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Northlanders ISven, der Verräter Text: Brian Wood Zeichnungen: Davide Gianfelice Comic, Softcover mit Klappumschlag Der US-Comic-Verlag Vertigo hat mit seiner Serie »Northlanders« ein Thema in Angriff genommen, das man in der sequenziellen Kunst gerne beackert: klassische Schlachtengemälde aus der Weltgeschichte. Gerne greift man dabei auf Gruppen muskelbepackter Männer zurück, die für Gott und Vaterland – und natürlich für Frauen und die Ehre – eintreten und nur zu gerne gegen ganze Horden von Gegnern ins Feld ziehen. Prominentestes Beispiel – nicht zuletzt wegen der kraftvollen Verfilmung von Zack Snyder – ist da wohl Frank Millers Spartaner-Comic »300«. Und nicht umsonst wird auf der Rückseite der deutschen Ausgabe von »Northlanders« ein Vergleich mit eben diesem Schlachten-Comic angestrebt. Wir befinden uns im Jahr 980 nach Christus. Der Wikinger Sven kehrt nach Jahren des Exils aus dem fernen Konstantinopel in seine Heimat zurück. Auf den nordischen Orkaden-Inseln (Inselgruppe vor der nördlichen Küste Schottlands) hat sich jedoch so einiges geändert: Als Sven sein Erstgeborenenrecht auf die Herrschaft über die Ortschaft Grimness einfordern will, steht er seinem Onkel Gorm gegenüber. Dieser hat alles an sich gerissen, was Sven zustehen würde und gibt sich als kompromissloser Tyrann. Sven ist alleine und hat keine Chance, in das ehemalige Leben zurückzufinden. Wieder einmal – wie schon in seiner Jugend – ist er ein Ausgestoßener, den niemand aus seinem Volk wirklich bei sich haben möchte. Als Kind floh Sven von den Inseln, weil er als Feigling und Verräter an dem kriegerischen Erbe seines Vaters galt. Als Sklave kam er nach Konstantinopel, wo er als Leibwächter eines reichen Kaufmanns zu kämpfen lernte – und auch zu lieben. Die Tochter des Kaufmanns übernahm nach dessen Ermordung, die Sven rächte, die Geschäfte und teilte in einer lockeren Beziehung das Bett mit dem Wikinger. Irgendwann zog es ihn zurück in den Norden. Autor Brian Woods hat, bevor er mit der Vertigo-Comic-Serie »DMZ« viel Aufmerksamkeit erregt hat, für die Videospiel-Schmiede Rockstar Games gearbeitet, und dabei an so klangvollen Titeln wie »Grand Theft Auto« oder »Max Payne« mitgewirkt. Seine Story um den Wikinger Sven ist an vielen Stellen wunderbar gelungen. Die Geschichte um einen Rückkehrer, der nach langer Zeit zurück in die Heimat kommt und sich gegen Widerstände durchsetzen muss, ist an sich noch nicht sonderlich originell, dennoch gewinnt Woods der grundlegenden Geschichte einige faszinierende Facetten ab. Seine Wikinger sind götterfürchtige Männer, deren Kampfesehre an erster Stelle steht. Eine Logik, die dem jungen Sven nie gefallen wollte und die ihn letztendlich dazu trieb, sein Volk zu verlassen. Es ist aber auch eine Logik, die ihm jetzt, da er erwachsen ist, einige Vorteile beim Kampf gegen den herrschsüchtigen Onkel verschafft, der sich unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen von Dämonen verflucht sieht. Psychologische Kriegsführung im Nordmänner-Stil. Woods erzählt dabei Svens Geschichte teils in Rückblenden, teils mit starken Schnitten in der Kontinuität der Erzählung. An einigen Stellen sind die schlaglichtartigen Wechsel etwas zu krass geraten und verwirren den Leser, aber das verliert sich in der Fülle der verschiedenen parallelen Erinnerungen und Erzählungen Svens im Laufe der fast 200-seitigen Geschichte. Dabei ist der Comic sehr ruhig und überwiegend textlastig. An einigen Stellen bekommt man zwar wohldosierte und teils sehr blutige und brutale Actionsequenzen zu sehen, diese nehmen aber nicht, wie man es von anderen Graphic Novels kennen mag, ganzseitige Panels ein, sondern verteilen sich angenehm über die sich in gewohnten Sehgewohnheiten bewegenden Perspektiven gestalteten kleineren Zeichnungen. »Northlanders I – Sven, der Verräter« ist ein toller, inhaltlich ausgewogener und ein Augenschmaus von einem Comic. Lediglich der Aussage auf dem Umschlag, »Northlanders« würde »die Wikinger zeigen, wie sie wirklich waren« (Entertainment Weekly) muss man kritisch gegenüberstehen: Sven ist ein klassischer, übermenschlich starker und unkaputtbarer Held, um dessen Überleben man nie bangt. Und auch sonst nimmt sich die Story die Freiheiten, die sie braucht, um anzusprechen und zu funktionieren. Für mich ist das kein Grund, die großartige Leistung aller Beteiligter an der Schaffung dieses Comics zu schmälern.
© Sascha Vennemann |