Richtung: nämlich zurück. Die Komplexität der Handlung wird zugunsten von vermehrten Action- und Horrorszenen zurückgefahren, Wahlmöglichkeiten ähneln sich bis auf Namen und Personen vollständig, Grusel wird mit dem Holzhammer durch Gewalt und Brutalität erzwungen, und nicht, wie bei der »Femeiche« durch atmosphärische Beschreibungen erzeugt.
Stenmans und Hübbeker haben sich zu sehr auf das handwerkliche Gerüst beim Erzählen einer interaktiven Geschichte verlassen, das sie für »Die Femeiche« entworfen haben. Es wirkt beinahe ein wenig lieblos, wie die Story um den Priester, der auf der Suche von seinen eigenen und fremden Dämonen heimgesucht wird, zusammengebastelt wurde. »Die Schwarze Kirche« – ein Schnellschuss? Möglicherweise weiß man als normaler Leser und Hörer ja nicht, wie viel Zeit sich die Autoren für den Erstling ließen, und wie viel Zeit man ihnen für den Nachfolger ließ ...

Besonders schade ist die deutlich erkennbare Tendenz, mit billigen Splatter- und Horrorszenarien Grusel erzeugen zu wollen. In dem Roman werden splitternd Knochen gebrochen, aufgeschlitzt, erdrosselt, gemordet, literweise Blut spritzt. In Kapitel 3 kommt dann sogar noch eine versuchte Vergewaltigung vor, die darin gipfelt, dass der Übeltäter vom Opfer entmannt (!) wird! Was sich Autoren und Verlag dabei gedacht haben, eine Altersempfehlung von 14 Jahren (!) auszusprechen, das muss man sich wirklich fragen. Eine Freigabe ab mindestens 16 Jahren ist angebrachter. (Zum Vergleich: Eine ähnliche Szene im Film »Hostel 2«, in dem ein männliches Geschlechtsteil auf solch brutale Weise entfernt wurde, ist in Deutschland geschnitten, der ungekürzte Film indiziert!) Diese Szenen nehmen einen Hauptteil der Handlung, vor allem im zweiten und dritten Kapitel ein. Kein Wunder, dass da auf 150 Seiten kein Platz mehr für eine ansprechende Geschichte übrig bleibt. Das bisschen Rest an Story wird dann aber in noch gleichförmigere Passformen gezwängt, als es nötig wäre. Während im Vorgänger-Roman noch verschiedene Wege zum Ziel führten, beschränkt sich hier Varianz teils nur auf Namens- und Spielortänderung bei anderen Lösungswegen. Dafür lohnt sich das gesamte Konzept eines interaktiven Romans / Hörbuchs nicht.

Die Hörbuchvariante kann die inhaltlichen Schwächen zwar teils mit eindrücklichen, manchmal aber auch zu sehr gewollt platzierten Soundeffekten und orchestralem Soundtrack überdecken, ist aber auch an den falschen Stellen gekürzt. So fehlen viele Teile der im Buch beschriebenen Vorgeschichte des Protagonisten Sebastian Regnier, z. B. die glaubenszweiflerische Predigt des Priesters aufgrund des Selbstmordes seiner Schwester. Hier geht einiges an Charaktertiefe gegenüber der Romanvorlage verloren. Sprecher Manfred Lehmann, Synchronsprecher von u.a. Bruce Willis, macht seine Sache sehr ordentlich, und bemüht sich auch nicht mehr krampfhaft, anderen Charakteren verschiedene Stimmtonlagen zu verpassen, was bei seiner Interpretation der »Femeiche« noch manchmal für ungewollte Komik sorgte. Das ist bei »Die Schwarze Kirche« besser gelöst.

Insgesamt ist »Die Schwarze Kirche« im Vergleich zum Vorgänger »Die Femeiche« die schlechtere interaktive Story aus der Feder von Stenmans und Hübbeker. Wer also das Konzept des interaktiven Buches bzw. Hörbuches einmal antesten will, dem sei geraten, zum gelungeneren und ausgereifteren Erstling zu greifen. Positiv zu erwähnen sei zum Schluss aber wieder einmal der Preis für beide Veröffentlichungen. Trotz des Erfolges des Vorgängers gibt es bei »Die Schwarze Kirche« keine Preiserhöhung, und die knapp 10 Euro für das Hardcover und die knapp 15 Euro für das interaktive Hörbuch auf drei CDs sind angemessen.

Bald soll außerdem die Homepage zum Roman bzw. Hörbuch online gehen. Auf www.dieschwarzekirche.de befindet sich allerdings bis jetzt noch ein Platzhalter – »Coming soon!«

Roman:

Bewertung:



Hörbuch:

Bewertung:



© Sascha Vennemann

 

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