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Rezension - Milo Manara - Werkausgabe Band 1

Milo Manara - Werkausgabe Band 1
Die Reise nach Tulum
Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet
Zeichnungen: Milo Manara
Text: Federico Fellini

Comic, Hardcover mit Schutzumschlag
Panini Comics, Nettetal-Kaldenkirchen, August 2009
180 Seiten / 19,95 € (bis 31.12.2009) bzw. 24,95 € (ab 01.01.2010)
ISBN: 9783866078727

Ein absoluter Altmeister des kunstvollen Comics ist der 1945 geborene italienische Zeichner Milo Manara, der vor allem durch seine Werke mit mehr oder minder erotischem Inhalt bekannt wurde. Der Panini Verlag widmet dem Künstler nun eine aufwändig gestaltete Werkausgabe, deren erster Band die beiden Stories »Die Reise nach Tulum« und »Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet« enthält. Beiden Geschichten zeichnet aus, dass sie eigentlich nicht von Manara selbst, sondern vom Großmeister der Regie Federico Fellini erdacht wurden. Aus den Entwürfen und Skizzen sollten eigentlich irgendwann einmal Filme entstehen, doch dazu kam es leider nie. Stattdessen arbeitete Fellini mit Manara zusammen, fertige Storyboards in Rohfassungen an und lieferte dem Zeichner Text und szenische Vorlagen. Herausgekommen sind zwei höchst anmutige, surreal wirkende, ja, fast hypnotisierende Bildkompositionen, die sich unverkennbar in Fellinis Stil höchst interpretativ gestalten.

Die Reise nach Tulum
Die Cinecittà, die Filmstadt Roms. Helen und Vincenzo sind so etwas wie Reporter und auch Bewunderer des Regisseurs Fellini und suchen ihn in den seltsam überwucherten Kulissen. Märchenhafte Filmgestalten und Bühnenbilder durchqueren sie auf ihrem Weg, bis sie schließlich den Maestro in seinem Regiestuhl dösend an einem See sitzend finden. Ein plötzlicher Windstoß fegt dem Regisseur den Hut vom Kopf. Vincenzo und Helen müssen in den See, die »Piscina« (Effektbecken der Filmstadt) steigen, um die Kopfbedeckung zu angeln. Dabei tauchen sie in die Welt unter der Wasseroberfläche ein und entdecken Wundersames: Auf dem Grund liegen zahlreiche Schiffe und große Passagier-Flugzeuge, die nicht realisierte Filmprojekte von Fellini repräsentieren. In einer dieser Maschinen treffen die beiden auf Snaporaz (eigentlich Schauspieler Marcello Mastroianni, der eine Alter Ego-Figur von Fellini spielt), und nachdem der erwachte Fellini in dem Jumbo-Jet unter Wasser die Rollen verteilt hat, beginnt die Reise nach Tulum - zu einer mystischen alten Aztekenstadt in Mittelamerika. Szenenwechsel: Das Projekt ist in vollem Gange, die Crew in Los Angeles gelandet. Unsere Protagonisten treffen auf den Produzenten des Films und seine lebenslustige Freundin Sibyl. Gemeinsam gehen sie auf eine Pressekonferenz und machen sich am nächsten Tag auf in den mexikanischen Dschungel, wo sie im riesigen Hotel »Babel Tower« erwartet werden. Immer wieder erreichen das Team seltsame Nachrichten, dass ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilt sei. Ein Badeunfall endet beinahe tödlich. Hernandez, das Faktotum des Hotelbesitzers, führt die Männer schließlich in die Kunst des Astralreisens ein ...

Diese Story wurde ursprünglich als Fortsetzungsgeschichte in der Mailänder Tageszeitung »Corriere della Sera« veröffentlicht und erschien auf Deutsch zunächst im Münchner Schreiber & Leser Verlag, danach bei Carlsen. Dort kann man die Geschichte allerdings in einer kolorierten Fassung lesen, was Manara für die Werkausgabe nicht wünschte. Eine gute und weise Entscheidung, denn das grafische Klare im Strich Manaras stellt einen gelungenen Gegensatz zu der verworrenen und surrealen Grundprämisse der geschilderten Ereignisse dar. Detailverliebt bis ins Akribische hält sich Manara an die Vorgaben Fellinis, die traumartigen Passagen des Astralflugs, der Filmstadt und des Mexiko-Dschungels sind auch ohne das man der Handlung folgen kann, eine Augenweide. Mit der Figur der Helen findet man eine subtile Erotik im Comic, Manaras glänzt ebenfalls mit individuell gestalteten Charakteren, deren Körpersprache und Mimik viel zu den vermittelten Emotionen beitragen.

Die vorangestellte mehrseitige Einleitung zu den beiden Comics hilft beim Verstehen der Werke, auftretende Charaktere werden in Kurzbiographien beleuchtet, die Hintergründe zur Schaffung der Comics beschrieben, Lesehilfen geboten. In den anschließenden Entwurf-Anhängen kann man Manaras erstes Storyboard mit dem endgültigen Ergebnis vergleichen – für alle interessierten Zeichner und Autoren ein Paradebeispiel, wie gute Zusammenarbeit auf diesem Gebiet aussehen kann. Als Bonus gibt es den Kurzgeschichten-Comic »Ohne Titel«, der sich in Gestaltung und Inhalt auf Fellinis Arbeiten bezieht und eine Hommage des Zeichners an den Regisseur ist.

Die Reise des G. Mastorna, genannt Fernet
Mastorna, Artist und Musiker, sitzt im Flugzeug und sieht sich einen Laurel und Hardy-Film an. Das Flugzeug muss auf dem Platz vor dem Kölner Dom notlanden. Mit dem Schlitten geht es weiter zu einem Berghotel, in dem es bei Kerzenschein eine Vorstellung einer Bauchtänzerin gibt, an deren Ende sie urplötzlich ein Kind gebiert. Als Mastorna auf sein Zimmer geht, um sich auszuruhen und zu üben, macht er den Fernseher an. Die Nachrichtensprecherin verkündet, dass Mastornas Flugzeug in den Bergen abgestürzt ist ...

Die Geschichte eines Musikers, der bei einem Flugzeugsabsturz stirbt, aus seiner subjektiven Sicht aber weiterlebt, bis er am Ende mit der Wahrheit konfrontiert wird, trifft denselben melancholisch-surrealen, leicht paranoischen Ton, wie »Die Reise nach Tulum«, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie ebenfalls aus der Feder von Federico Fellini stammt. In sanften grau-braun-rot-blau Kolorierungen in der Aquatinta-Technik bleibt das Ursprüngliche Manaras erhalten, macht aber die Zeichnungen mehr zu kleinen Gemälden, als dass sie dem eher grafischen Stil von »Tulum« entsprechen. Alles weitere, was für »Tulum« gilt, kann man für »Mastorna« so übernehmen. Tolle, klare, verträumte Bilder und wunderbare Charaktere. Das anschließende, von Fellini selbst gezeichnete Storyboard illustriert, wie klar die Vision des Regisseurs von seiner Geschichte schon vor den Zeichnungen Manaras war. In der direkten Gegenüberstellung von Manaras Entwürfen und Fellinis Vorgaben wird das besonders sichtbar.

Insgesamt ist der erste Band der Manara-Werkausgabe eine Angelegenheit, die kein Freund gepflegter, kunstvoller Comics unbeachtet lassen sollte. Manara gilt nicht umsonst als Meister seines Faches, und Panini hat mit großformatigen Hardcoverausgaben und qualitativ hochwertigen Bindungen, Druck und Papier eine dem entsprechende Veröffentlichungsform gewählt. Die Werkausgabe ist derzeit auf 15 Bände ausgelegt, die ab sofort nach und nach alle vier Monate erscheinen sollen. Bis Ende des Jahres bekommt man den ca. 180 Seiten umfassenden Band noch für 19,95 Euro, ab 1. Januar 2010 kostet er dann 24,95 Euro. Wer seine Sammlung also nun beginnen möchte, sollte es in den nächsten Wochen tun. Beide Preise sind angesichts des aufwändigen Bonusmaterials und der Qualität der Zeichnungen und Geschichten sowie der Ausgabeform noch als günstig anzusehen.

Zeichnung von Manara und Künstlerfoto mit freundlicher Genehmigung des Panini Verlags.

© Sascha Vennemann

 

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