M. Bianchi, S. Eberl, N. Horvath (Herausgeber)
Metamorphosen
Auf den Spuren H. P. Lovecrafts
Titelbild von Chris Schlicht
Anthologie, Taschenbuch
Verlag Torsten Low, Meitingen-Erlingen, Oktober 2009
200 Seiten / 11,90 €
ISBN: 9783940036032
»Wer ist die schwarze Ziege? Die schwarze Ziege in den Wäldern? Ist das ein Symbol, ein Symbol für die Hohepriesterin Xatilda? Eintausend Junge! Ja! Ja! Aber was hatte das zu bedeuten? (...) Ziegen waren nicht in unserem Gemeinschaftsraum und auch nicht im Tempel. Aber ich träumte sogar von Ziegen, vielen Ziegen, sicher eintausend an der Zahl ...« (Aus: Sascha Erni - Der Journalist)
- Christian Damerow - Der gute Gott
Eine neue Kirche soll er übernehmen, sagt ihm der Fremde. Nein, keine neue Kirche. Die Kirche seines Vaters. Zurück nach Irland. Hier in Deutschland ist er ohnehin am Ende. Aber woher weiß dieser Kerl von Pfarrer Deuters Vergangenheit? Dass er vor etlichen Jahren nach Deutschland gezogen ist und seinen Namen geändert hat? Und woher weiß der Fremde von seinen Träumen?
- J.C. Prüfer - Die Schokolade des Herrn Bost
Ein junger Journalist bekommt die Chance, den Süßwarenhändler Bost zu interviewen, dessen Hausmarkenschokolade »die Stadt (...) in ihrem Griff wie die Drogen die Metropolen«. Und tatsächlich offenbart Herr Bost ihm das einzigartige Geheimnis seiner Schokolade.
- Carsten Steenbergen - Der Fluch des Zulu
Kaum hat Willem Pretorius das Erbe seines Großvaters angetreten, entdeckt er einen Brief, der von den unrühmlichen Taten seines Ahnen in seinen Tagen in Afrika kündet. Seine Gier zog den Fluch des Zulu auf sich und auf alle seine Nachkommen.
- Nina Horvath - Zombies für einen Tag
»Wir verkleiden uns (...) als Zombies. Als ganz normale, absolut unpolitische Zombies, die gerne ein bisschen Spaß haben möchten.«Gemeinsam mit ihrem spießigen Freund nimmt Liona wieder einmal am Zombiewalk teil. Dieses Mal gibt es etwas ganz besonderes für die Teilnehmer: »Liora Spinell wird euch Stellen aus dem Necronomicon vortragen.«
- Thomas Backus - Die versunkene Stadt
Der Professor ist sich sicher, Atlantis endlich gefunden zu haben. Doch was, wenn er seiner Mannschaft sagte, dass die Quellen seines Wissens verstörende Träume sind. Aber schließlich schrieb auch dieser sonderbare Autor über eine versunkene Stadt. Der Professor ist sich sicher, dass R’lyeh nicht anderes als Atlantis sein kann.
- Sabrina Eberl - Die Ausstellung
Im städtischen Museum Arkham soll alles vorbereitet werden für die Ausstellung einer neu entdeckten Mumie. Michael Strom erhält den Auftrag, den vorgesehenen Raum mit den Grabbeigaben vorzubereiten, bevor die Mumie selbst eintrifft. Doch die Artefakte sehen so gar nicht ägyptisch aus. Am ehesten gleichen die abgebildeten Wesen Kreaturen aus dem Meer.
- Marco Bianchi - Der Kenotaph des Kagemni
Zufällig hat der Archäologe Reed die unscheinbare Öffnung entdeckt, doch sein Gefühl sagt ihm, dass dort unten etwas Bedeutendes auf ihn wartet. Als er endlich die Kammer erreicht hat, macht er sich daran, die Schriftzeichen dort zu entziffern. Doch in den Formeln sind einige sehr unkonventionelle Stellen enthalten, Stellen die Reed wachsendes Unbehagen verursachen.
- Samuel White - 3,5
Nach 15 seltsamen Vermisstenfällen mit Schleimspuren am Tatort, haben die Beamten endlich eine Spur. Der Schleim enthält unter anderem menschliche DNS. Außerdem wurden auch noch diese seltsamen Pappen am Tatort gefunden, ganz ähnlich LSD-Pappen.
- Chris Schlicht - Symbiose
Bei der Obduktion der skytischen Mumie entweicht etwas aus dem Leichnam. Alle Personen, die zugegen waren, starben. Jan dagegen fühlt sich besser denn je. Und plötzlich trägt er die Drachentätowierung, die zuvor die Mumie zierte.
- Markus Niebios - Die Anstalt
Um endlich die Halluzinationen und die Stimmen in seinem Kopf loszuwerden, sucht Talbot die Klinik Heiligenstein auf. Schließlich hatte man hier schon zahlreiche vielversprechende Patienten.
- Christian Stobbe - Portrait eines sterbenden Mannes
Die Gemälde des Malers Hogarth sind stets von einem beängstigendem Realismus. Und doch gleichen seine Landschaftsbilder in keiner Weise den realen Landschaften, die er abbildet. Die Bilder zeigen unheilige, wie infiziert wirkende Versionen der Originale. Sein neustes Bild zeigt eine Vision seines eigenen, grauenerregenden Todes.
- Sascha Erni - Der Journalist
In der Hoffnung auf eine interessante Story schleicht sich der Journalist in die »Fruchtbringende Vereinigung freier Geister« ein. Sicher nur eine weitere Amateurgruppe. Seltsam nur, dass das Internet nichts über die Vereinigung ausspuckt. Es tut sich auch nicht viel auf den Treffen. Doch was sind das für seltsame Träume?
- Robin Haseler - Das Erbe
Seine Überzeugung, der letzte Abigail zu sein, stellt sich für George Abigail als falsch heraus, als er das Erbe eines unbekannten Onkels antreten soll, nachdem dieser seit über einem Jahr unauffindbar ist. In dem alten Herrenhaus seines Onkels scheint etwas nach George Abigail zu rufen.
- Timo Bader - Der Veränderte
»Ich brauche ... Hilfe.« Nach 16 Jahren ohne Kontakt meldet sich Daniel plötzlich bei Erik. Die Stimmen, die Daniel hört, sind allerdings nur der Anfang. Überall sieht Erik die Zeichen, die auf einen baldigen Höhepunkt hindeuten.
»Ich erkannte jetzt, dass die dunklen Flecken auf der Tür ein chaotisches Muster ergaben, das zu betrachten mir bereits nach kurzer Zeit Schwindel und Übelkeit verursachte.« (Aus: J.C. Prüfer - Die Schokolade des Herrn Bost)
METAMORPHOSEN ist eine Anthologie der Geschichtenweber, eines »lockeren Zusammenschluss von Künstlern und Autoren, die gemeinsam Anthologien - Sammlungen von Kurzgeschichten zu bestimmten Themen - planen, erarbeiten, gestalten und Verlagen zur Veröffentlichung anbieten.«(www.edition-geschichtenweber.de)
Der Untertitel gibt die Richtung vor: AUF DEN SPUREN H.P. LOVECRAFTS wandeln die AutorInnen der Geschichtenweber diesmal. Im Laufe der Geschichten soll eine Metamorphose durchlaufen werden, wie es ebenfalls bei Lovecraft nicht unüblich war.
In den Beiträgen geht es also um Wandlungen, denen die Protagonisten anheimfallen. Manche herbeigeseht, einige erzwungen, die meisten eher unangenehm. Entsprechend wurden die Geschichten im Inhaltsverzeichunis als »Die Verwandlungen« betitelt, während die AutorInnen und HerausgeberInnen als »Die Verwandler«geführt sind.
Auch den Geist H.P. Lovecrafts sollen die Geschichten atmen. Ein vermeintlich enges Feld also, in dem sich die AutorInnen bewegen müssen. Und doch sind die Ergebnisse sehr unterschiedlich ausgefallen.
So streifen alle Geschichten mehr oder minder stark lovecraftsche Themen, ohne diesen allerdings etwas Wesentliches hinzuzufügen. Absolute Rohrkrepierer sucht man hier vergebens, auch wenn einige Stories den Eindruck vermitteln, dass diese (zumindest im Kopf der Autoren) schon geschrieben waren und das Lovecraft-Element und/oder die verlangte Verwandlung nachträglich eingefügt wurde (DER FLUCH DES ZULU, SYMBIOSE). Manche Beiträge bieten sogar durchaus Potential für größere Geschichten, hätten die AutorInnen nur mehr Raum gehabt, diese zu entwickeln (DER GUTE GOTT, 3,5, DER VERÄNDERTE). Einige Andere erweisen sich als deutliche Hommage an einzelne Lovecraft-Geschichten, wie Thomas Backus DIE VERSUNKENE STADT und Christian Stobbes DAS PORTRÄT EINES STERBENDEN MANNES.
Spannend ist auf jeden Fall die stilistische Vielfalt der Beiträge. Dies reicht von in Form von Tagebucheinträgen (DER JOURNALIST) ... bis zu einer alternativen Version von ROSEMARYS BABY (DER VERÄNDERTE).
»Kannst du erkennen, was das darstellen soll?«
»Ein Dreieck, ... nein, warte ... ein Viereck? Da kriegste ja Kopfschmerzen bei, wenn du da länger draufguckst. Was ist das?«
»Ich weiß es auch nicht. Ich habe es allen Kollegen vor Ort gezeigt. Fünf tendieren zum Dreieck, sechs zum Viereck, aber sicher ist sich keiner.« (Aus: Samuel White - 3,5)
Äußerlich ist METAMORPHOSEN ein rechtes Schmuckstück geworden. Chris(tine) Schlichts treffendes Covermotiv (ein kauernder, gebückter Mann, aus dessen Rücken eine stolz erhobene, geflügelte Bestie bricht) vereint sich mit dem kunstvollen Zierrahmen und dem schön typografisierten Titel zu einem echten Eye-Catcher (nominiert für den Vincent Preis 2009). Der Zierrahmen findet sich auch in einer schwarz/weiß-Version im Inneren vor jeder Geschichte wieder, und auch der Satz weis zu gefallen.
Dank Manuel Bianchi liegt dem Buch als Bonus ein Download Code für das Album Devourer der Pure Scandinavian Pussy Metal-Band SORROWFIELD bei. Der Bruder des Herausgebers, Marco Bianchi, ist nicht nur Bandmitglied von SORROWFIELD, sondern auch als Autor in METAMORPHOSEN vertreten.
Teil 2 der Anthologie ist beschlossene Sache. Die Geschichtenweber tun sich wieder zusammen, um weiter auf den Spuren H.P. Lovecrafts zu wandeln. SIE FINDEN DAS GRAUEN ist der Arbeitstitel der Anthologie.
Auszeichungen:
METAMORPHOSEN konnte inzwischen beim Vincent Preis 2009 den 4. Platz bei der Kategorie »Beste Storysammlung/Anthologie« belegen. Die Geschichten ZOMBIES FÜR EINEN TAG und DIE SCHOKOLADE DES HERRN BOST belegten die Plätze 4 und 5 in der Kategorie »Beste Kurzgeschichte«. Das Covermotiv von Chris Schlicht wurde Jury auf den zweiten Platz in der Kategorie »Beste Grafik« gewählt.
Beim Deutschen Phantastik Preis 2010 errang Carsten Steenbergens DER FLUCH DES ZULU Platz 2 der Kategorie »Beste deutschsprachige Kurzgeschichte«, die Anthologie erreichte ebenfalls Platz 2 der Rubrik »Beste Original-Anthologie/Kurzgeschichten-Sammlung«.
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