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Rezension - Das Königshaus der Monster

Jonathan Barnes
Das Königshaus der Monster

Fantasy, Hardcover
PIPER Verlag München, März 2009
400 Seiten/ 19,95 €
ISBN: 9783492701761

Ein Pakt zwischen Queen Viktoria und dem buchstäblich Bösen in Gestalt des Leviathan fordert, gut 1 ½ Jahrhunderte, nachdem er geschlossen worden war, eingelöst zu werden. Um die Macht für das Haus Windsor zu sichern, hatte die am längsten regierende britische Monarchin die Hauptstadt ihres Imperiums preisgegeben, denn nun fordert der Leviathan Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts die Metropole London als Preis für seine Bemühungen der Queen gegenüber an.
Es gelingt dem britischen Geheimdienst, dem sogenannten »Direktorium«, mit großer Tücke und vielen Opfern den Leviathan zu täuschen, gefangen zu nehmen und in einem sehr ungewöhnlichen Gefängnis unterzubringen. Der Top-Agent, dem als Einzigem dieses versteckte Gefängnis bekannt ist, erleidet in unserer Gegenwart einen Schlaganfall und wird somit zum Spielball dunkler Mächte und jener, die vorgeben, diese aufhalten zu wollen.
Harold Lamb wird unfreiwillig vom Direktorium rekrutiert, das sich zur Aufgabe gemacht hat, den Leviathan daran zu hindern, aus seinem Gefängnis auszubrechen und den Pakt einzulösen. Lamb scheint nicht unbedingt besonders geeignet für diese Aufgabe zu sein, denn der Archivverwaltungsbeamte, dessen spannendste Lebensepisode ein Auftritt als Kinderstar in einer Vorabendserie war, wirkt nicht gerade wie ein Superheld, der die Stadt London vor ihrem sicheren Untergang bewahren könnte. Doch er ist direkt mit den Ereignissen verwoben, denn der Geheimagent, der vor Jahren den Leviathan in eine Falle gelockt hat und der nun mit einem Schlaganfall im Krankenhaus liegt, ist Harold Lambs Großvater.
So wird Harold immer tiefer in den Fall hineingezogen und zum entscheidenden »Zünglein an der Waage«. Er lernt den Chef des geheimnisvollen Direktoriums kennen, der sein Hauptquartier im Londoner Riesenrad eingerichtet hat und sein Dasein in einem Fruchtwassertank fristet, und er macht die wenig erfreuliche Bekanntschaft mit Hawker und Boon. Die beiden Serienkiller, die in polizeidienstlichen Kreisen den Namen »Die Präfekten« führen, sind in einem extrem gesicherten Gefängnis unterhalb der Hauptzentrale der britischen Regierung untergebracht, nämlich der Downing Street 10, und wirken in ihren Schuluniformen doch sehr grotesk, doch sollte man sie deshalb nicht unterschätzen. Von ihnen erhält Harold die ersten Hinweise darauf, dass der Kampf um die Macht bereits im vollen Gange ist und dass das Direktorium nicht annähernd eine Ahnung hat, dass und wer einen Angriff auf die Weltordnung unternimmt. So beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem es um nichts weniger, als den Fortbestand der Welt geht ...

Hat man noch den Debütroman von Jonathan Barnes vor Augen und wundert man sich in Reminiszenz über diesen wohl ungewöhnlichsten Fantasyroman der letzten Jahre, da legt bereits Barnes seinen nächsten Roman vor, der dem ersten in seiner Ungewöhnlichkeit um nichts nachsteht. »Das Königshaus der Monster« kann sich in der Tat mit seinem Vorgängerroman messen. Glaubte man seinerzeit noch, dass ein solcher Roman, so irrwitzig der Plot und die Figuren auch waren, gerade wegen seiner Irrwitzigkeit einmalig gut sei, so wird man von Jonathan Barnes wirklich eines Besseren belehrt, denn er setzt seinen einmaligen Stil fort und scheint ihn in mancherlei Hinsicht gar noch zu perfektionieren.
Sein Spiel mit der Psyche des Lesers ist nicht nur ein stilistisches Mittel, sondern wird zum tragenden Element seiner Erzählungen, denn den Leser zu verwirren, ihn in das Zentrum des Irrsinns zu bringen und an der geistigen Konstitution des Autors zweifeln zu lassen, führt letztendlich über das Stadium des Zweifels an den Figuren hin zum Zweifeln an der eigenen psychischen Belastbarkeit. Oben ist unten und umgekehrt und mehr als einmal muss man sich bei der Lektüre fragen, ist das alles wahr, was ich da lese, das kann man doch nicht so schreiben, das ergibt doch alles keinen Sinn. Doch man kann so etwas schreiben, Barnes kann es jedenfalls und er spielt auf der ganz großen Klaviatur von schriftstellerischen Mitteln und rekurriert hierbei auf die ganz großen Vorbilder, sowohl des eigenen Genres, wie auch anderer Nachbardisziplinen, bis hin zur ganz großen Literatur. Nichts scheint ihm heilig zu sein und doch ehrt er jede Figur, jedes Medium, jedes Genre und jedes Vorbild, an dem er sich orientiert durch die Einmaligkeit der Komposition.
Von den ersten Seiten an zieht er den Leser in seine Welt, die oftmals an ein Gemälde von Salvadore Dali erinnern mag, denn ebenso obskur wirken die Bilder, die Jonathan Barnes im Gehirn des Leser zu evozieren vermag. Es ist nicht allein Fantasy, Horror, Kriminal- oder Agentenroman, es ist schlicht und ergreifend Literatur, die man zu lesen bekommt, und mag mich auch mancher »Reich-Ranicki-Fan« hierfür steinigen, aber Jonathan Barnes hat weit mehr als einen Trivialroman vorgelegt, denn sein »Königshaus der Monster« zeichnet sich sowohl sprachlich, als auch kompositorisch durch literarische Finesse und einen hoch kultivierten Schreibstil aus und kann sich hierdurch, trotz seiner phantastischen Grundthematik, mit den Produkten sogenannter »hoher Literatur« messen. Auf alle Fälle ist es ein sehr lesenswertes Buch.

Bewertung:



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