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Jerry Cotton Rezension Band 2700

G-men sterben einsam
Jerry Cotton Band 2700


von Jerry Cotton
80 Seiten/1,60 €
Bastei-Verlag (Verlagsgruppe Lübbe)

Während Phil zu einer Vernehmung nach Albuquerque flog, erreichte mich ein Anruf vom Sheriff Office in Forge Valley, North Dakota. Dort hatte man eine junge Frau halb tot gefunden, die auf ihrem Unterarm meine Telefonnummer stehen hatte. Der Fall ließ sich so geheimnisvoll an, dass Mr High und ich entschieden, der Sache nachzugehen. Inzwischen erhielt Phil in Albuquerque einen Hinweis auf einen alten Unbekannten - das Phantom ...

Durchatmen!
Das war meine erste Reaktion, nachdem ich den Roman gelesen hatte. Bei dem hohen Erzähltempo des Romans, noch forciert durch die Ortswechsel, ist mir gehörig die Luft weggeblieben. Aber auch vor Erleichterung, da keiner der bekannten und geschätzten Charaktere getötet wurde. Ok, auch fiktive G-Men sind nicht unsterblich, aber für meinen Geschmack sterben schon zu viele echte Polizisten, da müssen nicht auch noch Romanhelden dran glauben.

Allerdings war der Anfang äußerst schwach. Auf der zweiten Seite war ich schon nah dran, den Roman in die Ecke zu pfeffern. Jerry war mal wieder voll auf dem Arroganztrip. Nicht nur dass er den Deputy zur Schnecke macht, ohne zu wissen, woher dieser seine Handynummer überhaupt hat (»Hören Sie mal, Deputy, wenn Sie mich schon anrufen, dann sollten Sie auch wissen, dass ich Special Agent in Charge Jerry Cotton vom FBI New York bin.«), sondern er fühlt sich intellektuell überlegen. (»Ich bemühte mich, mich auf die Denkgeschwindigkeit des Mannes einzustellen.«)
Außerdem: Seit wann ist Jerry bitte SAC? Da hat jemand im Lektorat wohl sehr gut und sehr tief geschlafen. Am besten vergessen wir diese Passage einfach.

Um was geht es in diesem Jubiläumsband eigentlich?
Nun, Phil fliegt nach Albuquerque, um mit einem Häftling zu sprechen, der vorgibt, ein großes Wissen zu haben. Dieses Wissen stellt sich als den realen Namen des Phantoms heraus. Doch bevor der Zeuge sprechen kann, wird er ermordet.
Gleichzeitig bekommt Jerry jenen Anruf, der bereits oben erwähnt wird: In einem Kaff in der Nähe zur kanadischen Grenze wird eine halb tote Frau aufgefunden, die Jerrys Nummer auf dem Arm hat. Jerry ist also im hohen Norden der USA und Phil in dem tiefsten Süden, und in beiden Fällen hat das legendäre Phantom seine Finger im Spiel. Mehr wird nicht verraten!

Neben Jerry und Phil sind Zeery, Les, June und Blair mit von der Party. Und sie sind nicht, wie so oft, reine Stichwortgeber, sondern tragen und entwickeln die Handlung. Überhaupt zeigt dieser Roman, dass die Serie Jerry Cotton auch ohne die eigentliche Hauptfigur hervorragend funktioniert. Ich wünsche mir, dass der Verlag den Autoren öfter erlaubt, Jerry temporär aussteigen zu lassen. Auch Superhelden haben mal ein Burnout.
Außerdem ist AD Homer wieder mit von der Partie, gewohnt penetrant bürokratisch. Eine Passage kann man sich förmlich bildlich vorstellen: Die G-Men wollen endlich bei der Suche vorwärtskommen, scharren bildlich gesprochen förmlich mit den Hufen, und Homer legt ihnen erstmal ein Formular vor, dass sie unterschreiben müssen. Man möchte am liebsten schreien: Muss das sein? Hat das nicht Zeit bis später?

Das absolute Highlight ist mir erst beim zweiten Lesen aufgefallen. Der Autor hat ganz geschickt ein kleines Wortspiel eingebaut und an mehreren Stellen im Roman versteckt. Die unbekannte Frau wird im Laufe des Romans als FBI-Agentin Sarah Beagle aus Albuquerque identifiziert. Als Jerry ihr Haar für eine DNA-Probe abschneidet, stellt er fest, dass diese rot gefärbt sind und ursprünglich blond waren, wie er durch den blonden Ansatz schließt. Ok, kurzer Exkurs: Laut Wikipedia sind Beagle extrem lauffreudige Jagdhunde, die früher in England speziell für die Treibjagd auf Kaninchen abgerichtet wurden. Charakteristisch ist ihr zumeist helles Deckhaar mit der roten Zeichnung an Kopf, Ohren und Rücken. Wegen ihrer hohen Widerstandskraft werden Beagle heute auch als Versuchstiere z. B. in der Pharmaindustrie eingesetzt. Exkursion beendet. Ich denke, dies lässt sich eins zu eins übertragen.

Außerdem hat »G-Men sterben einsam« einen herrlichen Humor, ich erinnere nur an das Geplänkel zwischen Blair und Phil beim Frühstück oder an Sätze wie »... die Kavallerie ist nur für die Rettung zuständig, nicht für die Verfolgung ...« bzw. den Dialog um das Doppelzimmer. Bitte mehr davon!

Stilistischer Gegensatz dazu sind die Ermittlungen in Albuquerque. Ernst, düster, irgendwie wusste ich nie, was ich von der ganzen Situation und den G-Men dort halten sollte. Wer ist Freund? Wer Feind? In einer Szene konnte ich mir Les´ Gesicht nur zu gut vorstellen.

So ganz nebenbei darf Phil endlich mal aus Jerrys Schatten treten und seine Führungsqualitäten zeigen. Wie er die Kollegen in Albuquerque meistert oder Blair in seine Schranken weist, leise, aber bestimmt.

Fazit:
Alles in allem ist »G-Men sterben einsam« ein Spitzenroman und eines Jubiläumsbandes mehr als würdig. Meine Meinung nach dem ersten Lesen, dass der Roman inhaltlich topp, aber handwerklich flopp ist, musste ich nach dem zweiten Durchgang gründlich revidieren. Sicherlich gibt es einige Stolpersteine: der schwache Anfang, der Patzer mit dem richtigen Dienstgrad, die Teilung bewährter Teams oder die mehr als hölzerne Beschreibung John D. Highs, die so gar nichts mehr mit der früheren Darstellung der Vaterfigur zu tun hatte. Auf die gesamte Länge des Romans sind dies aber Kleinigkeiten. Nobody is perfect.
Action, Humor und ganz viel Phil!

Bewertung:



© Petra Herrmann

 

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