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Milo Manara – Werkausgabe Band 2Ein indianischer Sommer Zeichnungen: Milo Manara Text: Hugo Pratt Comic, Hardcover mit Schutzumschlag Der Panini Verlag setzt seine Werkausgabe des italienischen Künstlers Milo Manara im zweiten Band mit der von Hugo Pratt geschriebenen Geschichte »Ein indianischer Sommer« fort. Für den 1995 verstorbenen Pratt war dieser Comic zur Zeit seines ersten Erscheinens ein Novum, da sich der berühmte Comic-Autor bis dahin noch nicht mit historischen Texten auseinandergesetzt hatte. Pratt, dessen berühmteste Werke die Adaptionen von Robert Louis Stevensons »Schatzinsel« und vor allem auch »Corto Maltese« sind, hat als Inspiration die Texte des Schriftstellers James Oliver Curwood genutzt. Curwood schrieb Abenteuerromane im Kielwasser von Kipling und Jack London. Zusammen mit Manaras außergewöhnlichem Talent erschien 1983 dieser Indianer-Comic, der schonungslos brutal und aufreizend erotisch zugleich ist. Neuengland, Anfang des 17. Jahrhunderts. Die ersten Siedler haben sich an der Küste der Neuen Welt niedergelassen und befinden sich im ständigen Konflikt mit den Indianern. In den Tagen des Indianersommers, jener Schönwetterperiode, die den Herbst in den Winter übergehen lässt, vergewaltigen zwei junge Männer am Strand eine wehrlose junge Frau. Der eine ist ein Holländer, der andere ein Indianer vom Stamme der Squando. Ein Siedler beobachtet das Ganze und greift ein: Er erschießt die beiden Angreifer und nimmt die verstörte Frau mit nach Hause. Es ist ein einzelnes Haus abseits der Siedlung New Canaan, in dem Mutter Lewis mit ihren vier Kindern wohnt. Die Indianer sinnen auf Rache, und auch der Priester von New Canaan, dessen Nichte die Vergewaltigte ist, will Blut sehen. Während die Lewis sich gegen die angreifenden Krieger verteidigen müssen, offenbart sich langsam das Netz aus Lügen und Geheimnissen, das über New Canaan liegt. Es ist eine Geschichte voller Lust und Verlangen, scheinheiliger religiöser Enthaltsamkeit, Inzest, Abhängig- und Hörigkeit. Der rauen Gewalt des Naturvolkes steht die Doppelmoral der Siedler entgegen. Alles steuert auf eine Katastrophe hin, die viele Leben kosten wird und in der sich die ganze aufgestaute Wut der verzweifelten Situation aller Beteiligten entlädt ... Wieder einmal ist die großformatige Hardcoverausgabe des Comics ein gelungenes Sammlerstück geworden. Die vorangestellten Infos zum Autoren und seinen Inspirationen sind ausreichend, die Graphic Novel mit etwas anderen Augen zu sehen, bereiten den Leser allerdings nicht auf die Härte der nachfolgenden Story vor. Denn was Pratt hier entwickelt, ist ein Zerfetzen der amerikanischen Moralvorstellung über die ersten Siedler, die ja sehr religiös gewesen sein sollen. Seine Siedler und ihre Taten sind schon fast als Religionskritik aufzufassen – zumindest als Protest gegen die Scheinheiligkeit mancher Religionsvertreter, hier repräsentiert durch Reverend Black und Sohn. Da treibt es der Priester mit der eigenen Nichte und dem Hausmädchen (die Mutter der Lewis-Kinder), der Sohn macht gleich mit. Die daraus entstandenen Kinder sind allesamt neben der Spur. Ein nymphomanes Mädchen schläft mit ihren Brüdern und jedem, der ihr über den Weg läuft, der Jüngste provoziert ständig durch Masturbationsgesten. Eine neue Generation steht der vorherigen in nichts nach und setzt das eigene Verderben fort. Geschickt arbeiten Hugo Pratt und Milo Manara auf den Höhepunkt hin, bei dem alle Geheimnisse ans Licht kommen. Aber da ist es auch schon zu spät, denn als das Indianerheer zur Vergeltung angreift, ordnen sich die Verhältnisse neu. Es ist wie ein erlösendes Sommergewitter, das die schwüle und drückende Hitze verschwinden lässt. Dass die Protagonisten da inhaltlich bis ins Groteske überzeichnet ist, stößt dem Leser nur vereinzelt sauer auf. Manaras Zeichnungen sind großartig. Auf vielen Panels ohne jedes Wort fängt er detailreich die Schönheit und Rauheit der Natur Neuenglands ein. Seine Figuren sind dynamisch, seine Frauenportraits strotzen vor teilweise fast perverser Erotik. Blut fließt, Sex und nackte Haut gibt es zuhauf, und die Bilder sind in ihrer Intensität in Verbindung mit den amoralischen Inhalten der Story teils äußerst verstörend. Die sanft gehaltene Farbgebung tritt nur dann in den Vordergrund, wenn sie die Zeichnungen Manaras unterstützt, wirkt niemals aufgesetzt. Die Kampfszenen sind äußerst detailliert und dynamisch, wenn auch in klassischen Perspektiven umgesetzt. Damit überrascht Manara aber nicht, sondern behält einfach sein durchweg hohes Niveau bei. Leider fehlen Bonusseiten wie Entwürfe oder Ähnliches dieses Mal, sie hätten den positiven Eindruck noch verstärkt. Aber wahrscheinlich lag kein solches Material vor oder hätte nicht mehr in den Umfang des Buches gepasst. Alles in allem ist »Ein indianischer Sommer« eine herbe Graphic Novel, deren Inhalt sicher dem ein oder anderen sauer aufstößt, was nicht zuletzt an der zeichnerisch drastischen Umsetzung Manaras liegt. Dennoch ergänzen sich Hugo Pratt und Manara hier fast zur Perfektion. Wer sich darauf einlassen will – und dann auch kann – ist für 25 Euro herzlich eingeladen, es zu probieren. Wer allerdings einen historisch richtig darstellenden und politisch korrekten Comic erwartet, wird hier eindeutig nicht fündig.
© Sascha Vennemann |