Alisha Bionda & Michael Krug (Hrsg.)
SCREAM-Horror, Band 2
Painstation
Alle Grafiken: Mark Freier
Vorwort: Alisha Bionda
Horror-Anthologie, Paperback
Voodoo Press, A-2513 Möllersdorf, März 2011
204 Seiten / 14,90 €
ISBN: 9783950270198
Zehn Geschichten beinhaltet diese Horror-Anthologie, deren Besonderheit wie auch deren Gemeinsamkeit ist, dass die vertretenen nationalen und internationalen Autoren ihre Texte zu Schwarz/Weiß-Grafiken des Münchner Künstlers Mark Freier verfasst haben. Die jeweilige Grafik wie auch ein kurzes Autorenportrait sind der jeweiligen Story vorangestellt, sodass man bereits vor dem Lesen darüber spekulieren kann, zu welcher Handlung sich der/die Verfasser/in von dem Bild hat inspirieren lassen.
Den düsteren Reigen eröffnet der in der Werbebranche beheimatete Oliver Kern mit Der Fremdwohner.
Archivar Edmunds Leben ist in Monotonie erstarrt. Neben seiner Arbeit besteht sein einziger Kontakt zur Außenwelt in den Telefonaten mit und den Besuchen bei seiner dementen Mutter. Doch eines Tages erfährt sein Leben eine Wandlung, mit der er nie gerechnet hätte.
Der Fremdwohner zeichnet sich vor allem durch eine beklemmende Atmosphäre aus. Oliver Kern gelingt es sehr gut, die Tristesse von Edmunds Leben und seiner häuslichen Umgebung wie auch die Einsamkeit seines Protagonisten einzufangen und in Worte zu kleiden.
Thomas Plischke - Death View
Hauptperson Tim lädt sich eine App auf sein iPhone, die mit ihrer Software angeblich Fotos von Menschen dahingehend verändern kann, wie diese zum Zeitpunkt ihres Todes aussehen werden. Was sich wie ein Party-Spiel anlässt, wird bald zum realen Horror. Gewährt das Programm dem Fotografen tatsächlich einen Blick in die Zukunft oder führt es den Tod des Abgelichteten sogar erst herbei?
Eine makabre Geschichte in bester Final Destination-Manier.
Plischke bedient sich einer modernen, saloppen Sprache und steuert zielgerichtet auf das unvermeidliche Ende und die Pointe zu.
Schon unheimlich und fast prophetisch ist Plischkes Vision vom Ableben der Amy Winehouse (wenn er diese auch nicht beim Namen nennt, die Beschreibung aber eindeutig ist) die nur wenige Monate nach Erscheinen des Buches und dieser Geschichte am 23.07.11 tatsächlich unter tragischen Umständen verstorben ist.
Harald A. Weissen - Nachtsendung
In einer künftigen, von außerirdischen Parasiten beherrschten Parallelwelt, erbricht ein Radiomoderator seine Gedanken/seine Geschichte ins Mikrofon und lässt seine Hörer, hier: den Leser, an den Abartigkeiten und Absurditäten der Welt teilhaben.
Dieser Text gleicht einem LSD-Trip, einem surrealistischen Fiebertraum. Worte prasseln im Stakkato auf den Leser ein, erzeugen förmlich einen Sog, zwingen zum Weiterlesen ohne Unterbrechung.
Man hat das Gefühl, als hätten sich Helmut Wenske, William S. Burroughs, Luis Bunuel und Hunter S. Thompson zu einem gemeinsamen Projekt vereint.
Der Amerikaner Ronald Malfi lässt in der titelgebenden Story Painstation seinen Protagonisten Keanan, der in obsessiver Liebe seiner Kollegin Casey verfallen ist, dieser in einen mysteriösen Club unter der Erde folgen. Dort ist es jedem, der sich an die Regel hält, möglich, seine, vor allem sexuellen, Begierden auszuleben.
Eine erotische Phantasie in Form einer Mischung aus Film noir und Boschs Der Garten der Lüste.
Marc-Alastor E.-E. - Der Dorn im Auge
Eine Reminiszenz an E.A. Poes The Tell-Tale Heart mit fast identischem Ende.
Ganz im Stile des populären Autors düsterer Phantastik, fängt Marc-Alastor, mit seiner leicht antiquierten Sprache, die Atmosphäre Poe`scher Prosa kongenial ein.
Noch ganz unter dem Eindruck E.A. Poes stehend, schlägt man die letzte Seite von Der Dorn im Auge um und wird mit einer Grafik Freiers konfrontiert, bei der man unwillkürlich an The Fall Of The House Of Usher denken muss, könnte das dargestellte düstere Schloss doch sehr gut diese Geschichte Poes illustrieren.
Tanya Carpenter verwendet dieses Bild für die einleitende Szenerie ihrer Geschichte Bruderblut. Sogleich fühlt man sich heimisch in den Settings alter Dracula- und Roger Corman - Filme. Doch innerhalb der Schlossmauern erwartet den Leser eine pointierte und pikante homoerotische Vampir-Gruselgeschichte.
Daniel G. Keohanes Kurzgeschichte Amelia weiß mit einer kurzen, unprätentiösen Geistergeschichte zweier Mädchen zu gefallen. Kein Horror im eigentlichen Sinne, eher ein Stimmungsbild mit Worten gemalt.
Der auch im Geisterspiegel sehr präsente Rezensent Florian Hilleberg hat mit Beute eine Werwolfstory zu dieser Anthologie beigesteuert. Die Geschichte eines ungewöhnlichen Paares, welches auf der Suche nach der perfekten Mutter für seine Nachkommenschaft ist. Schonungslos brutal und triebgesteuert.
Brian Keene - Mr Chickbaum
Der zweifache Bram Stoker Award-Gewinner hat mit Mr Chickbaum eine schwarzhumorige Gruselgeschichte geschaffen, in der sich das Grauen langsam in eine amerikanische Durchschnittsfamilie schleicht. Die Ingredienzien sind eine unheimliche Bedrohung, ein imaginärer Freund, besorgte Eltern und ein wachsamer Kater namens Hannibal. Locker und flüssig von der Schreibe, unterhaltsam und pointiert.
Der letzte Beitrag dieser Anthologie stammt von Karl-Georg Müller. Seine Geschichte »Ich schneide sie in Stücke!« ist der Prolog zu seinem Roman Stählerne Seelen, kann aber durchaus für sich alleine stehen.
Jack The Ripper goes Steampunk könnte der Arbeitstitel dieser Story gewesen sein, denn genau darum geht es auch inhaltlich.
Protagonist Nathaniel Hawthorne lernt auf einem Luftschiff den deutschen Baron von Rottberg kennen, der im Londoner Bezirk White Chapel bestialische Morde an Prostituierten begeht und dabei Hawthorne zum unfreiwilligen Mitwisser macht.
Das Setting ist die Amtszeit Queen Victorias, in die auch die Morde von Jack the Ripper fallen, hier aber verfremdet z.B. durch den Gebrauch von Luftschiffen.
Interessant ist, dass sich der Autor mit der Person Nathaniel Hawthornes einer historischen Person als Hauptfigur bedient, nämlich der des gleichnamigen amerikanischen Schriftstellers, der - wie auch Melville und Poe - zu den bedeutenden Autoren dunkler Romantik gezählt wird. Müllers Hawthorne ist in dieser Geschichte allerdings Schotte.
Stilistisch sicherlich versiert, bleibt dennoch die Logik stellenweise auf der Strecke. Was ist z.B. mit der Person des Prinzen Albert Victor, der scheinbar bei Bedarf aus dem Hut gezaubert wird? Ist er nur ein unfreiwilliger Zeuge, ein gedungener Komplize oder ein Abhängiger des Barons? Auch das Verhalten Hawthornes ist, in seiner Eigenschaft als Mordzeuge, nicht wirklich nachvollziehbar. Und die Motivation des Barons bzw. seine Pläne mit den Prostituierten sind mehr als den Haaren herbeigezogen und gehen mit den Morden nicht kohärent.
Damit auch der letzte Leser merkt, dass er eine Geschichte des Subgenre Steampunk vor sich hat, werden die Glaskugeln des Barons übergangslos Steamer genannt, ohne aber dieser Bezeichnung vorab eine Erklärung zukommen zu lassen.
Kurz, eine sehr zwiespältige Geschichte, die mit Recht oder auch zum Glück an das Ende der Anthologie gestellt wurde.
Nicht versäumen möchte ich es, die Grafiken Mark Freiers explizit hervorzuheben. Der gelernte Mediengestalter und mehrfache Vincent-Preis-Gewinner erschafft mit seinen Bildern ein alptraumhaftes Grauen geprägt von atmosphärischer Dichte. Seine Illustrationen sind düster, unheimlich und voll surrealer Kraft.
(Ein Interview von Florian Hilleberg mit Mark Freier aus dem Jahre 2008, gibt es HIER zu lesen.)
Sicherlich gibt es die unterschiedlichsten Vorstellungen dahingehend, was Horror-Literatur eigentlich ist und diese ausmacht. Die vorliegende Anthologie vereint Geschichten von subtil bis vordergründig, von leichtem Grusel bis hartem Horror und erotischer Phantastik. In jedem Fall bietet Painstation einen gelungenen Querschnitt durch das Genre und bedient die verschiedensten Geschmäcker dieser Gattung der Unterhaltungsliteratur.
Schlussbemerkung: Bei einer möglichen Neuauflage wären diverse Schreibfehler, von denen ich ein Dutzend zählen konnte, zu korrigieren. So haben sich z.B. gleich beim ersten Autorenportrait, dem von Oliver Kern, Widersprüche wie auch Satzwiederholungen eingeschlichen.
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