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Rezension - Der Kinderdieb

Brom
Der Kinderdieb

Fantasy, Hardcover
PAN Verlag München, Februar 2010
655 Seiten/ 16,95 €
ISBN: 9783426283295

Überall gibt es Kinder, die sich in aussichtslosen Situationen befinden und ihres Lebens leid sind. Da ist ein Mädchen, das von seinem Vater missbraucht wird, oder der Junge, der von seinen Schulkameraden misshandelt wird. Sie und viele andere Kinder haben keine Hoffnung mehr, bis ihnen Peter erscheint. Mit Peter kommt die Hoffnung, denn er verspricht ihnen ein sorgenfreies Leben in seinem magischen Reich Avalon. Einzige Bedingung für den Weg dorthin ist es, dass die Kinder ihm aus freien Stücken folgen müssen. Da die von Peter gezielt auserwählten Kinder in ihrer jetzigen Existenz keinerlei Zukunft sehen, folgen sie ihm nur zu gern. Doch dann fällt Peters Wahl auf den Ausreißer Nick, der ihm zwar bereitwillig folgt, doch von Anfang an viele Fragen stellt. Und Nick erkennt sehr schnell, dass ihm Peter nur die halbe Wahrheit gesagt hat. Schon der Weg nach Avalon ist eine Tortur und dort angekommen muss der Menschenjunge Nick schnell erkennen, dass das magische Reich mehr Gefahren birgt als die Bande Jungen um Marko, die ihn in Brooklyn misshandelt und gequält hat. »Der Kinderdieb« ist eine Neuerzählung der bekannten Geschichte um Peter Pan, eine Geschichte um Lügen, Verrat, Liebe und Freundschaft, in der aber auch Mord und Gewalt eine wesentliche Rolle spielen.

Was veranlasst einen Autor, eine solch bekannte Geschichte wie Peter Pan neu zu erzählen? Dazu muss man vor allem die Nachbemerkung des Autors lesen, sein Interesse an der ursprünglichen Fassung der Geschichte, welche nicht durch diverse Verfilmungen und Verniedlichungen entschärft wurde. Besonders ein Zitat aus dem Originalroman zeigt auf, warum Brom sich für seine Version der Neuerzählung entschieden hat. Es heißt dort, dass die Anzahl der Kinder auf der Insel dadurch variierte, je nachdem, wie viele getötet wurden. Aber besonders bezeichnend ist der Satz, dass Peter die Kinder ausjätete, wenn sie den Eindruck machten, dass sie erwachsen wurden. Genau diese zwei Dinge verarbeitet Brom in seinem Roman »Der Kinderdieb«. Nach einer mir ewig erscheinenden Einführung in die Story, bestimmen diese zwei Dinge die Handlung.
Doch der Reihe nach. In der ersten Hälfte des Buches widmet sich der Autor ausführlich der Einführung in die magische Welt Avalon, er erzählt Peters grausame Geschichte seiner eigenen Kindheit und der Leser begleitet Nick auf seinem Weg in das magische Reich und erlebt dessen Zwiespältigkeit gegenüber anderen und sich selbst mit. Bis zur Hälfte des Buches passiert handlungsmäßig nicht viel, außer eben, dass Nick mit Peter nach Avalon geht und der Leser diese fremde Welt mit seinen Geschöpfen kennenlernt. Ich selbst konnte mich bis dahin nicht wirklich für die Geschichte begeistern. Was mich jedoch immer weiterlesen ließ, war der Schreibstil des Autors. Er schaffte es tatsächlich, die kleinsten Nebensächlichkeiten bildhaft in Worte zu fassen. Zwar gab es dennoch einige Längen in der Erzählung, doch als ich diese bewältigt hatte, wurde ich als Leser für meine Geduld wahrlich belohnt. Denn ab der Mitte des Romans kommt die Handlung richtig in Gang und dann braucht man als Leser starke Nerven. Denn nun geht Brom zum Töten und Ausjäten über. Und das zieht er bis zum bitteren Ende durch. Ohne Wenn und Aber. Und genau das ist es, was den Roman dann unter diesem Aspekt so besonders macht, hat man es in der Fantasy doch oft genug erlebt, dass Protagonisten sterben und dann doch wieder auf der Bildfläche erscheinen.
Brom zeigt sich da so gnadenlos wie James Barrie in der Originalfassung, aufgrund seiner direkten Sprache natürlich noch um ein vielfaches intensiver. Und er lässt nicht zu, dass sich der Leser mit einer der Figuren identifizieren kann, denn Lüge, Verrat und Heuchelei schweben immer über den Handlungsmotiven der Protagonisten. Doch diese verhalten sich ebenso zwiespältig wie sich die magische Welt Avalon dem Leser offenbart. Insbesondere Peter verursachte bei mir als Leser ein Wechselbad der Gefühle. Die Erinnerungen an seine Kindheit ließen mich mitfühlen, doch dann kommt es immer wieder zu Situationen, in denen er so kalt und gefühllos erscheint, dass dieser Begriff ausjäten treffender nicht sein kann. Er lässt sich verehren von »seinen Kindern« und opfert sie im nächsten Augenblick, ohne dabei irgendeine Emotion zu zeigen, eben wir der Gärtner, der das Unkraut jätet, um den erlesenen Pflanzen uneingeschränktes Wachstum zu verleihen. Diese Pflanze ist in diesem Fall die Dame Modron, deren Einfluss Peters Handeln zu bestimmen scheint. Allerdings wäre diese Erklärung für Peters Motive viel zu einfach, erst in der Gänze offenbart sich das Geschick des Autors, die Motivation, die Verstrickungen und auch die Sichtweisen der einzelnen Personen miteinander zu verbinden und diese in einem fulminanten Finale gipfeln zu lassen.

Fazit:
Der bildhafte Erzählstil des Autors lässt eine graue, sterbende Welt in schillernden Farben leuchten, aber erblühen lässt er sie glücklicherweise nicht. Denn Brom orientiert sich an der Originalfassung der Geschichte Peter Pan und bereinigt damit das niedliche Bild dieser literarischen Figur, welches durch Filme und Neuerzählungen für Kinder entstanden ist. Brom zeigt uns die dunklen Seiten Peter Pans und begeisterte mich als Leser durch seine direkte Art, diese Geschichte neu zu erzählen. Ohne Wenn und Aber!

Bewertung:



© Anke Brandt

 

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