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Rezension - Coraline

Coraline
Nach dem Roman von Neil Gaiman
Adaption und Zeichnungen: P. Craig Russell

Comic, Softcover o. Hardcover
Panini Comics, Nettetal-Kaldenkirchen, Februar 2009
196 Seiten / 19,95 Euro (SC) o. 29,95 Euro (HC)
ISBN: 9783866078192 (SC)

Coraline ist ein sehr neugieriges Mädchen mit einer lebhaften Fantasie. Als sie mit ihren Eltern in eine Wohnung in einem neuen Haus zieht, ist ihr zunächst aber doch ein bisschen langweilig. Ihre Eltern sind da keine große Hilfe – und erst recht keine Spielkameraden. Immer haben sie keine Zeit und müssen vor ihren Computern sitzend arbeiten. Das Haus ist schon ein bisschen älter und war mal früher für eine einzige große Familie gedacht. Doch jetzt ist es in mehrere Wohnungen unterteilt worden – und in denen leben sehr seltsame Gestalten! In der unteren Wohnung hausen die beiden alten Damen Miss Spink und Miss Forcible. Die ehemaligen Schauspielerinnen und ihre Haustiere, die Terrier, sind zwar freundlich, aber gerade deswegen Coraline nicht wirklich geheuer. Außerdem schenken sie ihr seltsame Dinge als Talisman. Und der alte Mann, der die Dachwohnung hat, spricht immer von seinen Mäusen, denen er neue Lieder und Kunststücke beibringen will, sagt aber immer, sie wären noch nicht soweit für eine Aufführung.
Bei einem ihrer Streifzüge durchs Haus entdeckt Coraline eine Tür in ihrer Wohnung, die verschlossen ist. Darauf angesprochen zeigt ihr ihre Mutter, was es damit auf sich hat: Hinter der Tür ist eine Mauer, die die Wohnung von einer anderen trennt. Die Tür ist eine Sackgasse – zunächst. Denn als Coraline später einmal die nun unverschlossene Tür öffnet, befindet sich dahinter ein Gang, der sie in eine andere Welt führt. Sie kommt aus einer identischen Tür in einer identischen Wohnung wieder heraus. Auch ihre Eltern sind hier, allerdings total verändert. Sie haben Zeit für das Mädchen, spielen mit ihr und machen ihr Lieblingsessen. Coraline wähnt sich im Paradies. Aber warum haben die Menschen auf dieser Seite der Tür große schwarze Knöpfe an der Stelle, an der sonst die Augen sind? So schön die Besuche auf dieser Seite der Tür für Coraline auch sind, kann sie sich nicht entschließen, auf Drängen ihrer »anderen Eltern«, ihre Augen gegen die Knöpfe zu tauschen. Und damit beginnt der Albtraum.
Coralines Knopfaugenmutter stellt sich als dürres Etwas heraus, dass gerne mal eine Handvoll Käfer knabbert und unbedingt die Seele des kleinen Mädchens gewinnen will. Und dabei schreckt sie auch nicht davor zurück, Coralines echte Eltern zu kidnappen. Das Mädchen schlägt dem Knopfaugenwesen einen Deal vor: Sie muss ihre Eltern und die Seelen von drei verlorenen Kindern in dieser seltsam wunderbar-bedrohlichen Welt finden, um freizukommen. Andernfalls wird sie für immer auf dieser Seite der Tür bleiben und sich Knopfaugen machen lassen ...

Ich gebe zu, ich bin ein bisschen vorbelastet, was eine Bewertung von »Coraline« als Comic angeht, denn eigentlich finde ich alles, was Bestseller-Autor Neil Gaiman an Geschichten und Comics schafft, zum Niederknien. Seine »Sandman«-Comics sind legendär und ein Dauerbrenner unter den Graphic Novels. Mit »Coraline« schuf der Autor, dessen Romane »American Gods« und »Anansi Boys« zu den verrücktesten und schönsten Stories gehören, die ich je lesen durfte, eine Art modernen Kinderbuchklassiker, der sich sehr erfolgreich weltweit verkaufte. Trotz seiner düsteren Atmosphäre und bedrohlichen Stimmung macht einem die neugierige kleine Coraline als Leser und Betrachter Mut, sich gegen das zu stellen, was einfach nicht richtig sein kann – aber auch, mit dem zufrieden zu sein, was einem gegeben ist. Doch darf man »Coraline«, weder als Roman noch als Comic, auf diese, nennen wir es »moralistische« Dimension beschränken. Die Geschichte mag den ein oder anderen sehr an »Alice im Wunderland« erinnern, und tatsächlich kommt einem gerade der Übertritt in eine andere phantastische Welt, hier nicht durch den Kaninchenbau, sondern durch die eigentliche vermauerte Tür, irgendwie doch bekannt vor. Dennoch ist Coraline eine einzigartige Geschichte, in der das Grauen zwar auch immer einen Schuss Faszination und Reiz enthält, aber trotzdem absolut böse und endgültig tödlich ist. Nicht gerade das, was sonst einen Kinder- und Jugendroman ausmacht. Gerade das ist aber das Erfolgsrezept hinter »Coraline«-Geschichte – sie beschönigt nichts, macht einem klar, dass es die »schöne heile Welt« nicht gibt – oder nur zu einem Preis, der gleichwertig mit der eigenen Identität, der eigenen Seele ist.

Die Comic-Adaption von »Harvey und Eisner Award«-Gewinner P. Craig Russell gehört mit Sicherheit zu den gelungensten Umsetzungen einer literarischen Vorlage, die es aktuell am Markt gibt. Sehr genau hält er sich an die Romanvorlage von Neil Gaiman, dessen erzählerisch meist etwas surreal und sehr grafisch wirkende Story sich geradezu anbietet, sie in Bildern wiederzugeben. Der Detailreichtum und Witz innerhalb der einzelnen Panels ist verblüffend. Ganz besonders gelungen sind die durch die immer verschiedenen Gesichtsausdrücke der Figuren transportierten Emotionen, deren Bandbreite absolut großartig ist. Coraline selbst schaut auf jedem Bild anders. Wo andere Zeichner sich auf Standardgesichtszeichnungen beschränken, malt P. Craig Russell absolut glaubwürdige, der Situation entsprechende Gesten und Mimiken – meisterhaft. Nuancen und erzählerische Übergänge werden durch textlose Mini-Panels und übergreifende Hintergründe grafisch umgesetzt, das klare Lettering und die blass gehaltenen Farben von Lovern Kindzierski runden den gelungenen Eindruck ab.

Den rund 200 Seiten langen Comic gibt es in der Softcover-Ausgabe für knapp 20 Euro, für knapp 30 Euro gibt es den Comic in derselben Ausstattung als Hardcover. Der Preis ist für ein solches Comic-Meisterwerk nicht zuviel verlangt. Und wer dann immer noch nicht genug von Coraline hat, der kann ab 13. August 2009 den Stop-Motion-Animationsfilm zum Roman im Kino sehen. Die Trailer des 100-minütigen Streifens von den Machern der Filme »The Nightmare before Christmas« und »Corpse Bride« versprechen – trotz einiger angekündigter Änderungen und Variationen - der abgefahrenen Geschichte auch in dieser Interpretation gerecht zu werden.

Bewertung:



© Sascha Vennemann

 

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