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Rezension - Locke & Key - Willkommen in Lovecraft

Locke & Key - Willkommen in Lovecraft
Text: Joe Hill
Zeichnungen: Gabriel Rodriguez

Comic, Softcover mit Klappumschlag
Panini Comics, Nettetal, September 2009
172 Seiten / 16,95 €
ISBN: 9783866078505

Es könnte so ein schöner Tag sein im Mendocino Valley: Familie Locke ist gerade dabei, ihr Wochenendhaus zu renovieren. Das heißt, Vater Locke, der in San Francisco an einer Schule als Vertrauenslehrer arbeitet, ist dabei zu streichen, und die drei Kinder Tyler, Kinsey und Bode streifen auf dem Gelände herum. Ty ist wie immer ein unzufriedener Teenager, der mit seinem Leben nichts anzufangen weiß, nicht weiß, wer oder was er ist oder sein möchte und vor sich hin brütet. Kinsey, die jüngere Teen-Tochter mit den Dreadlocks und den Augenbrauenpiercings, versucht immer und überall als Individualistin aufzutreten. Und der Jüngste der drei, Bode, noch keine zehn Jahre alt, ist so neugierig, wie Kinder in seinem Alter nun einmal sind.
Doch urplötzlich hält das Grauen Einzug in den Alltag der Familie: Als es klopft, stehen Sam Lesser und sein Kumpel Al vor der Tür, beides Schüler von Mr. Locke. Was zuerst nach einem kleinen Höflichkeitsbesuch aussieht, entwickelt sich bald zum Fiasko. Die beiden Schüler sind nämlich nur hergekommen, um Mr. Locke kaltblütig zu erschießen. An diesem Tag wendet sich das Schicksal aller Anwesenden. Während die Mutter krankenhausreif geprügelt wird, können sich die Kinder außerhalb des Hauses verstecken. Kinsey und Bode harren an den Schornstein gedrückt auf dem Dach aus, während Tyler versucht, die Mörder aus dem Haus zu treiben. Was ihm schlussendlich auch gelingt: Während seine Mutter Al mit einer Axt den Kopf spaltet, kann Tyler Sam Lesser überwältigen und prügelt ihn mit einem Backstein halb tot.

Diese Ereignisse liegen wie ein Schatten über der Familie, die nach der Beerdigung, um Abstand zu gewinnen, zum Bruder des Vaters ins Städtchen Lovecraft in Neuengland zieht. Im »Keyhouse«, dem fast unheimlich wirkenden Anwesen dort an der Küste, sind die Gebrüder Locke einst aufgewachsen – und sie wissen um die Besonderheiten und Geheimnisse, die in dem Gebäude stecken, auch wenn sie vieles davon schon wieder vergessen haben. Während Mrs. Locke versucht, ihre bleibenden Verletzungen und seelischen Schäden in Alkohol zu ertränken, plagen die Kinder ihre eigenen Dämonen. Tyler liebäugelt mit Selbstmord, übermannt von Schuldgefühlen wegen der ablehnenden Haltung, die er seinem Vater vor dessen Tod entgegen gebracht hatte. Kinsey wandelt sich von der Rebellin zur Angepassten, nur um erkennen zu müssen, dass Eskapismus nicht vor den Geistern der Vergangenheit schützt. Und Bode hat seinen eigenen Weg gefunden, mit der Situation umzugehen: Er erforscht das Haus, und dabei fällt ihm ein Schlüssel in die Hände, der eine ganz besondere Tür öffnet. Wenn man durch sie hindurchgeht, fällt man auf der Stelle tot um und wird solange zum Geist, bis man durch die Tür zurück ins Haus geht. Und dann ist da noch dieses Wesen, das im Brunnen des Brunnenhauses lebt, und das soviel über Bodes Vater weiß – und das auch Sam Lesser kennt, der im Gefängnis darauf wartet, dass ihn ein unsichtbarer Helfer – wie versprochen – hier rausholt, damit er seine Rache vollenden und seinen Auftrag erfüllen kann ...

Es ist im letzten Jahr nicht oft passiert, dass ich einen zu Ende gelesenen Comic mit offenem Mund zur Seite legen musste, aber bei »Locke & Key« war dies eindeutig der Fall. Autor Joe Hill und Zeichner Gabriel Rodriguez haben eine Geschichte geschaffen, die einen fast hypnotischen Bann ausübt in seiner Schwermut und Melancholie, in seiner Dramatik aus Charaktermomenten und grafisch drastischen Bildern.
2008 bei IDW Publishing auf sechs Hefte verteilt erschienen, fasst »Willkommen in Lovecraft« den ersten großen Story-Arc in einem Band auf 172 Seiten zusammen. Dass dabei ein talentiertes Team zusammengearbeitet hat, sieht man auf den ersten Blick: Joe Hill ist einer von Meistererzähler Stephen Kings Söhnen und hat somit das Talent quasi in die Wiege gelegt bekommen (auch Kings anderer Sohn, Owen King, schreibt). Zahlreiche Auszeichnungen haben die Arbeit des Autoren schon honoriert. Zeichner Rodriguez hat auch schon mit Grusel-Altmeistern wie Clive Barker und George A. Romero an Comics gearbeitet. Soviel geballte Kompetenz zahlt sich aus.
Denn »Willkommen in Lovecraft« bietet beinahe alles, was man sich wünschen kann. Eine Story, die sowohl an blutigen und dynamischen Panels mit schönen Farben und Perspektiven nicht spart, als auch eine anspruchsvolle Storyline, die nicht linear verläuft und verschiedene Erzählebenen und Perspektiven miteinander verbindet. Die sechs Kapitel und Ereignisse werden von verschiedenen Personen erzählt, deren ganz persönlicher Background und die daraus resultierenden Entwicklungen berücksichtig und geschildert werden. Dass dies alles nicht losgelöst vom Hauptplot geschieht und in die Story integriert wird, die im Laufe der Geschichte immer dynamischer und mysteriöser wird, ist ein weiterer Pluspunkt für »Locke & Key«.
Dabei sind die verwendeten Elemente, die für Grusel und Grauen sorgen, allesamt nicht neu. Ein Loser-Bösewicht, dem ein übersinnliches Wesen aus seinem tristen Leben hilft, ist ein oft bemühtes Klischee, auch das Spukhaus mit den magischen Türen hat spätestens seit Neil Gaimans »Coraline« wieder Hochkonjunktur. Durch die sequenzielle und in der Zeit springende Art und Weise der Erzählung, und durch seine unverwechselbaren Charaktere, hebt sich »Locke & Key« aber doch sehr weit von solchen Standards ab, verwebt sie zu etwas Neuem und Spannendem.

Wie viel Rodriguez mit seinen Bildern dazu beiträgt, sieht man nicht zuletzt an der aufwändig gestalteten Fassade des »Keyhouse« (eine Entwurfskizze am Ende des Bandes zeigt, wie detailliert darüber nachgedacht wurde) und den fantastisch in Szene gesetzten Figuren, deren Körpersprache die Handlung konsequent untermalt, und durch die perfekt aufgeteilte Panelverteilung wird die Story optimal und ohne Längen oder zu kurz geratene Passagen umgesetzt. Eine tolle, anspruchsvolle Arbeit!

Zusammen mit einer Artwork-Galerie am Ende des Bandes verlangt Panini wohlverdiente 16,95 Euro für diesen im Softcover mit Klappbroschur erschienenen Comic. Eine Investition, die sich lohnt. Ich freue mich schon auf die weiteren »Locke & Key«-Comics. Bereits im April 2010 soll bei Panini der zweite Band mit dem auf vier Hefte verteilten Nachfolger »Head Games« (auf Deutsch: »Psychospiele«) erscheinen.

Bewertung:



© Sascha Vennemann

 

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