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Rezension - Die Femeiche

Daniel Stenmans / Michael Hübbeker
Die Femeiche

Interaktiver Fantasy-Horror-Roman, Hardcover
Ueberreuter, Wien, Januar 2009
160 Seiten / 9,95 €
ISBN: 9783800053667

Interaktives Fantasy-Horror-Hörbuch
Gesprochen von Manfred Lehmann (deutsche Stimme von Bruce Willis)
Ueberreuter, Wien, Januar 2009
Ca. 200 Minuten Spielzeit / 14,95 Euro
ISBN: 9783800080342

Vergleich zwischen den beiden Versionen:
»Interaktiver Roman« und »Interaktives Hörspiel«

Es ist immer spannend, wenn Verlage, wie in diesem Falle der österreichische Ueberreuter-Verlag, versuchen, die starren Medien Buch und Hörspiel zu sprengen und probieren, aus beidem etwas mehr Interaktivität herauszukitzeln. Ersteres wird schon seit Jahrzehnten in Form von so genannten »Soloabenteuern« oder »Abenteuer-Spielbüchern« gemacht, bei denen der Leser die Möglichkeit hat, sich an bestimmten Punkten der Handlung zu entscheiden, wie es weitergehen soll. Je nach Wunsch wird dann die Handlung bei einem anderen Kapitel oder einem anderen Absatz weitergeführt. So bastelt man sich aus vielen, zum Teil Hunderten von kleinen Versatzstücken seinen eigenen Roman mit selbstbestimmter Handlung zusammen. Um nichts anderes handelt es sich beim Buch »Die Femeiche«, das man so – wie auf dem Umschlag des Hardcovers zu lesen – als »interaktiven Roman« durchaus bezeichnen kann.

Soweit zu der Geschichte in Buchform. Dass man das Ganze auch als interaktives Hörspiel bzw. Hörbuch aufziehen kann, beweist eindrucksvoll die aus drei CDs bestehende Variante des Romans als inszenierte Lesung. Entsprechend der drei größeren Unterkapitel des Romans wird hier auf drei Silberlingen die Geschichte von einem Sprecher erzählt – und man hat am Ende der jeweiligen Tracks die Möglichkeit, mit dem Auswählen eines Folgekapitels die Handlung zu beeinflussen.
Wie sich »Die Femeiche« inhaltlich gestaltet, welche Vor- und Nachteile jeweils Buch und CD haben - und welche Version sich letztendlich als spannender und gelungener herausstellt, darum soll es im Folgenden gehen.

Nehmen wir »Die Femeiche« einmal auseinander. Das etwa 200 Minuten lange Hörspiel und das etwa 150 Seiten starke Buch lassen sich anhand der Kapitel ziemlich genau dritteln. Je nach Handlungsverlauf ergeben sich so, für jeweils einen Durchlauf einer Variante der Geschichte, ca. 90 – 100 Minuten Spielzeit und etwa 80 – 100 Seiten zu lesen. Inhaltlich sind die drei großen Kapitel so aufgebaut, dass sie immer gleich beginnen und immer gleich enden (nimmt man die wenigen Stellen, an denen der Hauptcharakter sterben kann, einmal aus), zwischendrin verzweigen sich die Handlungsstränge allerdings, und man kann sehr verschiedene Abenteuer erleben.

Teil 1: Der Rabe

Dein Name ist Sven Karstens. Nachdem du dich ordentlich mit deiner Freundin Lara gezofft hast, setzt du dich ins Auto und braust, um dich zu beruhigen, erst einmal drauf los, nur weg von der meckernden Partnerin. Auf der B 224 Richtung Dorsten im Münsterland verreckt plötzlich deine Karre. Mitten im Dunklen stehst du am Straßenrand, dein Handy liegt, weil in der Eile und im Ärger vergessen, zuhause bei deiner Freundin. Was willst du jetzt tun? Da gibt es eine Notrufsäule, da könnte man probieren, Hilfe zu bekommen ... Oder willst du loslaufen und im nächsten Dorf nachsehen, ob dir dort jemand behilflich sein kann?

Das ist die Grundszene, mit der »Die Femeiche« startet. Je nachdem, wie man sich als Leser bzw. Hörer entscheidet, erlebt man jetzt – in diesem ersten Teil der Geschichte noch ziemlich gleichförmig – verschiedene Situationen, in denen man sich mit einem unheimlichen Raben herumschlagen muss. Warum scheint dich der Vogel zu verfolgen, egal was du tust oder wohin du gehst? Ist am Ende gar alles nur ein Traum gewesen? Wie auch immer du dich entscheidest: Wenn du diesen Abschnitt überlebst, wirst du von der Straße entkommen sein und das Dorf »Erle« erreichen.

Teil 2: Das Dorf

Da bist du nun, dem Raben entkommen, im Dorf Erle angelangt. Die Straße verzweigt sich, und mit der Entscheidung, wohin du gehen möchtest, verzweigen sich auch die Möglichkeiten, vor welche bedrohlichen und unheimlichen Situationen du gestellt wirst. Wird es dich zum Friedhof des Dorfes verschlagen, wo Untote ihr Unwesen treiben? Wirst du vor den Zombies fliehen oder dich verstecken? Oder entscheidest du dich ganz anders, und triffst in der Dorfmitte auf einen seltsamen Brunnen und hast in der Kirche des Ortes eine mehr als gruselige Begegnung mit einer geschnitzten Jesus-Figur? Und was sollen diese ständigen Andeutungen, dass »man es nicht schaffen könnte«? Welchen Weg du auch wählst, er wird dich am Ende zu einer weiteren Begegnung führen – und dich auf den richtigen Weg bringen, warum es gerade in diesem Dorf und in dieser Nacht zu den seltsamen Ereignissen kommt, in die du dich zunehmend verstickt siehst.

Der zweite Teil des Romans, »Das Dorf«, ist inhaltlich das wohl gelungenste Kapitel des Romans. Hier sind die Wahlmöglichkeiten, nicht wie in den beiden anderen Teilen, eher gleichförmig und nur leicht variiert, sondern grundverschieden in dem, was sie erzählen, wo sie spielen und wie sie auf den Hörer und Leser wirken. Zwar ist man auch hier am Ende wieder am vorherbestimmten Ziel angelangt, doch die einzelnen Möglichkeiten es zu erreichen sind hier sehr schön differenziert ausgearbeitet, teils sehr unheimlich gestaltet und äußerst stimmungsvoll. Toll!

Teil 3: Die Femeiche

Du wiegst dich schon in Sicherheit, da du nun Menschen gefunden hast, bei denen du erst einmal unterkommen kannst. Doch auch das ist nicht von Dauer – um zu überleben, musst du weiter in die Nacht! Und auch wenn sich dein Verstand weigert, es zu akzeptieren: Die bist auf einmal nicht mehr im Dorf Erle, wie du es in der düsteren Nacht kennengelernt hast, sondern in finsterer Vergangenheit. Hautnah erlebst du mit, was es mit der Femeiche, diesem über 1500 Jahre alten Baum, auf sich hat, der in der Ortsmitte steht und wie ein dunkles Omen alle Ereignisse hier beeinflussen zu scheint. Die auch als »Ravenseiche« bekannte Eiche soll einst schon den Germanen als Kultstätte gedient haben – und im Mittelalter soll man hier im Femgericht Todesurteile ausgesprochen haben. Doch wie es aussieht, wurden sie hier auch vollstreckt! Wie rettest du dich aus der Situation? Wie bist du überhaupt hier ins Mittelalter gekommen? Und warum sieht die Angeklagte, die heute Nacht noch gehängt werden soll, Lara, deiner Freundin so ähnlich? Was immer auch geschieht: Wenn du deinen Trip in die Vergangenheit überlebst, wird nichts so sein wie zuvor. Diese Nacht ist nicht spurlos an dir vorbeigegangen.

Wie auch schon beim ersten Kapitel sind hier die Wahlmöglichkeiten, die man während der Geschichte hat, nicht so sonderlich verschieden und führen, wie in jedem Kapitel, zu einem vorbestimmten Ende. Dennoch überzeugt die Story des dritten Teils durch seine durchgehend paranoische und bedrohliche Stimmung, eingebettet in die auf der Realität fußenden Berichte den tatsächlich existierenden Baum betreffend. Das Ende lässt den Hörer und Leser allerdings etwas ratlos und verwirrt zurück. Was ist wirklich passiert? War alles nur ein Traum? Aber wenn dem so ist, warum hinterließen die Erlebnisse in der Vergangenheit unübersehbare Spuren, die aber nur der Hauptcharakter wahrzunehmen scheint? Das offene, unklare Ende überschattet den ansonsten guten Eindruck des Romans und Hörbuches.

Der Vergleich - Roman und Hörbuch:

Die beiden Autoren Daniel Stenmans und Michael Hübbeker sind mit ihrem ersten gemeinsamen Werk auf einem guten Weg, dem etwas eingerosteten Markt der interaktiven Medien wieder etwas Leben einzuhauchen. »Die Femeiche« ist dabei insgesamt gesehen zwar wenig komplex und durchschnittlich erzählt, das allerdings gilt uneingeschränkt nur für die Romanfassung. Es macht den Eindruck, als sei die Idee, ein interaktives Hörspiel zu machen, als erstes entstanden und die spätere Buchfassung nur ein nettes Nebenprodukt des kreativen Prozesses gewesen.
Das hat mehrere Gründe. Der geringe Umfang des Romans erklärt sich daraus, dass die Story auf eine überschaubare Anzahl von CDs gepresst werden musste. Die entsprechende Hörbuchvorlage wurde dann wahrscheinlich für die Buchfassung um einige wenige Passagen erweitert, die innerhalb der Kapitel vor allem die inneren Monolog der Hauptfigur Sven Karstens aufstocken – nicht immer zum Vorteil des Textes. Denn da wo das Hörbuch gezwungenermaßen knackig formuliert und kompakt ist, dehnt sich das Kapitel im Roman durch sich teils im Kreis drehende, unnötige oder wiederholende Gedanken. Hätte man sich nur auf das Medium »Buch« beschränkt, wäre eine größere Komplexität vonnöten und möglich gewesen. So haben die drei größeren Kapitel nur eine überschaubare Auswahl an Möglichkeiten, wie sie gestaltet werden können – meistens nicht mehr als zwei oder drei verschiedene Wege, die sich vor allem im ersten und letzten Kapitel zu wenig differenziert darstellen, um als eigenständig und unabhängig betrachtet werden zu können. Dabei schränken weitere Gegebenheiten, wie das immer gleiche Ende der Kapitel, und einzelne Stellen, an denen das Schicksal entscheiden soll, welche Möglichkeit man auswählt, die Interaktivität, sowohl des Hörbuches als auch der Romanfassung ein.

So kommt es dann auch, dass die Hörbuchfassung der »Femeiche« im Grunde die gelungene der beiden erhältlichen Varianten der Geschichte ist. Das relativ kurze Buch, das zwar als schön gestaltetes Hardcover daherkommt, verleitet den Leser zu schnell dazu, auf einen Rutsch alle Möglichkeiten hintereinander weg zu lesen – gerade wegen der fehlenden Komplexität der möglichen Handlungsfäden. Der durchschnittliche Leser wird wohl größtenteils nicht die entsprechend notwendige Geduld aufbringen, die teils gleichen bzw. gleichförmigen Passagen, immer wieder durchzulesen, nur um zu schauen, wie sie sich in Einzelheiten unterscheiden. Das ist bei der Hörbuchfassung sehr viel besser gelöst. Hier verspürt man nach dem Hören einer der Möglichkeiten durchaus das Bedürfnis, später, im Gesamtzusammenhang, noch einmal andere Lösungswege auszuprobieren.
Dazu trägt auch die überaus angenehme Erzählstimme von Manfred Lehmann bei, der mit gewohnter Bruce Willis-Betonung die einzelnen Kapitel vorträgt und dem Hörer am Ende die Auswahlmöglichkeiten der Fortsetzung präsentiert. Der Sprecher stößt allerdings an seine Grenzen, wenn die Handlung es erfordert, verschiedene Personenrollen zu sprechen. Oder anders formuliert: Manfred Lehmann wirkt, wenn er ein kleines Mädchen oder generell weibliche Rollen sprechen soll, eher erheiternd als unheimlich. Lässt man dieses kleine Manko außer Acht, bleiben noch die hervorragenden Soundeffekte und Musikuntermalungen, die vor allem im zweiten Kapitel »Das Dorf« wunderbar für Atmosphäre und Spannung sorgen. Die kommen in der Romanfassung nur selten auf, da hier das Stilmittel, andauernd mit »Du« angeredet zu werden, auf die gesamte Strecke des Buches eher ermüdend wirkt und einzelne gruselige Handlungselemente etwas zu unbeteiligt oder aber übertrieben panisch geschildert werden – was im Gegenzug beim Hörbuch wieder funktioniert.

»Die Femeiche« ist alles in allem ein interessantes Projekt, das letztendlich nur in der Hörbuchfassung gänzlich zu überzeugen weiß. Die leicht gestraffte Handlung, die tolle Erzählstimme, Soundeffekte und Musik erwecken die teils sehr unheimliche Handlung zum Leben, auf eine Art, wie sie die Romanfassung nicht leisten kann. Inwiefern sich die Story dabei auf wahre Begebenheiten bezieht, bleibt allerdings fraglich. Auch wenn man die Geschichte aus der Sicht eines jungen männlichen Erwachsenen miterlebt, sollte sie auch für weibliche Leser und Hörer zugänglich sein, die Altersangabe des Verlages, die »Femeiche« sei ab 14 Jahren geeignet, ist aufgrund der düsteren Atmosphäre angemessen. Sehr positiv zu Buche schlägt der Preis für beide Ausgaben: Knapp 10 Euro für ein zwar recht dünnes Hardcover und nur knapp 15 Euro für das interaktive Hörbuch auf drei CDs sind ein äußerst günstiger und erfreulicher Preis - und ihr Geld wirklich wert.

Das Konzept dieses interaktiven Doppelpacks scheint aufzugehen. Daniel Stenmans und Michael Hübbeker arbeiten zurzeit an einem zweiten Teil zu »Die Femeiche«. Ende Juli 2009 können wir dann in »Die Schwarze Kirche« dem jungen Priester Sebastian Regnier ins französische Dörfchen Rennes-le-Château folgen, wo in einer uralten Kirche eine teuflische Prüfung auf ihn wartet – ebenfalls wieder als interaktiver Roman und Hörbuch!

Das Dorf Erle und die uralte Eiche gibt es übrigens wirklich, wie man auch auf der nett gestalteten Homepage www.diefemeiche.de nachlesen und sehen kann. Die Internetseite wartet außerdem mit einem interessanten Filmfeature zu Hörbuch und Roman auf!

Roman:

Bewertung:

 


Hörbuch:

Bewertung:




© Sascha Vennemann

 

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