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Rezension - Black Metal - Band 1 - 4

Niki Kopp und andere
Black Metal
Band 1 – 4 (Miniserie)
Für ältere Jugendliche und Erwachsene

Comic
Infinity, Schwetzingen 2001
Preis: 6,66 €
ISBN: 9783934773664 (Bd. 1), 9783934773672 (Bd. 2), 9783934773680 (Bd. 3), 9783934773699 (Bd. 4)

Band 1 Band 2
 
Band 3 Band 4

Inhalt Band 1 bis 4:
Spaß haben – das ist die oberste Devise der Teenies Asako, Nina und Corky. Da sie keinen Bock auf einen Job haben, installieren sie in der Wohnung ihres Nachbarn Videokameras und stellen die Aufnahmen für Geld ins Internet. Ansonsten verbringen sie ihre Tage damit, in Clubs rumzuhängen, wahllos Drogen zu nehmen, sich vollaufen zu lassen, Computerspiele zu zocken und immer wieder die Szene zu wechseln. Zurzeit fühlen sie sich von der Retro-Disco-Szene angeödet, in der sie in der letzten Zeit abgehangen haben. Also muss was Neues her. Nach einer Sichtung von gerade aktuellen Szenen im Internet stoßen sie auf die Black-Metal-Szene, die gerade voll in ist. Voll in muss man natürlich sein, also machen sich die Mädchen auf die Suche nach passenden Klamotten, Gesichtsfarben, Accessoires und Instrumenten. Und wenn man schon dazu gehört, dann bitte volle Kanne, denn ohne Satanismus macht das schließlich keinen Spaß. Auf dem Programm stehen deshalb folgerichtig: Gräber schänden, Kirchen anzünden, Selbstverstümmelung, Mord. Dass dabei zwei der Mädchen draufgehen und die Dritte ins Gefängnis muss, ist eine unangenehme Konsequenz, aber aus Fehlern lernen? Nein, viel zu untrue ...

Beurteilung Ulrike Dansauer:
Wie immer nervig bei solchen Comics werden die üblichen Männerfantasien in entsprechenden Pseudo-»Kamera«-Einstellungen voll ausgewalzt: Junge, knackige, leicht bis gar nicht bekleidete, verruchte Dinger in aufreizenden (sprich realistisch gesehen unnatürlichen) Posen. Die natürlich das Leben voll auskosten mit Drogen, Alkohol und Partys bis zum Anschlag, in Wahrheit aber einfach nur völlig fertig und gelangweilt von diesem Lebens»stil« sind, das aber nie und nimmer zugeben würden. (Mal ganz abgesehen davon, dass der Bezug zur Realität völlig flöten gegangen ist.) Lieber alle drei Monate die Szene wechseln und sich wieder mit Drogen und Alkohol zudröhnen. Dass eins der Mädchen schon massive Probleme mit den Nachwirkungen der Drogen hat, wird zwar stirnrunzelnd zur Kenntnis genommen, aber nicht wirklich angegangen. Das verdirbt ja nur den »Spaß«. Aktuell soll die Black-Metal-Szene laut Internet total in sein, also diesmal eben Black Metal, schließlich soll der Spaßfaktor, den die Retro-Disco-Szene nicht mehr bringt, wieder aufgemotzt werden. Es geht um Spaß, ausschließlich um Spaß, und zwar bitte schön um grenzenlosen Spaß! Da haben so langweilige Dinge wie Verstand und Vernunft gar keinen Platz. Also kommt der Black Metal gerade richtig, v.a. wenn man ihn dann noch mit Satanismus und dessen »Tu, was du willst!« –Einstellung kombiniert. Sprich: Wenn man nicht wie der typische Black Metaller ein normales Leben führt und sich nur am Wochenende bzw. zu Konzerten in die Klamotten der Szene wirft. Nein, wenn dann schon richtig, mit echtem Blut, echtem Selbstmord, echtem Mord, echtem Kirchenanzünden und so. Schließlich will man Spaß und die grenzenlose Freiheit, Hauptsache nichts Ödes. Vernunftbegabte Menschen (und die Macher des Comics) merken schon, dass das früher oder später ganz gewaltig in die Hose geht. Das Leben hat eben nicht nur eine Seite der Medaille, nämlich die Spaß-Seite, zu bieten. Wer das nicht kapiert, fällt und kommt nicht mehr hoch. Zehn kleine Negerlein, in dem Fall drei kleine Mädchen, von denen nur noch eins bleibt. Und das steckt zunächst einmal im Gefängnis, fühlt sich pseudo-schuldig, bricht mit zwei anderen aus und stellt letztendlich fest, dass sein Zug in der Gesellschaft endgültig abgefahren ist. Da es nie Grenzen kennen und respektieren gelernt hat, nicht wirklich begreift, dass Freiheit nur solange gilt, wie man die Freiheit eines anderen nicht verletzt, nur Partys, Drogen und Alkohol kennt und sonst nichts auf die Reihe bekommt, bleibt ihm nur noch die Erkenntnis, dass es sich innerhalb der bestehenden Gesellschaft nicht mehr eingliedern kann und es sich außerhalb der Gesellschaft bewegen muss – natürlich mit dessen eigenen Gesetzen. Am besten mit anderen Gleichgesinnten. Wenn der Leser über den offen gelassenen Schluss scharf nachdenkt, begreift er die Logikfehler, die hinter dieser Einstellung stecken: Erstens hat das Mädel immer noch nix kapiert. Damit einhergehend zweitens: Sobald welche kommen, die genauso denken wie es, geht es weiter wie bisher. Heißt: Ohne Regeln und Gesetze, die auf das soziale Miteinander achten, bleibt am Schluss niemand mehr übrig. Sehr spaßig. Diese Fun-Kultur, die im Comic beschrieben wird, existiert auch in der Realität, wie jeder weiß. Das fängt mit den Teenies an, die sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit sinnlos bekiffen und besaufen, und dies als ultimativen Spaß sehen (wirklich?). Das geht weiter mit »härteren« Drogen und/oder Kiffen und Saufen, und natürlich hat man immer alles unter Kontrolle und es ist ja so spaßig. Schon klar. Die Fun-Kultur ist aber nicht nur auf die Teens beschränkt, das geht munter weiter als Erwachsener (sofern man das dann noch »erlebt«). Nix mit »Als Erwachsener müsste er/sie es eigentlich besser wissen!«. Der völlige Absturz ist also vorprogrammiert, wenn man nicht rechtzeitig die Kurve kriegt. Und aus der ist das Mädel im Comic mit Voll-Speed rausgeprescht. Die anderen hat’s eh schon früher gekostet. Man kann dem Comic also eine gewisse Tiefsinnigkeit nicht absprechen, denn die Macher haben sich definitiv Gedanken über das Thema Fun, Black Metal, Satanismus, Drogen und die Aussprüche: »Wenigstens kann ich sagen, ich habe gelebt!« und »Freiheit/Spaß über alles!« gemacht. Aber auch über das Internet und seine Big-Brother-Variante, denn die Mädels haben skrupellos Kameras in der Wohnung ihres unwissenden Nachbarn installiert, die Videos ins Internet gestellt und verdienen ganz gut an den Einnahmen ihrer Seite. Aber wie das im Leben so spielt: Es gibt keine Idee, die nicht schon einmal gedacht worden wäre. So müssen die drei entdecken, dass auch ihre Wohnung ohne ihr Wissen mit Kameras ausgestattet worden ist und ein anderer an ihrem Leben ordentlich Geld verdient. Das erklärt auch einige Panels im Comic, die so aussehen, als wären sie in der Kameraperspektive gezeichnet worden.

Rätsel geben die letzten zwei Panels und der Psalm auf, der von der Barmherzigkeit Gottes spricht: Beides passt nicht wirklich zu der Richtung, in die der Comic geht, denn im vorletzten Panel sieht man Corky als adrett und bieder gekleidete Reiseverkehrskauffrau, die ausgerechnet dem arbeitslosen Nachbarn eine Reise in diese »Stadt für junge Leute« verkauft. Erstens ist es unglaubwürdig, dass das Mädel auf einmal bieder wird (selbst wenn es eine Reise zu einer Aussteigerstadt anbietet, nebenher scheint es ja noch ganz normale Reisen zu verkaufen), zweitens kann sich kein Arbeitsloser eine Reise leisten. Wird damit eine Wunschvorstellung projiziert? Soll das die Katharsis sein, die der Titel des letzten Bandes andeutet? Wenn ja, passt das wie die Faust aufs Auge, denn diese Panels kommen unvermittelt und unerklärt. Selbst wenn damit das Satanische, das sich als normales Leben tarnt (was das letzte Piktogramm auf der Coverrückseite andeuten könnte), gemeint ist, hat man immer noch keine Katharsis, denn das Mädel steckt ja schon tief im Satanskult drin und braucht keine »Läuterung« mehr. Möge sich der Leser selbst Gedanken darum machen.

Beurteilung Michael Dansauer:
So oberflächlich die Protagonistinnen dieses Comics anfänglich in die Black Metal-Szene hineinschlittern, so fundiert kennen sich seine Macher mit der Szene aus. Brandstiftung, Selbstmord und Mord gehören tatsächlich zur Geschichte des norwegischen Black Metals der 1990er Jahre. So beging Per Yngve Ohlin, Sänger der Band Mayhem, der sich bei Bühnenauftritten seiner Band oft mit Messern oder Glassplittern selbst verletzte, 1991 Selbstmord. Øystein Aarseth, Gitarrist der Band, fand den Leichnam und fotografierte ihn, um die Fotos für ein Plattencover seiner Band zu verwenden. Diese Motive erscheinen auch in leicht abgewandelter Form im Comic. Auch die Ermordung eines der Mädchen durch das andere im Comic hat einen Anhalt in der Geschichte der norwegischen Black Metal-Szene. Kristian Vikernes verbüßt seit 1994 eine 22jährige Haftstrafe für die Ermordung an dem oben bereits genannten Øystein Aarseth. Vikernes behauptete, dass Aarseth seinerseits ihn töten wollte. Der im wahrsten Sinne des Wortes »mörderische« Wahnsinn, welcher in den 1990er Jahren für die reißerische mediale Präsenz des norwegischen Black Metals in den Medien sorgte, wird hier also auf das Abgleiten in eine Parallel-Realität projiziert, in welcher aus bedingungslosem Spaß tödlicher Ernst geworden ist.
Atmosphäre gewinnt der Comic dabei durch geschickt gesetzte Details. So spielen die Mädchen auf identifizierbaren Instrumenten der Marken Ibanez und Gibson, in einem der Zimmer der Mädchen hängt ein Poster der ebenfalls gänzlich weiblichen, aus Griechenland stammenden Black Metal-Band Astarte. Die Gesichter der weiblichen Figuren ähneln denen der Bandmitglieder von Astarte. Auch die Bezeichnung Nemesis für den ersten Band scheint auf Astarte zurückzugehen, denn eines der Gründungsmitglieder nennt sich Nemesis. Der letzte Band ist mit Katharsis betitelt, wenngleich eine solche in der Handlung nicht wirklich zu finden ist. Weder durchläuft die einzig verbliebene Hauptfigur eine echte Läuterung (»Katharsis«), noch kann der Schluss des Comics eine solche im aristotelischen Sinne beim Leser hervorrufen.
Ein weiteres interessantes Detail bieten die jeweiligen Rückseiten der vier Bände, auf denen in Form von Piktogrammen die Handlung des jeweiligen Bandes skizziert wird.

Bewertung:



© Ulrike und Michael Dansauer

 

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