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Rezension - Mirror’s Edge

Mirror’s Edge
Zeichnungen: Michael Dow Smith
Text: Rhianna Pratchett


Comic, Softcover mit Faltumschlag
Panini Comics, Nettetal-Kaldenkirchen, Januar 2010
148 Seiten / 16,95 €
ISBN: 9783866079595

Das relativ starre Spielprinzip mancher Ego-Shooter hat dem Genre der aus der »First Person«-Perspektive gespielten Games den Ruf eintöniger und brutaler Killerspiele eingebracht. Dass es auch anders geht, das zeigte Ende 2008 das grafisch auffällige und innovative »Mirror’s Edge«, entwickelt von der Spieleschmiede Digital Illusions CE. Zwar steuert man auch hier die Hauptfigur aus der Ego-Perspektive, vorrangiges Ziel ist es allerdings nicht, möglichst viele Gegner auszuschalten, sondern durch gekonnte Sprünge und akrobatische Aktionen über die Dächer einer futuristischen Stadt zu jagen. Natürlich kommt es dabei auch zu Handgreiflichkeiten mit Gegnern, doch hauptsächlich muss man sich durch den Großstadtdschungel kämpfen, sind schmale Grate und gefährliche Überhänge die wahren Feinde. Neben der ungewöhnlichen Idee, ein Game fast ausschließlich auf Prinzipien des Parkour-Sports aufzubauen, war die äußerst grelle und von großen Flächen geprägte Optik ein Hingucker. Die Beliebtheit bei der Konsolen- und PC-Gemeinde und die grandiose Vorlage spannender Grafiken machte »Mirror’s Edge« zu einem Toppkandidaten für eine Comicadaption. 2009 nahm man sich bei WildStorm des Projektes an und veröffentlichte eine Limited Series mit sechs Heften, die die Vorgeschichte des Games und der Hauptfigur Faith erzählt. Jetzt hat Panini Comics die Hefte zusammengefasst und als Softcover in der deutschen Übersetzung veröffentlicht.

Faith ist ein Runner, einer jener Kuriere, die Informationen an der Seite des allmächtigen Überwachungsstaates vorbeischmuggeln. Die junge Frau lebt über den Dächern von New City, jenem Teil der Stadt, der von Hochhäusern aus Stahl und Glas geprägt ist und in dem es streng bewachte Viertel für die Reichen und Schönen gibt, die sich vom Rest der Gesellschaft bedroht fühlen und sich abschotten. Bei einem ihrer Streifzüge gelangt sie in einen Schlupfwinkel von Mercury, einem der besten Runner und Runner-Trainer der Stadt. Der Mann ist von Faiths Fähigkeiten beeindruckt und bietet ihr einen Job an. Fortan unterweist Mercury Faith in der Kunst des Parkour. Als sie ihrem Kollegen Kreeg aus der Patsche hilft, der auf seiner Tour überfallen wird, bekommt sie dessen Lieferung zu Gesicht: Es sind Fotos von ihrem Vater Abraham Connors. Dieser führte zusammen mit zwei anderen Männern die Bewegung »Libertas« an, eine Gruppierung, die sich gegen den Überwachungsstaat aussprach, dann aber zerschlagen wurde. Am Kampf des Vaters gegen das System ging auch die Familie zugrunde, insbesondere, da Faiths Mutter ein Opfer der Haltung ihres Vaters wurde – sie wurde bei einer Demonstration im Gedränge getötet. Beunruhigt sucht Faith ihre Schwester Kate auf, die inzwischen zum Polizeiapparat der Stadt gehört. Von ihr bekommt sie den Tipp, in einer Kneipe in Old Town, der heruntergekommenen Altstadt, nach ihrem Vater zu fragen. Was sie dort findet, ist aber noch viel mehr. Denn wie es scheint, war Faiths Mutter ein technisches Genie, und ihre bisher im Verborgenen gebliebene Erfindung könnte die Überwachung in New City noch einmal drastisch verschärfen. Das wissen jetzt auch die alten Freunde und Kampfgenossen ihres Vaters ...

Der Comic zu »Mirror’s Edge« schafft es, die Optik und Stimmung des Spiels einzufangen und treffend für das Medium zu adaptieren – und auch noch eigenständig eine Geschichte zu erzählen, die zum Spiel und dem Setting passt. Das gelingt nun wahrlich nicht jeder Comicumsetzung von Videospielen. Die Zeichnungen von Matthew Dow Smith, der u. a. auch schon für Mike Mignolas »Hellboy« zeichnete, sind klar, reduziert und schnörkellos, ebenso wie die blasse Kolorierung, die dem Stil der Vorlage entspricht. In dynamischen Panels wird versucht, die akrobatischen Sprünge und Klettertouren Faiths nachzuempfinden, was zu ein paar schönen Szenen führt, leider aber keinem Vergleich zum Spiel selbst standhält. Dafür sind die schlaglichtartigen Sequenzen dann leider doch zu starr – was aber am Medium selbst liegt, nicht am Stil des Zeichners.
Hervorzuheben ist die sich im Laufe der Handlung herauskristallisierende Geschichte im Hintergrund, die von Autorin Rhianna Pratchett gut ausgearbeitet wurde. Wem der Nachname der Autorin bekannt vorkommen sollte, hat den richtigen Riecher: Rhianna ist die Tochter von »Scheibenwelt«-Erfinder und Fantasy-Autor-Legende Terry Pratchett. Ihr gelingt es, den inhaltlichen Spannungsbogen über die knapp 150 Seiten bis zum – teils überraschenden - Ende zu halten. Erst nach und nach offenbaren sich die Geheimnisse und Geschehnisse aus Faiths Vergangenheit, erfährt der Leser von der teils tragischen Geschichte ihrer Familie und der Stadt. Überhaupt sind New City und Old Town die heimlichen Stars von »Mirror’s Edge«, der Kontrast zwischen aalglattem Hochhausdschungel und verwitterter Altstadt ist durch differenzierte Architektur und Unterschiede der Farbgebung enorm ansprechend gestaltet.

Insgesamt vermittelt »Mirror’s Edge« allerdings eine nicht zu verdrängende Kühle, die sich auch in einer emotionalen Distanz des Betrachters zu den Geschehnissen niederschlägt. Es fällt einem schwer, tatsächlich mit Faith mitzuleiden und die Gefahr, die von dem Überwachungsstaat ausgeht, wirklich zu spüren. Auf beides wird von der Inszenierung her zu wenig Wert gelegt, insbesondere auf den letzten der beiden Aspekte hätte man einen größeren Fokus legen können, um überhaupt auf die Notwendigkeit der Runner in »Mirror’s Edge« Bezug zu nehmen. Trotz dieser kleineren Schwächen ist der Comic absolut gelungen und vor allem wegen der außergewöhnlichen Optik empfehlenswert. Für knapp 17 Euro gibt es da ordentlich Schauwert inklusive obligatorischer und lohnender Cover-Galerie.

Wer jetzt Lust bekommen hat, sich selbst einmal ein Bild von »Mirror’s Edge« zu machen, der kann sich hier den Game-Trailer ansehen und hier in den Comic reinlesen.

Bewertung:



Copyright © 2010 by Sascha Vennemann

 

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